Aus: Ausgabe vom 30.09.2017, Seite 12 / Thema

Blut tropft vom Schloss

Noch kann man es wegschwemmen – Man sollte Wilhelms wiedererrichtetes Herrenhaus an der Spree in einem tiefen See verschwinden lassen

Von Otto Köhler
Streit_um_das_Berlin_54263955.jpg
Ein Sarkophag, der die Raubkunst der deutschen Kolonialgeschichte unter Verschluss hält, wie es andernorts mit Atommüll geschieht, »damit bloß keine Strahlung nach außen dringt« (die französische Kunsthistorikern Bénédicte Savoy). Unfertige Kuppel des unfertigen Berliner Fake-Schlosses

Joachim Fest (1926–2006) kämpfte stets an vorderster Front, wenn es galt, korrekte Bilder der deutschen Geschichte zu erzeugen. In enger Zusammenarbeit mit dem multiplen Hauptkriegsverbrecher Albert Speer schuf er 1969 aus ebendemselben den guten Nazi, dessen tadellose Gewissensqualen uns allen als ein Wegweiser zum einwandfreien Umgang mit jeglicher deutscher Vergangenheit zu dienen haben (siehe jW-Thema vom 23./24. September 2017).

Das zeigte sich insbesondere 1973 bei der Verfertigung der überaus erfolgreichen 1.190-Seiten-Biographie jenes höheren Wesens, das wir nicht beim Namen nennen wollen: Trotz der »zahlreichen trüben, instinktgebundenen Züge, die ihm eigen waren« und trotz seiner »unverkennbar ordinären Eigenschaften« steht fest: »Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen zu nennen.«

Dem trug Fest Rechnung, indem er als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland in seinem Blatt den sogenannten Historikerstreit lostrat. Am 6. Juni 1986 druckte er wohlüberlegt eine Rede des Berliner Faschismusforschers Ernst Nolte, die angeblich nicht gehalten werden konnte. Und die endlich das ganze Problem mit Auschwitz und den deutschen Faschisten in ein sehr viel günstigeres Licht setzte. Nolte: »Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ›asiatische‹ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ›asiatischen‹ Tat betrachteten? War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?«

Und am 29. August griff Fest in die so entstandene Debatte ein, indem er in seiner »Zeitung für Deutschland« zu erwägen gab, dass »Hitlers Ausrottungskomplexe« gegen die Juden einen »realen Hintergrund« hatten. Weil nämlich »unter denen, die der schon bald in Chaos und Schrecken auslaufenden Münchner Räterepublik vorgestanden hatten, nicht wenige Juden gewesen waren«. Und Fest folgerte: »Wenn das aber so ist, so fragt man doch nach den wirklichen Gründen für die Ungehaltenheit, die Noltes Bemerkung ausgelöst hat, die Ereignisse in Russland seien ›das logische und faktische Prius‹ zu Auschwitz und zwischen beiden sei ein ›kausaler Nexus wahrscheinlich‹«.

Als dann drei Jahre später mit dem Kommunismus auch der Faschismus verschwand, konnte sich Joachim Fest endlich der positiven Aufbauarbeit widmen. Er hatte eine grandiose Idee. Am 29. November 1990 zogen Detlev Karsten Rohwedder und Birgit Breuel mit ihrer Treuhandanstalt vom Alexanderplatz um in Görings ehemaliges Ministerium an der Leipziger Straße 5–7, dort wo einst nach dem Pogrom vom 9. November 1938 auf einer großen Konferenz die totale Ausplünderung der Juden beschlossen wurde. Tags darauf erschien in der FAZ ein ganzseitiger Aufruf ihres Herausgebers Joachim Fest: »Plädoyer für den Wiederaufbau des Schlüterschen Stadtschlosses«.

Für die Seele des Volkes

Das zeugte – genau 99 Tage, nachdem die Volkskammer der DDR im inzwischen beseitigten Palast der Republik den »Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung zum 3.10.1990« beschlossen hatte – von einem feinen und zielstrebigen Geschichtsbewusstsein Joachim Fests: nach Hitler nun auch Kaiser Wilhelm II. da wiedereinzusetzen, wo er einstens residiert hatte.

