Aus: Ausgabe vom 30.09.2017, Seite 7 / Ausland

Hoffnung auf Aufschwung

In Damaskus machen sich die Menschen Gedanken über das Leben in Syrien nach dem Krieg. Eine Reportage

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Straßenszene in Damaskus: Das Leben um die Ommayyaden-Moschee geht weiter

»Wenn ich zukünftig nach Afrin fahren will, werde ich wohl ein Visum brauchen«, schmunzelt Nabil, der in einem kleinen Familienhotel im Zentrum von Damaskus arbeitet. »Schon jetzt muss ich nachweisen, dass ich dort jemanden kenne, sonst komme ich gar nicht hinein.« Asis, der im gleichen Hotel arbeitet und aus Afrin stammt, zwinkert ihm zu: »Macht nichts, ich werde für dich bürgen. Dann ist das kein Problem.«

Die Menschen in Afrin müssten sich vor möglichen Attentätern schützen, erklärt Asis die neuen Regularien in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt westlich von Aleppo. Noch lachen die beiden – ein kurdischer und ein tscherkessischer Syrer – doch kurze Zeit später fliegen die Fetzen. Als Kurde habe er das Recht auf einen eigenen Staat, meint Asis. Genau wie im Irak. Und die Drusen, die Tscherkessen, die Turkmenen und Armenier, die in Syrien leben, sollten die auch alle einen eigenen Staat gründen, fragt Nabil. Wovon und wie sollten dann die Menschen leben, wenn zwischen ihnen Grenzen gezogen würden. Die Kurden würden das Erdöl und -gas, Weizen und natürlich Oliven verkaufen, meint Asis. »Das gehört doch allen in Syrien«, wendet Nabil ein. Oder wollten die Kurden allein darüber bestimmen?

Man sei doch zu Gesprächen bereit, schaltet sich Hanan ein, ein weiterer Kollege der beiden, der wie Asis aus Afrin stammt. Der syrische Außenminister Walid Muallem habe ja auch von einem Dialog gesprochen. Das sei der beste Weg. Wenn Damaskus die Föderation Nordsyrien anerkenne, sei alles in Ordnung. Wenn Damaskus sie nicht anerkenne, werde man sich trennen müssen.

Die Frage, wie sich die syrischen Kurden zukünftig verhalten werden, ist seit dem Referendum im Nordirak ein häufiges Thema in Damaskus. Natürlich müsse man sich politisch entgegenkommen, meint der Historiker George Jabbour. Die eigene Sprache und kulturelle Rechte seien in der UN-Menschenrechtscharta verankert. Doch anders als im Irak lebten die syrischen Kurden geographisch nicht in einem zusammenhängenden Gebiet, das sei selbst für eine Föderation – die im übrigen als politisches System für ganz Syrien erst akzeptiert werden müsse – ein Hindernis. »Was wollen sie in Rakka, was in Deir Al-Sor oder Abu Kamal«, fragt Nawar, ein junger Soldat der syrischen Streitkräfte. Dort gäbe es gar keine Kurden.

In einem kleinen Café unweit der Umayyaden-Moschee in der Damaszener Altstadt arbeitet Issa, der aus einer kurdischen Familie in Kamischli stammt. Die Entwicklung im Norden Syriens schätzt er eher als temporär ein. »Wenn die Terroristen vertrieben sind«, solle Syrien als Gesamtstaat zusammenfinden, meint er. »Wir gehören doch alle zusammen, wir sind doch eine Familie.« Er gehöre keiner Partei an und habe seine eigenen Ideen. Die politischen Debatten seien für ihn auch zweitrangig: »Unser Geld reicht meist nur bis zur Hälfte des Monats«, sagt er. »Wovon sollen wir in der zweiten Monatshälfte leben?«

Durch Maßnahmen des Ministeriums für Inlandshandel und Verbraucherschutz seien zumindest die Preise für Lebensmittel, Obst und Gemüse deutlich gesunken. Doch noch immer seien die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches höher als vor dem Krieg. Damals habe er sich sogar ein Haus kaufen können, so dass er glücklicherweise keine Miete zahlen müsse, sagt Issa. Monatlich habe er 30.000 Syrische Pfund verdient, was 2010 etwa 600 US-Dollar entsprach. Auf seine Bitte hin habe sein Chef nun sein Vorkriegsgehalt verdoppelt, das helfe ihm und seiner Familie sehr. 60.000 Syrische Pfund sind heute etwa 120 US-Dollar wert.

Moutaz, der die vergangenen Jahre meist zornig und verbittert das Geschehen in seiner Heimat verfolgte, ist in diesen Tagen fast ausgelassen und guter Dinge. Syrien komme wieder auf die Beine, zeigt er sich überzeugt. Der Wiederaufbau werde beginnen, es werde wieder Arbeit geben. In seinem Dorf gebe es 24 Stunden Strom, sieben Tage die Woche, das sei »wie ein Wunder«, lacht er. Jahrelang gab es keinen oder nur wenige Stunden am Tag. Doch die Armee habe Gasfelder im Osten des Landes befreit, der Wind habe sich gedreht. »Ein Sandwich kostet jetzt nur noch 250 Lira«, rechnet er vor. Noch Anfang September musste man dafür 500 Syrische Pfund bezahlen, etwa einen US-Dollar.

Vor 30 Jahren kam Moutaz aus Dubai zurück, wo er fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Er stieg in das Taxiunternehmen seines Vaters ein und fuhr Reisende zwischen Damaskus und Beirut oder Amman hin und her. Die Grenze nach Jordanien ist als Folge des Krieges geschlossen. Doch vor einigen Wochen kündigte Amman einen Politikwechsel gegenüber Syrien an. Die Schlagbäume könnten bald wieder geöffnet werden.

Die Autobahn zwischen Damaskus und Amman führt durch die syrische Provinz Deraa, die noch teilweise unter Kontrolle bewaffneter Gruppen steht. Ein Deeskalationsabkommen soll dafür sorgen, dass die Waffen schweigen, dass Handel und Wiederaufbau in Gang kommen. Wenn die aktuellen Verhandlungen abgeschlossen seien, werde es bis zur Grenzöffnung nicht mehr lange dauern, hofft Moutaz. Bis zum Jahreswechsel könnte es soweit sein: »Dann fahren wir zusammen nach Amman!«

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