Aus: Ausgabe vom 26.09.2017, Seite 5 / Inland

Erst ausbeuten, dann feuern

Im H & M-Lager in Großostheim haben sich die Beschäftigten gegen miese Arbeitsbedingungen gewehrt. Bosse verlegen Sitz ins Ausland

Von Jessica Reisner
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Filiale des Bekleidungskonzerns in Berlin

Im H & M-Lager Großostheim bei Aschaffenburg arbeiten 344 Beschäftigte im Zweischichtsystem. Doch das Management hat am 29. August angekündigt, die Arbeit am Standort zum 30. Juni nächsten Jahres einzustellen. Es dürfte sich vorgeblich um eine Vergeltungsmaßnahme und die Entsorgung einer gut organisierten Belegschaft sowie ihres konfliktbereiten Betriebsrats handeln.

Dieser hatte im Januar in einer Einigungsstelle eine neue Betriebsvereinbarung verhindert, die unter anderem vorsah, Dienstpläne noch flexibler zu gestalten. Der bisherige Planungszeitraum von 14 Tagen sollte weiter verkürzt werden. Die Belegschaft sollte an Samstag zu noch mehr Arbeit auf Abruf verpflichtet werden.

Der Betriebsrat wehrte sich gegen diese weitere Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse. Die Beschäftigten des Lagers litten ohnehin schon unter den enormen Anforderungen und der Arbeitsverdichtung. Die Kommissionierer, meist Frauen, die die Bestellungen einzelner H & M Stores zusammenstellen, mussten jeden Tag dicke Stapel von Listen abzuarbeiten. Um das Pensum zu schaffen und unangenehme Einzelgespräche mit Vorgesetzten zu vermeiden, hatten sie sogar auf Pausen und Toilettengänge verzichtet. 150 Beschäftigte des Lagers Großostheim sind über 50 Jahre alt.

Die Auftragslage änderte sich, als die Belegschaft sich zwischen Mai und August an Streiks im Rahmen der Entgelttarifrunde Einzelhandel beteiligte. Das H & M-Management unter Deutschlandchef Thorsten Mindermann verlegte die Abwicklung vieler Aufträge in H & M-Lager in Hamburg und Österreich, damit der Betriebsablauf während des Streiks nicht gestört wurde. In der Folge belieferte das Lager in Großostheim nur noch 60 umsatzschwache Stores in Ostdeutschland und Osteuropa. Vor dem Streik waren es 140 Filialen gewesen.

Im polnischen Grodzisk Mazowiecki war Anfang des Jahres Spatenstich für ein neues H & M-Lager, das bereits im Herbst 2017 fertig werden soll. Zum Vergleich: Das Lager in Großostheim hat eine Fläche von 18.000 Quadratmetern, in Polen werden 30.000 Quadratmeter angelegt.

Sucht man nach Zuständigkeiten, verweist der deutsche H & M-Führungsstab stets auf das Management in Schweden. Zu einer Betriebsversammlung nach Bekanntgabe der Schließung erschienen zwei Vertreter der Geschäftsleitung Deutschland aus Hamburg in Begleitung eines Sicherheitsdienstes.

Die juristische Beratung in Sachen Union Busting hat seit Jahren die Kanzlei DLA Piper inne, die Beschäftigte mit unbegründeten Abmahnungen und konstruierten Kündigungen drangsaliert. Vor Gericht sind diese Konstrukte meist hinfällig, sie zielen lediglich auf die Zermürbung der Betroffenen.

Am 13. Oktober ruft die »Aktion Arbeitsunrecht« zu Protesten gegen miese Jobs und Behinderung der Gewerkschaftsarbeit bei H & M auf. Im Kern der Kritik stehen neben der Schließung des Lagers Großostheim drei aktuelle Kündigungsverfahren gegen Betriebsratsmitglieder in Tübingen, Leverkusen und Bad Godesberg sowie flexible Arbeitsverträge der Beschäftigten in den Stores. Sie leiden durch diese Praxis nicht nur unter finanzieller und zeitlicher Planungsunsicherheit, sondern sind auch jederzeit erpressbar.

Der amtierende Träger des von »Aktion Arbeitsunrecht« jährlich vergebenen Preises »Schwarzer Freitag« ist die Median Kliniken GmbH, die sich um die Behinderung der Gewerkschaftsarbeit verdient gemacht hat. Dort hatte das Management eine profitable Klinik in Bad Oeynhausen geschlossen, nachdem die Belegschaft gestreikt hatte. Vermutlich wurde hier – wie auch bei H & M – schlicht die Gelegenheit genutzt, Überkapazitäten abzubauen und damit gleichzeitig ein Signal an die Gesamtbelegschaft zu senden.

Die »Aktion Arbeitsunrecht« ruft an jedem »Schwarzen Freitag« zu einem Widerstandstag der arbeitenden Bevölkerung gegen Horrorjobs und Union Buster auf. H & M setzte sich in einer Onlineabstimmung gegen das Deutsche Rote Kreuz und den Mercedes-Zulieferer Rotec durch. Am 13. Oktober findet der Schwarze Freitag zum fünften Mal statt.

Wer Aktionen an H & M-Stores planen oder daran teilnehmen will, findet auf www.arbeitsunrecht.de mehr Informationen.


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