»Erstmals seit der sogenannten Wiedervereinigung wird mit dem Artikel von Fest die Schlossplatzdebatte vor einem breiten Publikum angestoßen«, konstatierte Alexander Barti schon 2002 in seiner sehr informativen Dissertation »›Geschenk für die Seele des Volkes‹ – herrschaftliche Architektur befriedet das Volk?!«. »Nie«, so bemerkt Fest in seinem Eilartikel zur deutschen Einheit, habe das Schloss »gegen seine Umgebung gestanden, vielmehr als das repräsentative Bauwerk der Stadt und des Staates gegolten«. Es sei weder eine »Zwingburg« noch ein »Einschüchterungsbau« gewesen und habe »Menschenmaß« bewahrt.

Das ist hübsch formuliert und phantasievoll ausgedacht. Der in Nürnberg aufgewachsene Markgraf Friedrich II. (1413–1471), konnte sich schon mit seinem schrecklichen Fränkisch hier oben nicht verständlich machen. Als Friedrich aber an der Spree eine Burg zwischen den Bürgern von Cölln und Berlin errichten wollte – sie hatten sich gerade zusammengetan – da entstand der sprichwörtliche »Berliner Unwille: Die Bürger auf beiden Seiten erhoben sich, öffneten im Frühjahr 1448 die Schleusen, und der erste Ansatz zum Berliner Schloss wurde weggespült. Friedrich, der »Eisenzahn«, ließ seine Soldaten kommen, und nur so gelang es ihm, seinen Bau doch noch zu errichten, der bis ins 20. Jahrhundert immer wieder abgerissen, neu errichtet oder ergänzt wurde. Dieses Berliner Schloss diente auch dem späteren ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. – dem Großvater von Wilhelm II. – als Zwingburg. Als Prinz von Preußen und General der Infanterie erwarb er sich bei der blutigen Niederschlagung der Unruhen von 1848 – gerade auch vor dem Schloss – den Namen »Kartätschenprinz« und musste unter falschen Namen vorübergehend nach London fliehen.

Auch von seiner Funktion her habe das Schloss, schrieb Fest, »nie gegen seine Umgebung gestanden, vielmehr als das repräsentative Bauwerk der Stadt und des Staates gegolten«. Und die zahlreichen Umbauten hätten eine »geniale historische Collage« ergeben. Was man eben so sagt, wenn man es nicht besser weiß. Und die Umgebung des Schlosses sei einer der »schönsten Plätze Europas« gewesen. Sicherlich auch der Paradeplatz, auf dem der Kartätschenprinz die Bürger abschießen ließ.

Tadelnswert war allerdings für den Herausgeber der FAZ, dass Walter Ulbricht 1950 nach der Sprengung der Überreste, die Hitlers Krieg vom Schloss übriggelassen hatte, dort nunmehr »einen Platz für massenhafte Unterwerfungsgesten« schaffen wollte, die einer fremden, einer östlichen und vergangenen Vorstellungswelt entstammten.

Die von Joachim Fest so eilig angestoßene Diskussion um eine Wiedererrichtung des kaiserlichen Schlosses zog sich ein Jahrzehnt lang hin. Gewiss. Der von Erich Honecker auf dem Platz des Kaiserschlosses gebaute Palast der Republik wurde später »zurückgebaut« – wie der eigens für die Ostdeutschen entwickelte Begriff lautet. Grund: Er war asbestverseucht. Das ebenso verseuchte ICC in Westberlin steht noch immer. Aber hier besteht nicht die Gefahr, dass Ostmenschen damit schöne Erinnerungen verbinden.

Doch über eine Wiedererrichtung des Schlosses fiel unter dem Einheitskanzler Helmut Kohl keine Entscheidung. Im Herbst 1998 kamen SPD und Grüne an die Regierung. Da änderte sich nicht alles, was man vermutet hatte. Aber manches. Einige Wochen nach seiner Wahl, Anfang Februar 1999, gab Gerhard Schröder der Zeit ein Interview. Man sprach zunächst über etwas anderes. Der frischgewählte Bundeskanzler, der ursprünglich »auch ohne ein Mahnmal in Berlin« – gemeint war das Holocaust-Mahnmal – hätte »leben können«, unterstrich jetzt in der Wochenzeitung ausdrücklich: »Bei einem solchen Projekt wird es immer Menschen geben, die aus prinzipiellen Erwägungen heraus, die man ernst nehmen muss, dagegen sind.« Die AfD war damals noch nicht gegründet.

