Aus: Ausgabe vom 29.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die neueste Weltordnung

Selbstbewusst vermarktungsfeindlich: Sandow und ihr neues Album »Entfernte Welten«

Von Rafik Will
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Oder wie wäre es mit einem Besuch in der mexikanischen Wüste? Sandow

Mittlerweile 35 Jahre ist es her, da gründete sich in Cottbus die New-Wave-Band Sandow, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil. Und anders als die DDR gibt es sie immer noch. Oder wieder, 1999 aufgelöst, Reunion 2007. Und jetzt ist das neue Album erschienen. Es heißt »Entfernte Welten«, das kann man geographisch wie zeitlich verstehen oder auf den Prozess des Entferntwerdens beziehen.

Geht es schon wieder um die DDR? Die ist ja schließlich durch den Anschluss an die BRD auch entfernt worden. Nein, sagt Sänger und Texter Kai-Uwe Kohlschmidt im Telefongespräch, mehr um den Wegfall von Utopiemodellen im gesellschaftlichen Diskurs.

Die meisten der 14 Songs sind wunderbar lang gehalten und damit selbstbewusst vermarktungsfeindlich. Der raunend vorgetragene Eröffnungstitel heißt »New World Order« und ist gedacht als positive Umwertung eines politischen Kampfbegriffs, mit dem nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus US-Präsident George Bush senior 1991 den Anspruch der USA, führende Weltmacht zu sein, bekräftigte. Sandow stehen für eine Neuinterpretation. Sie wollen eine andere Weltordung und setzen auf antiautoritäre Bewegungen und Revolutionen.

Ansonsten geht es tatsächlich um Reisen in entfernte Weltgegenden wie den Himalaja (»Stein«). Oder um Abstecher in halluzinierte Traumwelten (»Mangan«). Oder wie wäre es mit einem Besuch in der mexikanischen Wüste, um einem drogeninduzierten Initiationsritual beizuwohnen, begleitet von Worten auf Lakota (»Deng Deng Nagual«)? Alles ist möglich in den von Kohlschmidt treffend als »Textlabyrinthe« bezeichneten Lyrics. Sie scheinen in eigenen Klanglandschaften auf, die weit vom Mainstream entfernt sind. Tilman Berg (Schlagzeug/Electronics), Tilman Fürstenau (Bass/Cello) und Chris Hinze (Gitarre/Klanglabor/Percussion) bauen spinnwebfeine Soundgebilde auf, nur um sie im nächsten Moment mit brachial rockigen Höllenmaschinenklängen zu zerfetzen, wobei sie Rammstein alt aussehen lassen. In der entfernten Welt der 1990er Jahre waren die einmal die Vorband von Sandow.

Kohlschmidts Gesang orientiert sich weniger an Melodien als an der Rhythmik der gesprochenen Sprache. In dem Song »Wüste« nutzt er ganz pur a capella unterschiedliche Silben wie die Bestandteile eines Drum-Sets, chorisch unterstützt von seinen Bandkollegen. Der älteste Song auf der Platte ist »Mangan«. Der psychonautische Text dazu lag bei Kohlschmidt schon länger in der Schublade.

Er und seine Frau Momo Kohlschmidt (die als Gastsängerin auf »Entfernte Welten« zu hören ist), gehören übrigens zu einer Künstlergruppe namens »Mangan25«. Mit der waren sie im vergangenen Jahr auf Papua-Neuguinea, wo sie auf die Spuren des ehemaligen bayerischen Kolonialoffiziers Hermann Detzner stießen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte der eine eigene Miliz gegründet und sich in den Dschungel zurückgezogen, um nicht vor den australischen Streikräften kapitulieren zu müssen. Ein absolut größenwahnsinniger Mann, über den Kohlschmidt das Hörspiel »Detzman Walking – Die Verwandlung des Hermann Detzner« schuf. Eine sehr gute Arbeit über die physischen und psychischen Verwüstungen des immer noch viel zu selten thematisierten deutschen Kolonialismus. Läuft heute auf RBB-Kulturradio.

Sandow: »Entfernte Welten« (Major Label/Broken Silence)

Kai-Uwe Kohlschmidt: »Detzman Walking – Die Verwandlung des Hermann Detzner«, heute, 22.04 Uhr, RBB-Kulturradio

Tourtermine: 20.10. Rostock, 10.11. Pößneck, 17.11. Cottbus, 18.11. Potsdam, 2.12. Lugau, 8.12. Plauen, 16.12. Döbeln


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