Aus: Ausgabe vom 25.09.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Nachholende Blasenbildung

Polens Börse boomt. Das hat zum einen rein technische Gründe. Darüber hinaus spielen Glaubensfragen eine Rolle – wie so oft am Aktienmarkt

Von Reinhard Lauterbach
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Logo der Warschauer Börse. Bei der ARD war man dieser Tage begeistert über den Höhenflug des polnischen Leitindexes WIG 20

Vor ein paar Tagen brachte das Börsenportal der ARD eine begeisterte Analyse über die Entwicklung und die Chancen des polnischen Aktienmarktes. Der Leitindex WIG 20 habe seit Jahresbeginn rund 30 Prozent zugelegt, hieß es dort, der breiter aufgestellte Polen-Index der Fondsfirma MSCI sogar 50. Im Vergleich dazu hat der in Frankfurt am Main notierte Dax seit Jahresbeginn »nur« 18 Prozent gewonnen und dümpelt zur Zeit auf einem Niveau von um die 12.600 Punkte »seitwärts« vor sich hin. Und für die Wall Street unken die Finanzauguren von einem »Hindenburg-Omen« (der Begriff wurde nach der Explosion des deutschen Luftschiffs gleichen Namens bei New York im Jahre 1937 geprägt), gemeint sind Zeichen für angeblich unmittelbar bevorstehende Kurseinbrüche. Hat sich also das Eldorado für Anlieger von Hudson-River und Main an die Weichsel verlagert?

Ja und nein. Nein, weil es naiv wäre anzunehmen, dass heute die besten Geschäfte der Welt – oder auch nur bessere als in den USA oder der BRD – in Polen zu machen wären. Ja, weil vieles am Anstieg der polnischen Indizes »technische« Gründe hat – in der Statistik bezeichnet man das als »Basiseffekt«. Praktisch gesagt: Die großen internationalen Börsen sind seit Jahren im Aufwind, und das ist ein Wachstum auf Pump im buchstäblichen wie im psychologischen Sinne. Denn die wichtigste Quelle der Kurssteigerungen an praktisch allen Aktienmärkten der Welt sind die niedrigen Kreditzinsen. Wer sich jetzt Geld leiht, zahlt praktisch nichts dafür, »hebelt« aber seinen Einsatz entsprechend in die Höhe und bekommt – zum Beispiel – Dividenden für Aktien im Wert von einer Million Euro, auch wenn er nur 100.000 Euro an eigenem Geld investiert hat. Da das alle Investoren machen, hat es unter dem Strich Einfluss auf das allgemeine Kursniveau.

Allerdings verläuft diese Hausse ungleichmäßig: Es ist immer der eine Markt, der vorausläuft und dem irgendwann »die Luft ausgeht«. Genau so eine Situation ist es, in der Indizes sich seitwärts bewegen und Investoren, die entgegen allen Behauptungen über ihre angebliche Raffiniertheit in Wahrheit Herdentiere sind, orientierungslos machen oder vielleicht sogar dem einen oder anderen Fondsmanager ein leises Bewusstsein von der Künstlichkeit des Booms, in dem er mitschwimmt, vermitteln. In so einer Situation kann es naheliegen, kontrolliert – und diskret, damit es die liebe Konkurrenz nicht sofort mitbekommt – aus einem der großen Indizes auszusteigen und sein Geld in einen »Emerging Market« zu stecken – also in einem Land zu investieren, in dem die Entwicklung gegenüber den sogenannten Leitindizes (Dow Jones, Dax, Nikkei usw.) nachholend verläuft. Das für den Spekulanten besonders Schöne daran: Die »Marktkapitalisierung« – der Gesamtwert aller in einem Index notierten Aktien – solcher kleinerer Indizes ist geringer. Das heißt, mit einer gewissen Summe früheren Profits, den man in New York oder Frankfurt am Main realisiert hat, bekommt man in Warschau mehr Anteil an dieser Marktkapitalisierung. Dass sich auf diese Weise die Blase, die sich an der Wall Street oder in Frankfurt schon drall aufgebläht hat, nach und nach auch auf die »Emerging Markets« ausdehnt, weiß jeder, aber es kommt ja beim Investieren in Aktien nur darauf an, nicht der letzte zu sein, den irgendwann die Hunde beißen.

Der Aktienboom wird übrigens auch durch die Wahl geeigneter Bezugsgrößen herbeigeredet: Der polnische WIG20 hat zwar nach Angaben der Seite »finanzen.net« seit Anfang dieses Jahres 42 Prozent gewonnen – aber schon im Fünfjahresvergleich liegt das Plus nur bei 5,01 Prozent und damit ungefähr im Bereich dessen, was man auch auf einem Festgeldkonto bei der heimischen Sparkasse hätte bekommen können.

Auf der anderen Seite ist es wohl nicht nur mit dem Herdentrieb der Investoren und der Sättigung der »großen« Märkte zu erklären, dass die Börse auch in Polen in den zurückliegenden Monaten gut gelaufen ist. Der Index besteht zu einem großen Teil aus Unternehmen des Finanz- und Rohstoffsektors, an dem der polnische Staat Mehrheits- oder größere Minderheitsanteile hält. Das heißt, dass Unternehmen wie die Bank PKO BP (die ehemalige allgemeine Sparkasse), Orlen (die größte Tankstellenkette des Landes), die Versicherung PZU, die Kupferhütte KGHM und mehrere Bergbaukonzerne schon aus politischen Gründen nicht fallengelassen werden. Und solche politische Rückversicherung ist gerade in Zeiten, in denen die allgemeine Richtung der Profitentwicklung unsicher ist, natürlich ein gern gesehenes Kriterium. In dieser Situationen vergessen Investoren auch schon mal das mit Investitionen in Polen verbundene Kursrisiko (ein Beitritt Polens zur Euro-Zone ist derzeit nicht vorgesehen).

Und was ist mit der durchaus kostspieligen Sozialpolitik, die sich die polnische Regierungspartei PiS leistet? Das wird, solange alles gutgeht, lieber nach der Seite interpretiert, dass es die Binnennachfrage antreibt und damit das Wirtschaftswachstum in Schwung hält. Mit Zuwachsraten zwischen drei und vier Prozent steht Polen tatsächlich im europäischen Vergleich so schlecht nicht da. Dass dieses Wachstum mit den klassischen Mitteln des Keynesianismus erzielt wird – psst. Das fällt den Investoren erst in der nächsten Krise wieder ein, wenn dieser Keynesianismus an der Aufgabe scheitert, ein dauerhaftes Wachstum zu gewährleisten. Dann werden es wieder alle vorher gewusst haben. Noch so eine Börsenlüge.


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