Befriedend und darum befriedigend

Und dann kam er zur eigentlichen Sache. Er traue der modernen Architektur durchaus zu, dass sie auf den Schlossplatz etwas Neues baue, doch um seinen »ästhetischen Geschmack« gehe es letztlich nicht. »Aber wenn man in einer solchen historischen Situation ist und dem Volke was für die Seele gibt, kann das außerordentlich befriedend und damit auch befriedigend sein.«

In einer solchen historischen Situation? Was für eine meinte Schröder? Die Zeit fragte nicht nach. Und Schröder hätte sicherlich auch nicht exakt geantwortet. Barti meint in seiner sonst so enthüllenden Dissertation: »Das besagte Schröder-Interview war die Ouvertüre für das Preußenjahr 2001 und die damit verbundenen schier unzähligen Veröffentlichungen und Stellungnahmen, die Preußen und seine Hohenzollern einer Würdigung unterzogen. Die Anerkennung der besonderen Leistungen im Bereich der Kultur, die die Hohenzollern geleistet haben sollen und sicherlich auch geleistet haben – Stadtschloss inklusive – kamen nicht zu kurz.«

Ja auch. Aber erst zwei Jahre später. Jetzt, beim Schröder-Interview, schrieb man den 4. Februar 1999. Da war der Krieg schon vorbereitet, der am 24. März gegen Jugoslawien ausgebrochen wurde. Von Schröder. Mit der von Rudolf Scharping präsentierten »Hufeisenplan«-Fälschung und dem von Joseph Fischer zum Kriegsruf missbrauchten »Nie wieder Auschwitz«. Das meinte Schröder, als er der Zeit schon vorher verraten hatte, er wolle »dem Volke« etwas für seine Seele geben, das »außerordentlich befriedend« sei.

Das wiederzuerrichtende Hohenzollernschloss als Dank dafür, dass er den Krieg gegen die Serben zum Endsieg führen konnte. Den Krieg, den Wilhelm II. zusammen mit Österreich begonnen und den Hitler ohne Kriegserklärung weitergeführt hatte. Von nun an gab es für den Schlossbau kein Halten mehr. »Unglaublich!« vermerkt Barti zu Schröders Plan, das Volk mit dem Schloss zu befrieden: »Die Aussage des Chefs der ersten rot-grünen Bundesregierung, die so ganz und gar nicht in das Selbstverständnis der ›alternativen‹ und ›kritisch-emanzipatorischen‹ Generation passte, gab letztlich den Anstoß für die vorliegende Untersuchung. Wenn selbst Linke – oder vielleicht besser gesagt: Menschen, die sich als Linke verstehen – wieder Schlösser bauen wollten in Berlin, dann war das Berliner Schloss nicht einfach ein Bauprojekt unter vielen, dann musste dieses Gebäude – und vor allem die an ihm entfachte Debatte – ein Seismograph sein für die geistige Verortung der Elite dieser Gesellschaft. Der Erkenntnisdrang war entfacht, man musste diesen Dingen auf den Grund gehen«.

»Von dem Zeitpunkt an«, schreibt Barti, »als Schröder sein überraschendes, von Politikberatern und PR-Spezialisten wohl abgewägtes Votum veröffentlichen ließ« – er verplapperte sich ja nicht in einer der vielen TV-Talkshows – »war das Projekt ›Stadtschloss‹ nicht mehr gefährdet«.

Auf dem Weg in die glorreiche Vergangenheit gab es kein Halten mehr. 2002 beschloss der Bundestag mit einer großen republikanischen Mehrheit den Wiederaufbau des kaiserlichen Palastes. Für etwaige Intellektuelle, die da noch mosern, wurde das »Humboldt-Forum« als Schlossinhalt erfunden, eine Art Haus der Kulturen der Welt. Das gibt es zwar schon in Berlin: die »Schwangere Auster« – aber warum sollte sie nicht Wilhelms Schloss gebären. Die in den »völkerkundlichen« Museen in Dahlem gezeigten Raubstücke des kaiserlichen Imperialismus sollen ausgestellt werden, dort wo sie unrechtens hingehören.

