Aus: Ausgabe vom 23.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Outlet mit Siegfried

Bundestagswahlkampf muss sein, auch im Kulturleben

Von Uschi Diesl
Kulinarischer_Ballwe_53254995.jpg
Kann er auch Cordon bleu? Joachim Löw beim Flambieren mit Strohrum

Am Ende machte der Bundestagswahlkampf dann doch keinen Bogen um den Kulturbetrieb, auch wenn es für Außenstehende den Anschein haben mochte. Die »Musikszene« sei »wie vieles andere sehr Frau-Merkel-durchgenebelt«, erklärte Herbert Grönemeyer am Donnerstag abend in einer »Ruck-Rede« auf dem »Reeperbahnfestival« in Hamburg, in der er auch einen »Rechtsruck« lokalisierte, und zwar »im Osten«. Höhepunkt der flammenden Ansprache war eine im Plural der Hoheit geübte Selbstkritik: »Wir sollten unseren eigenen Hintern hochkriegen und versuchen, auch wieder stärker politisch in unseren Songs zu sein.« Eine Forderung von brutaler Schonungslosigkeit, misst man sie am letzten Studioalbum des größten lebenden Deutschrockers. »Der Löw war los, sie waren grannn-dioos«, besingt Grönemeyer da die Fußballweltmeister. »Und endlich war’s iiiiihre Zei-heit ...«

Bundestrainer Joachim Löw konnte sich mit Wahlempfehlungen zurückhalten. »Für mich gibt’s bei der Kanzlerin immer Cordon bleu mit Pommes frites oder Bratkartoffeln«, hatte er vor einiger Zeit mal über regelmäßige Abendmahle im Kanzleramt wissen lassen, und es ist nicht davon auszugehen, dass mit dieser Tradition zwischenzeitlich gebrochen wurde. Aber es gab doch reihenweise Kulturschaffende von vergleichbarer Prominenz, die aus ihren Wählerherzen keine Mördergrube machten und sich mit großer Offenheit für CDU (Heino, Siegfried und Roy), SPD (Roland Kaiser) oder FDP (Dieter Hallervorden) aussprachen. Für solche Zugpferde der deutschen Unterhaltungsindustrie gibt es keinen Gnadenhof. Da gibt’s nur alles oder nichts. Und: muss ja (weitergehen).

Was die politischen Kräfteverhältnisse und Entscheidungshorizonte im deutschen Kulturleben anbelangt, erscheint das beschauliche Duisburg derzeit besonders typisch. Am Wahlsonntag wird dort auch über die Zukunft des ehemaligen Güterbahnhofs in Innenstadtnähe abgestimmt, auf dem McFit im Jahre 2010 eine Loveparade mit 21 Toten und Hunderten Verletzten veranstaltete. Die Lokalpolitiker um den SPD-Bürgermeister wollen gemeinsam mit ihren CDU-Kollegen auf dem Areal das »größte deutsche Designer-Outlet« errichten lassen: Billigmodegeschäfte auf rund 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das brächte »neue Kunden« in die Stadt, betonen die Investoren, und belebe natürlich auch den Einzelhandel. Friss oder stirb, lieber Duisburger, aber behaupte hinterher nicht, du hättest keine Wahl gehabt. Vielleicht solltest du nebenbei noch mal ins Album »Who’s Bad« (2013) der Goldenen Zitronen reinhören (besonders: »Der Investor«, »Duisburg«).

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton