Aus: Ausgabe vom 23.09.2017, Seite 2 / Inland

»Das Treiben der Rechten ist widerwärtig«

AfD missbraucht Ernst Thälmann für Wahlkampf. Durch Präsenz der Partei verändert sich politische Stimmung in Deutschland. Gespräch mit Vera Dehle-Thälmann

Interview: Markus Bernhardt
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»Ernst Thälmann wurde im KZ von den Nazis ermordet. Heute bedienen sich ausgerechnet die, die eigenen Angaben zufolge eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik befördern wollen, meines Opas. Das ist perfide und widerwärtig.« – Vera Dehle-Thälmann, Sprecherin der Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis e. V. und Enkelin von Ernst Thälmann

Die AfD wirbt in mehreren ostdeutschen Bundesländern mit dem Konterfei Ihres Großvaters, des ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, KPD, Ernst Thälmann. Auf Plakaten, die im Bundestagswahlkampf etwa in Sachsen-Anhalt auftauchten, behaupten die Rechten: »Ernst Thälmann würde AfD wählen.« Wie gehen Sie damit um?

Ich habe Strafanzeige erstattet. Als ich das erste Mal von diesen Plakaten hörte, war ich schockiert. Es ist an Frechheit nicht zu überbieten, dass ausgerechnet eine Partei wie die AfD mit meinem Großvater wirbt. Dieser stand für Frieden, Völkerverständigung, Antifaschismus und soziale Gerechtigkeit – und damit gegen alles, wofür die AfD steht. Ernst Thälmann wurde im KZ von den Nazis ermordet. Heute bedienen sich ausgerechnet die, die eigenen Angaben zufolge eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik befördern wollen, meines Opas. Das Treiben der Rechten ist perfide und widerwärtig. Das werde ich nicht ignorieren.

Können Sie sich erklären, warum die AfD glaubt, ausgerechnet mit Hilfe Ihres Großvaters Wahlerfolge erringen zu können?

Offensichtlich werben die Rechten ja nur in Teilen Ostdeutschlands mit dem besagten Plakat. Da ist der Name Thälmann natürlich aufgrund der Geschichte der DDR viel eher ein Begriff als im Westen. Aber auch in sogenannten sozialen Netzwerken im Internet sind solche Graphiken aufgetaucht. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Rechte eine solche Strategie verwenden. Ich erinnere mich, dass Neonazis in der Vergangenheit auch die Lieder explizit linker Künstler, zum Beispiel von Rio Reiser, missbraucht haben. Oder denken Sie an Neonaziaufmärsche, auf denen Teilnehmer mit Che-Guevara-T-Shirt zu sehen waren.

Die AfD dürfte am Sonntag in Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen. Was bedeutet das für das politische Klima in diesem Land?

Es wird sich weiter verschärfen. Sachliche Debatten werden schwieriger sein, und rechte Parolen dürften auf noch mehr Öffentlichkeit und Akzeptanz stoßen. Man sollte einen Erfolg der AfD keinesfalls unterschätzen. Politik findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Und allein die Existenz dieser Partei – und vor allem auch ihre im Vergleich zu den anderen bereits im Bundestag vertretenen Parteien unverhältnismäßige Dauerpräsenz in den Medien – hat schon jetzt dazu geführt, dass rechte Stimmungsmache und Hetze nicht mehr so tabuisiert ist, wie das noch vor ein paar Jahren der Fall war. In den Landesparlamenten, in denen die AfD mittlerweile sitzt, ist ja genau zu beobachten, wohin die Reise gehen soll. Da wird gegen gesellschaftliche Minderheiten und Linke gehetzt, und da werden mit Staatsgeldern Strukturen aufgebaut.

In einer kürzlich veröffentlichten Erklärung warnen auch die Vertreter der von den ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager gegründeten Interessenverbände vor dem »weltweiten Rechtsruck« und den »Erfolgen der Rechtspopulisten in Europa und Deutschland«. Sie hatten es selbst bereits angesprochen: Hochrangige AfD-Funktionäre wie Björn Höcke und Alexander Gauland werben für eine Umkehr in der deutschen Gedenkpolitik »um 180 Grad« und loben die »Leistungen deutscher Soldaten« im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Sind Sie besorgt, dass es die AfD tatsächlich schaffen könnte, die Erinnerungskultur erfolgreich umzukrempeln?

Ich glaube nicht, dass ihr das gelingen kann. Aber wie gesagt, nichts geschieht im luftleeren Raum oder bleibt wirkungslos. Und wir Demokratinnen und Demokraten müssen natürlich wachsam bleiben und zusammenhalten. Es schmerzt mich sehr, dass die politische Linke nicht geeint agiert, sondern zersplittert ist. Da haben die Rechten uns durchaus etwas voraus.

Es kommt jetzt darauf an, unsere Werte wie Solidarität, Humanismus und Antifaschismus offensiv gegen Angriffe der Rechten zu verteidigen. Wir müssen überall deutlich machen, wohin Rassismus und Nationalismus führen. Das lehrt die Geschichte. Insofern werden wir Angehörigen der Naziopfer auch unsere Aktivitäten verstärken und noch mehr Aufklärungsarbeit in Schulen und bei Jugendlichen leisten.

Vera Dehle-Thälmann ist Sprecherin der Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis e. V. und Enkelin des ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Ernst Thälmann, der im August 1944 nach mehr als elf Jahren Einzelhaft im KZ Buchenwald erschossen wurde

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