Etwas anderes wäre im wiederausgebrochenen Deutschland auch nicht möglich gewesen. 2015 hatte Eckart Spoo, der im vergangenen Jahr verstorbene Ossietzky-Gründer einen Aufruf initiiert, das wiederaufgebaute Schloss als zentrale Gedenk- und Lernstätte für die Verbrechen der Nazi-Zeit zu nutzen, die es bisher nicht gibt (»Was erfährt man in Berlin von den Verbrechen, die außerhalb der deutschen Grenzen begangen wurden, zum Beispiel in Sobibor, Majdanek, Belzec, im weißrussischen Trostenez, in Jugoslawien oder in Griechenland, in den Adreatinischen Höhlen oder in Oradour? Was werden spätere Generationen von gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhängen oder auch vom Nachwirken des Hitler-Faschismus erfahren?«)

Doch das interessierte die Schlossgewaltigen nicht. Die deutschen Kriegsverbrechen fallen nicht in die Zuständigkeit des Preußischen Kulturbesitzes.

Humboldt-Forum, ein Tschernobyl

Die Welt entsetzte sich im Sommer: »Spricht man derzeit mit Berliner Kulturleuten im Alter zwischen vierzig und fünfzig über das Schlossgebäude, spürt man den Schock darüber, dass all das wirklich passiert – und dass man die historische Rekonstruktion des 1950 von der DDR-Regierung gesprengten Stadtschlosses nicht verhindert hat.«

Humboldt-Forum – das ist nur ein Tarnname, mit dem sich die Schuldigen an der Rekonstruktion des Wilhelm-Schlosses darüber hinwegschwindeln, dass hinter allem nur dieses ewige Deutschland steckt, das uns und die Welt seit 1871 nervt – seit der chauvinistischen Rekonstruktion des Reiches aus den heiliggesprochenen Überresten des Mittelalters. Humboldt-Forum – ein Fake, hinter dem das Deutsche Reich und sein Schloss stehen. Allein schon die »Ikonographie der Fassade mit ihren Waffen, Helmen, Rüstungen. Bis hin zum Kreuz« – das sagte angeekelt Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin aus dem Beirat des Pariser Louvre der Süddeutschen Zeitung vom 20. Juli dieses Jahres. Sie war gerade protestierend aus dem neunköpfigen »Expertenbeirat des« – ja – »größten Projekts der deutschen Kulturpolitik« (SZ) ausgetreten. Dieses internationale Gremium dem Kunst- und Kulturhistoriker aus der ganzen Welt angehören, von Kenia über Peru bis China, hat seit 2015 erst zweimal getagt. Eine »bloße Pro-forma-Veranstaltung«, sagt Savoy, für deren Überlegungen sich niemand interessiere.

Sie sieht jetzt den unlösbaren Widerspruch, der dieses »Humboldt-Forum« beherrscht: »Die Architektur signalisiert, dass man Geschichte rückgängig machen kann. Doch den Leuten, die um Rückgabe gestohlener Objekte bitten, erklärt man, Geschichte lasse sich nicht rückgängig machen.« Das Humboldt-Forum und die oberkommandierende Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Kultureigentümer, preußisch – weigerten sich, die Geschichte ihrer Exponate offenzulegen. Ohne eine Auseinandersetzung mit dem Ursprung der außereuropäischen Kulturzeugnisse dürfe heute kein ethnologisches Museum öffnen, sagte Savoy dem Münchner Blatt.

