Aus: Ausgabe vom 02.10.2017, Seite 6 / Ausland

Kaum Hilfe für Kolonie

Washington gewährt Puerto Rico nach Hurrikan »Maria« nur geringe Unterstützung

Von Jürgen Heiser
Puerto_Rico_Covering_54886717(1).jpg
Zerstörte Infrastruktur: Der Hurrikan »Maria« hat in Puerto Rico eine Trümmerlandschaft hinterlassen (Yabucoa, 26.9.2017)

Wenn US-Präsident Donald Trump die Ankündigung des Weißen Hauses tatsächlich umsetzt und er am morgigen Dienstag die Karibikinsel Puerto Rico besucht, wird er nicht nur mit der Realität nach den ungeheuren Verwüstungen konfrontiert werden, die der Hurrikan »Maria« dort vor zehn Tagen angerichtet hat. Er wird auch den Zorn der Bevölkerung zu spüren bekommen, weil seine Regierung die Hilfsmaßnahmen für diese völlig von den USA abhängige Kolonie zu spät in Gang gesetzt hat. Und weil es ihm zudem erneut gelungen ist, Kritik beleidigt zurückzuweisen und die Öffentlichkeit gegen sich aufzubringen.

Am Samstag morgen hatte der Präsident scharf auf kritische Äußerungen der Bürgermeisterin der Hauptstadt San Juan, Carmen Yulín Cruz, reagiert. In mehreren Kurzmitteilungen, die er aus seinem privaten Golfclub in Bedminster im US-Bundesstaat New Jersey absetzte, verstieg Trump sich nicht nur zu der Äußerung, die Kommunalpolitikerin, die noch vor wenigen Tagen »sehr höflich« mit ihm telefoniert habe, sei nun »von den Demokraten« aufgehetzt worden und habe »sich sagen lassen, dass man zu Trump gemein sein muss«. Er warf Yulín Cruz und anderen Politikern in Puerto Rico vor, »nur über geringe Führungsfähigkeiten« zu verfügen und »nicht in der Lage« zu sein, »Helfer zu organisieren«. Natürlich fehlte auch nicht das obligatorische Selbstlob über die »fantastische Arbeit«, die seine Regierung »trotz widriger Umstände« leiste. Das sah real so aus, dass erst eine Woche nach dem Hurrikan 3.000 zivile und 7.000 militärische Helfer in Marsch gesetzt wurden, die von Generalleutnant Jeff Buchanan vom Nordkommando der US-Armee koordiniert werden.

So selbstgefällig wie bei Trump klang es auch schon, als sich US-Staatssekretärin Elaine Duke, derzeit kommissarische Leiterin des US-Heimatschutzministeriums, zwei Tage zuvor in Washington vor Reportern »sehr zufrieden« mit den Hilfsmaßnahmen ihrer Regierung zeigte. Das sei »eine Geschichte der guten Nachrichten«, weil man in der Lage sei, »die Opfer gut zu erreichen«. Außerdem habe es in Puerto Rico nur »eine begrenzte Zahl von Todesopfern« gegeben, nämlich offiziell 15, was bei »solch einem verheerenden Hurrikan« erstaunlich sei.

Der US-Sender CNN konfrontierte die Bürgermeisterin von San Juan dann am Freitag vormittag mit den Aussagen der Staatssekretärin. Yulín Cruz war so entsetzt und aufgebracht, dass ihr zunächst die Worte fehlten. Auf Nachfrage der CNN-Moderatorin sagte sie schließlich, in Washington könne man das vielleicht so sehen, aber »wenn die Leute hier aus Bächen trinken müssen, dann ist das keine gute Geschichte«. Wenn Mütter keine Nahrung für ihre Babys fänden, sei das ebenfalls keine gute Geschichte. Dann platzte ihr der Kragen: »Verdammt, das ist überhaupt keine ›Geschichte der guten Nachrichten‹! Das ist eine Geschichte von Menschen, die immer noch sterben! Das ist eine Geschichte von Leben und Tod!«

Zehn Tage nach dem Hurrikan »Maria« entwickelt sich die Situation in Puerto zunehmend zur humanitären Katastrophe. Die Infrastruktur ist weitgehend zerstört. Die Mehrheit der 3,5 Millionen Einwohner lebt ohne Elektrizität, frisches Trinkwasser und ausreichende medizinische Versorgung. Benzin wird knapp, wodurch auch die Notstromaggregate der Krankenhäuser ausfallen. Die Grundversorgung mit Lebensmitteln ist nicht mehr gewährleistet, weil Transporte über die zerstörten und zum Teil immer noch überschwemmten Landstraßen kaum möglich sind. Im Hafen der Hauptstadt San Juan lagern mittlerweile laut einer Meldung des US-Nachrichtensenders Democracy Now! Tausende von Schiffscontainern mit Hilfsgütern, die nicht verteilt werden können, weil es den zunächst nur zögerlich eingesetzten US-Soldaten bis zum Wochenende nur schleppend gelang, die dringend benötigten Güter in die ländlichen Gebiete der Insel zu transportieren. Dort, in den Ortschaften der Küstenregionen und im bergigen Zentrum der Insel, leidet die Bevölkerung am meisten.

In nur wenigen Stunden hatte »Maria« rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche vernichtet. Die New York Times zitierte einen Farmer von der Ostküste der Insel mit den Worten: »Es gibt keine Landwirtschaft mehr auf Puerto Rico.« Das ist eine Katastrophe für die Versorgung eines Landes, das in einer tiefen Schuldenkrise steckt und bereits zu normalen Zeiten 85 Prozent seiner Lebensmittel aus den USA importieren muss. Wie das Blatt weiter berichtete, müssten diese Importe »nun ganz sicher drastisch gesteigert werden«, weil »lokale Produkte wie Kaffee und Kochbananen« vernichtet wurden.

In dieser dramatischen Situation hatten sich am Donnerstag Kongressabgeordnete der Demokratischen Partei in Washington gemeinsam an die Öffentlichkeit gewandt. Sie beschuldigten US-Präsident Donald Trump, die »US-Bürger in Puerto Rico und auf den Virgin Islands im Stich zu lassen«. Mit gebrochener Stimme und unter Tränen wandte sich die gebürtige Puertoricanerin und New Yorker Kongressabgeordnete Nydia Velázquez an ihre Landsleute. Sie apellierte an alle »in Häusern ohne Dächer, die darauf warten, dass Strom und Wasser wieder fließen«, und alle »auf dem Festland, die sich große Sorgen um ihre Lieben auf der Insel machen«, nicht aufzugeben. »Auch wir werden nicht aufgeben, für euch zu kämpfen!«


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Bruch vertieft: Madrids hartes Vorgehen gegen Referendum stärkt Unabhängigkeitsbefürworter. Gewerkschaften kündigen Generalstreik an
    Carmela Negrete und Mela Theurer, Barcelona
  • Staatliche Angriffe auf das Referendum in Katalonien fordern Hunderte Verletzte. Premier Rajoy lobt Vorgehen der Polizeikräfte
    Mela Theurer, Barcelona
  • Die bürgerlichen Anhänger des Liberalismus verharren in der bloßen Konversation. Doch gesellschaftliche Veränderung beruht auf sozialen Bewegungen
    Mumia Abu-Jamal
  • Polen nimmt Erhöhung des Rentenalters zurück. Problem sind vor allem die vielen Sonderversorgungssysteme
    Reinhard Lauterbach, Poznan
  • Großbritannien muss bei Verhandlungen zum Austritt aus EU Konzessionen an Brüssel machen
    Christian Bunke, Manchester