Aus: Ausgabe vom 22.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Lasst tausend Bilder entstehen

Leere Versammlungshallen und Texttapeten: Eine Berliner Ausstellung zeigt »Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution«

Von Matthias Reichelt
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Diese Wandzeitungen wirken historisch, sind aber 21. Jahrhundert (»Konkurrenz« von Wang Qingsong, 2004)

Menschen skandieren Parolen und schauen beglückt zur Bühne. Der 1969 in Changzhou in der Volksrepublik China geborene Videokünstler Cao Kai hat historische Aufnahmen aus der Kulturrevolution mit Bildern eines Bryan-Adams-Konzerts montiert. Dazwischen sind auch Sequenzen von Protestmärschen, u. a. mit John Lennon und Yoko Ono, geschnitten. So entsteht der Eindruck, als ob sich die Menschenmassen in Ost wie West im Gleichklang zu Adams’ Song »Summer of ’69« bewegten. Der wurde 1985 zum Hit, die chinesische Kulturrevolution begann fast zwei Jahrzehnte vorher, 1966. Sie dauerte bis zum Tod von Mao Zedong 1976, der sie ursprünglich im innerparteilichen Machtkampf der KPCh nach dem Scheitern der Ad-hoc-Industrialisierung des »Großen Sprungs nach vorn« initiiert hatte.

Die Kulturrevolution schüttelte das gesamte Land durch und setzte – besonders bei jungen Leuten – eine starke antiautoritäre Energie frei, die politisch wie soziokulturell in den Westen ausstrahlte, aber auch sehr viele Opfer forderte. Heute ist die VR China durchindustrialisiert und ein globaler Player, manche glauben, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie die USA als führende Wirtschaftsmacht ablöst. Im Rahmen der »Modernisierung« ist auch eine große Kunstszene entstanden, die sich selbstbewusst auf Biennalen tummelt und sich auch mit der eigenen Geschichte kritisch auseinandersetzt. Lasst tausend Bilder entstehen, könnte man in Abwandlung einer berühmten Mao-Parole formulieren.

Das Hinterfragen von Kulturrevolution, Personenkult und Rolle der Partei stellt mittlerweile kein Problem mehr dar und zeigt, wie sehr sich die Kunstszene in China verändert hat. »Arbeiten in Geschichte – Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution« lautet der Titel der spannenden Ausstellung im Museum für Fotografie, die in Kooperation mit der Zentralakademie der Bildenden Künste in Beijing, dem Shanghai Mingsheng Art Museum und der Gesellschaft für Deutsch-chinesischen kulturellen Austausch entstanden ist. Neben aktuellen künstlerischen Positionen zeigt sie auch die Bedeutung und Manipulation der Fotografie während der Kulturrevolution.

Weng Naiqiang, 1936 in Indonesien geboren, hat 1966 Farbaufnahmen von Maos Auftritten am Tiananmen-Platz gemacht und arbeitete von 1964 bis 1990 als Redakteur und Fotojournalist für die Zeitschrift People’s China. Neben Plakaten und alten Fotografien von teilweise unbekannten Urhebern zeigen auch seine Aufnahmen das intendierte Bild einer allgemeinen Mao-Begeisterung der Massen.

Die meisten anderen in der Ausstellung vertretenen Fotografen und Künstler wurden in der 1960er Jahren und später geboren und zeigen in ihren Arbeiten eine kritische und durchaus ironische Haltung zu der von der KP Chinas geprägten Geschichte. Shao Yinong (Jahrgang 1961) und Mu Chen ( Jahrgang 1970) haben mit ihrer Fotoserie »Versammlungshallen« aus dem Jahre 2003 in verschiedenen Teilen des Landes die früheren Orte der Vermittlung von Parteipolitik festgehalten. Die streng zentralperspektivisch und völlig menschenleer aufgenommenen Säle mit all ihrer historischen Patina (Mobiliar, Dekoration und Bühnen) lassen dennoch Spuren der politischen und ökonomischen Veränderung erkennen. So wurde die alte Versammlungshalle in Anyuan in eine Näherei transformiert und in der Halle in Yangzheng sind weder Slogans noch Mao-Bilder zu sehen. Einzig die roten Anzeigetafeln beidseitig der Bühne erinnern an die frühere Funktion.

Wie sich die Bildbearbeitung, Retusche und Zensur, unter den verschiedenen Machtkonstellationen in der Partei- und Staatsführung veränderte, zeigt der 1963 in Harbin geborene Zhang Dali. Allerdings wäre es bei dieser Arbeit für die mit der Geschichte der KPCh Unkundigen interessant, die Gründe für die jeweiligen Retuschen zu erfahren, die uns die Texte leider vorenthalten.

Wang Qingsong schließlich thematisiert Chinas Veränderung zu einer kapitalistisch orientierten Wirtschaft in einer großformatigen Bildinszenierung mit dem Titel »Konkurrenz« aus dem Jahre 2004. In einer riesigen Halle sind viele Menschen unter Anleitung eines Mannes mit Megaphon mit dem Kleben von Plakaten und Wandzeitungen beschäftigt – die ganzen Wände sind voll damit. Eine Tapete von Texten, deren einzelne Bedeutung untergeht. Die Wandzeitung war ein wichtiges Medium in der Kulturrevolution, sie diente der Proklamation, Diskussion und Denunziation. In Wangs Tableaus geht es jedoch nicht mehr um die Konkurrenz verschiedener Parteilinien und politischer Auffassungen, sondern um die Werbung für Marken und Produkte, unter anderem auch für McDonald’s, Citi Bank und Energizer.

Bis 7.1.2018, Museum für Fotografie, Berlin


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