Und sie berichtet, was an der TU Berlin ihre Studenten aus aller Welt sagen: »Das Schloss ist ein Fake, aber die Objekte darin sollen Originale sein. Warum produziert man nicht perfekte Kopien dieser Objekte und schreibt dazu: Das Original besaßen wir 120 Jahre lang, jetzt haben wir es an Kamerun zurückgegeben. Ein Fake-Museum in einem Fake-Schloss, das würde Sinn machen.« Ja, klagt die Professorin Savoy, »man könnte sich unendlich viel vorstellen, wenn das Ganze nicht unter dieser Bleidecke begraben wäre wie Atommüll, damit bloß keine Strahlung nach außen dringt. Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl.«

Es vergiftet uns alle. Bénédicte Savoy hat genug mitbekommen bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: »Das hierarchische Gefüge, die fehlende Autonomie einzelner Häuser, da herrscht eine totale Sklerose«. Provenienzforschung? Savoy: »Ich will wissen wieviel Blut von einem Kunstwerk tropft«. Das steht vom größten Projekt deutscher Kulturpolitik im kaiserlichen Schloss nicht zu erwarten.

Sie haben sie ohne Sinn und Verstand restauriert: Wilhelms widerwärtige Wohnstätte in der Mitte Berlins. Ein Jahrhundert nach seiner Flucht aus der Reichshauptstadt soll das Unding im kommenden Jahr aufgemacht werden, wenigstens das wird sich nach Flughafensitte nicht pünktlich realisieren lassen.

Das Hunnenschloss

Hier im Schloss hat sich der Kaiser die Hunnenrede ausgedacht, mit der er das letzte, das deutsche Jahrhundert eröffnete: »Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!«

In Wilhelms wiederaufgerichtetem Schloss wird das Blut am Beutegut hunnischer Deutscher unabwischbar eingetrocknet sein. Es fließt heute wieder bei den aus der deutschen Verantwortung für die ganze Welt geborenen Auslandseinsätzen der Bundeswehr. So wie beim Massaker von Kundus, dessen Urheber danach – ehrlicher Dank seines Vaterlandes – vom Obersten zum Brigadegeneral befördert wurde.

In Hitlers Reich hatte Albert Speer die Siegessäule für den Reichsgründungskrieg vom Königsplatz zum Großen Stern versetzt und um eine Trommel für die Siege von 1939 und der folgenden Jahre ergänzt. Der soeben verstorbene Heiner Geißler wusste, wie man damit umgehen muss: Einfach sprengen das Ding.

Für Wilhelms Schloss, das vor dem Berliner Unwillen als Humboldt-Forum getarnt ist, gibt es eine noch bessere Lösung: Wir geben das Beutegut aus aller Welt zurück, öffnen die Schleusen der Spree und lassen das noch nicht fertiggestellte Hohenzollernschloss ganz einfach absaufen. Ein großer Badesee in der Mitte der Stadt, darauf könnten die Berliner stolz sein. Der erste in Versailles ausgerufene deutsche Kaiser Wilhelm eins hatte – bei allem Prunk – keine Badewanne. Er ließ sich ins Schloss aus dem Hotel de Russie eine Zinkwanne kommen. Nur einmal in der Woche, das Schwein.

Der Berliner Unwille von 1448

Eine Erzählung vom Aufstand der Bürger gegen den aus Nürnberg stammenden ­Markgrafen Friedrich II. von Brandenburg

»Wehret den Anfängen! Und fangt mit dem Wehren an! Öffnet die Schleusen und lasst dem Wasser seinen Lauf! Setzt den gestauten Fluss frei und lasst ihn reißend zur Seite hinaus übers Ufer schießen und dort alles überfluten, wegreißen und fortschwemmen, durchweichen und verschlammen, zerstören und versenken, was sich seit Monaten auf dem weiten Gelände breitgemacht hat: Gemäuer und tiefe Schächte, Baugerüste und Hebewerke, Holzstapel und Ziegelhaufen, Maurerhütten und Werkzeugbuden. Und spült die Handwerker, die Arbeiter, die sich zu solchem Frevelbau hergeben gleich mit weg, und am besten und auch den, der dazu den Auftrag gegeben hat, den hohen Herrn aus Nürnberg, der hier, an der Spree, doch nichts zu suchen hätte – außer das Weite!«

Aus: Dieter Hildebrandt: Das Berliner Schloss. Deutschlands leere Mitte, Hanser-Verlag, 2011

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt in der vorigen Wochenendausgabe über den fälschenden Ghostwriter der Albert-Speer-Memoiren und FAZ-Herausgeber Joachim Fest.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Neue Ausgabe vom Dienstag, 19. Dezember erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio: