Aus: Ausgabe vom 21.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Imitierte Kunst

Von Thomas Wagner
Art_Basel_Miami_51717850.jpg
Könnte vom Computer sein, ist es aber nicht, sondern Art Basel, allerdings in Miami im November 2016

Sind Automaten heute dazu in der Lage, kreative Leistungen zu vollbringen? Können wir davon ausgehen, dass Galerien und Museen, bald die Werke von Computern einkaufen werden? Und wird die Kunstgeschichte demnächst ein Kapitel aufschlagen, das davon handelt, wie künstliche Intelligenzen die alten Meister, die Maler der Klassischen Moderne und die Künstler des Sozialistischen Realismus vom Sockel stoßen?

Fragen wie diese finden zunehmende Beachtung. Zumindest in jenen Kreisen, die ein berufsmäßiges Interesse am Feld der Maschinenintelligenz haben und an entsprechenden Spekulationen Gefallen finden. So heißt es, Facebook habe in Zusammenarbeit mit dem Art and Artificial Intelligence Laboratory der Rutgers University in New Jersey (USA) bewiesen, dass die Vision von einer im künstlerischen künstlichen Intelligenz keine Science-Fiction mehr sei. Eine entsprechende Studie ist am 30. Juni 2017 in der Technology Review, dem Magazin des Massachusetts Institute of Technology, veröffentlicht worden. Hierüber berichtete das Handelsblatt (5.7.2017): »Ein Forscherteam fütterte neuronale Netze mit den Daten von 80.000 Bildern und Gemälden von 1.000 Künstlern vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein. Auf Basis des Erlernten schuf die künstliche Intelligenz selbst eigene Kunstwerke, im Stil der Ausstellungsstücke der berühmten Art Basel, dem Mekka moderner Kunst aus dem vergangenen Jahr. Anschließend sollten menschliche Testpersonen die Arbeiten der Menschen von denen der Maschinen unterscheiden. (…) Der Test geht auf den Mathematiker Alan Turing zurück. Er schlug vor, es solle von einer maschinellen Intelligenz gesprochen werden, wenn das Verhalten des Apparats von dem eines Menschen nicht länger zu unterscheiden sei. Im Fall moderner Kunst bestand Facebooks künstliche Intelligenz den Turing-Test.«

Während die Menschen in der Lage waren, Gemälde, die im Stil des abstrakten Expressionismus kreiert waren, den richtigen Urhebern zuzuordnen, gelang ihnen das mit jenen, die sich an den Exponaten der Schweizer Kunstmesse orientierten, nicht. Die Kunstkritiker, die sich aus Arbeitern der Crowdsourcing-Plattform Mechanical Turk rekrutierten, erkannten nicht, dass es sich bei den Exponaten um das Werk von Maschinen handelte. Sie empfanden die von »Creative Adversial Network«, so heißt die Kreativmaschine, erzeugten Bilder außerdem als inspirierender und in einem größeren Maße zur Identifikation einladend als die von Menschen geschaffenen Kunstwerke.

Was ist von all dem zu halten? Zweifellos handelt es sich um den interessanten Versuch, die Produktion von Kunst zu imitieren. Allerdings verfolgt Facebooks Maschine keinen eigenen, selbst gesetzten Zweck, sondern tut im Grunde genau das, was ihre Konstrukteure von ihr erwarten. Sie führt Rechenoperationen durch, die zweckgerichtet zugeschnitten wurden. Im engeren Sinne schöpferisch tätig waren die hinter der Maschine stehenden Menschen.

Vielleicht sollte man von einem gelungenen Beispiel digitaler Täuschungskunst sprechen. Doch noch eine andere Vermutung drängt sich auf: Die neuesten Kunstwerke, die in Basel gehandelt werden, sind womöglich formal und inhaltlich so beliebig und so leicht nachzumachen, dass es selbst einer saublöden Rechenmaschine zuweilen gelingt, Ergebnisse zu produzieren, die von den Menschen als überzeugender wahrgenommen werden.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton