Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 12 / Thema

Mensch und Masse

Gedanken anlässlich der Veröffentlichung von Kurt Pätzolds posthum erschienener Studie über die »Gefolgschaft unterm Hakenkreuz«

Von Manfred Weißbecker
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Ein Gleichklang von Manipulation und Manipulierbarkeit – Adolf Hitler vor Anhängern auf dem Balkon der Reichskanzlei, Berlin 1933

Manfred Weißbecker stellte am 16. August 2017 das Buch »Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz. Zwanzig Kapitel zu zwölf Jahren deutscher Geschichte« des im vergangenen Jahr verstorbenen Historikers Kurt Pätzold vor (siehe junge Welt vom 14. August 2017). Wir dokumentieren im folgenden den leicht gekürzten Vortrag, den der Geschichtswissenschaftler anlässlich der Buchpräsentation gehalten hat. (jW)

Viele hier im Saal werden möglicherweise bereits in das Buch geschaut haben. Auf eine der üblichen Buchvorstellungen kann also durchaus verzichtet werden. Eher soll nach den »roten Fäden«, d. h. nach den Konstanten, und vor allem nach den Anregungen gefragt werden, die uns Kurt Pätzold mit seinem Text hinterlassen hat. In diesem Sinne erlaube ich mir, hier einige Überlegungen vorzutragen, die mir bei der redaktionellen Arbeit an dem Buch in den Sinn gekommen sind.

Mich beeindruckte die konsequente materia­listisch-dialektische Darstellung und Deutung gesellschaftlicher Zusammenhänge, die als Manipulation von oben, als Manipulierbarkeit von Massen, als Zurichtung einer Gefolgschaft bezeichnet werden können. Entgegen früherer Zurückhaltung beim linkem Nachdenken über Ideelles wird hier Emotionen, Apathie, Ängsten, Gewohnheiten und Dummheiten breiter Raum gegeben. Da ist auch von zahlreichen Karrieristen und Postenjägern die Rede, von Ehrgeizlingen und opportunistischen Überläufern, die sich beeilten, gefällige Musterschüler und Nutznießer des neuen Regimes zu werden.

Kurt Pätzold verband die Unterschätzung solcher Erscheinungen mit Kritik, ja auch mit Selbstkritik an unzureichender theoretischer Arbeit, die zu Fehlurteilen und Realitätsverlust geführt hat. Aber: In streitbarem Gegensatz zu anderen verliert er sich nicht in gängigen Deutungen, die im schlechten Wesen des Menschen, in seiner Natur also, allein oder vordergründig entscheidende Ursachen erkennen wollen.

Pätzolds Vorgehen erscheint auch deshalb als sinnvoll, weil solche Theorien durchaus politisches Gewicht entfalten: »Ein Gespenst geht heute um in der westlichen Welt. Ein Gespenst des wütenden und unberechenbaren Volkes«, schrieb jüngst eine Publizistin.¹ Hingegen fand der mit soviel Glanz und Gloria verabschiedete Exbundespräsident deutlichere Worte: Er erklärte am 22. Juni vor zwei Jahren in einem Gespräch, ausgestrahlt von der ARD: »Nicht die Eliten sind das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem.« Möglicherweise ist Joachim Gauck nicht zu unterstellen, auch an die Geschichte zwischen 1933 und 1945 gedacht zu haben. Er hätte jedoch eine Anleihe bei jenen Historikern, Soziologen und Philosophen nehmen können, die da strikt behaupten, es sei lediglich dann von Faschismus zu sprechen, wenn dieser als Massenbewegung daherkomme, von den Massen getragen und akzeptiert werde. Oder die erklären, die Massen seien die entscheidende »Triebkraft« des »Dritten Reichs« gewesen. Wie hingegen Pätzold den Faschismus in die gespaltene Gesellschaft einordnet, gab er – angelehnt an die bekannte Formulierung des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale – mit seinem Definitionsversuch deutlich zu erkennen: »Der Faschismus an der Macht ist eine terroristische Diktatur, deren Hauptinteressent und Hauptnutznießer Gruppen des Finanzkapitals sind.«²

Diese gesellschaftliche Kausalität erscheint im Buch immer wieder auch als eine geschichtliche. Alle Erscheinungen finden sich eingeordnet in jeweilige Situationen sowie in die Wirksamkeit mittel- und langfristig vorhandener Faktoren. Letzteres wird besonders deutlich, wenn es um den Rassismus, speziell um den Antisemitismus der Nazis, geht. Es versteht sich wie von selbst, dass da oftmals auf jahrhundertealte Praktiken der Kirchen verwiesen wird.

Gift des Nationalismus

Zu den Konstanten gehört insbesondere Kurt Pätzolds Auffassung von der verheerenden Rolle des Nationalismus. Dieser erscheint im Buch selbst wenig dargestellt, darf aber als Grundlage für alle behandelten Stimmungen gelten. Der Verfasser nutzte das allgemein Bekannte als eine wesentliche Bedingung z. B. für die breite Zustimmung, welche die vom neuen Regime lautstark erklärte Absicht erhielt, endlich alte, angeblich mit dem deutschen Wesen unvereinbare Zustände überwinden zu wollen. Wir wissen, dass diese gewiss schlimm waren, vor allem während der Weltwirtschaftskrise und unter den autoritären Präsidialregierungen am Ende der Weimarer Republik. Sie wurden jedoch in rechtspopulistischer Manier in noch schlimmeren, alles überzeichnenden Horrorbildern dargestellt.

Der Nationalismus bildete auch den Hintergrund der von vielen Deutschen gehegten Hoffnung, die neue und zugleich neuartige Nazipartei werde den alten Parteienwirrwarr sowie den praktizierten Parteienegoismus zugunsten eines neuen Gemeinschaftsgefühls überwinden. Geglaubt wurde insbesondere der Behauptung, mit einer grundlegenden Erneuerung politischen Regierens könne ein Ausweg aus der Deutschland ja besonders hart treffenden Weltwirtschaftskrise gefunden werden.

Es zählt für mich zu Kurts Leistungen, die richtigen Fragen gestellt zu haben, darunter die nach den Strategien und Taktiken, die von den Naziführern zur Beherrschung und Lenkung der Massen eingesetzt worden sind, darunter ebenso die, weshalb Millionen Frauen und Männer, alte und junge, ein von Anbeginn an verbrecherisches Regime gestützt haben, weshalb sie halfen, Pläne zu verwirklichen, die über ihre nahen und fernen Nachbarn und schließlich auch über sie selbst Leiden und Sterben ohne Beispiel brachten. Und dies obwohl es erhebliche Friedenswünsche gab, obwohl Hoffnungen auf Kriegsvermeidung oder Kriegsbeendigung immer spürbar waren, die allerdings das Regime nicht erschütterten und von den Kriegswilligen erfolgreich übergangen oder sogar genutzt werden konnten.

Mit Bedacht hatte sich Kurt Pätzold entschieden, sein letztes Manuskript in eine hohe Zahl von Kapiteln zu gliedern. Er wollte jedes der zwölf Jahre bzw. jeden Entwicklungsabschnitt möglichst genau untersuchen. 20 Kapitel sind es geworden – man könnte auch von 20 Antwortbündeln reden. Dargestellt werden einzelne, aber auch komplexe und ineinander übergehende Faktoren situativer, wirtschaftlicher, ideologischer, manipulativer und psychosozialer Art. Es finden sich zudem viele Anregungen zu weiterer Suche nach den vielgestaltigen, miteinander verschränkten Bindekräften zwischen Regime und Gefolgschaft, zur Wirkungsmächtigkeit von Gefühlen und Stimmungen, zur Wechselwirkung von Eigen-Liebe und Fremden-Hass, zum polarisierendem Freund-Feind-Denken sowie nach der Notwendigkeit von gemeinschaftlicher und ebenso von individueller Verantwortung.

Gegen alle hitlerzentristische Vereinfachung der Geschichte formuliert Pätzold knapp, aber deutlich und treffend: Dieser »Führer« war nicht denkbar ohne Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich. Der Naziterror führte zu Angst und Disziplinierung, zu Anpassungs- und Unterwerfungsdruck, worauf insbesondere die Arbeiterparteien nicht angemessen vorbereitet gewesen seien. Aber: Die Mehrheit der Deutschen sah sich selbst nicht von Verfolgung, KZ-Haft oder Ermordung bedroht. Im Gegenteil: Weithin wurde der Anwendung strikter Gewalt zugestimmt. So ungeheuerlich dies auch erscheinen mag, es existierte auch da eine gedankliche Übereinstimmung zwischen der Führung und großen Teilen der Massen. Oder, wie es Erich Fromm 1941 formulierte: ein Gleichklang autoritärer Charakterstrukturen von Führern und Geführten.

Mit Recht spricht Pätzold von einer Doppelrolle des Terrors. Von diesem sei eben nicht nur Abschreckung ausgegangen, er habe auch gewinnende Wirkung ausgeübt. Für die Wirksamkeit propagierter Feindbilder, realer oder solcher, die sogenannte »Sündenböcke« betrafen, bot sich damit Grundlegendes für die Entfaltung eines auf beliebige Ziele ausrichtbaren Kampfeswillens und eines beträchtlichen Zerstörungspotentials.

Ausführlich setzt sich Pätzold auch mit dem falschen Bild von einem »bedrückt« lebenden Volk auseinander. Er zitiert u. a. den NS-Jubel-Dichter Will Vesper, der 1938 verkündete: »Es ist wieder höchste Lust, ein Deutscher zu sein«, und damit der allgemeinen Stimmung Ausdruck verlieh, einem Ergebnis intensiver Pflege und Vertiefung patriotischer Stimmungen durch Literatur, Filme, Feiern usw. Bekanntlich enthielten von den zwischen 1933 und 1945 gedrehten Filmen lediglich fünf Prozent einen rein politischen oder rassistischen Inhalt – Propaganda waren sie dennoch. Alles zielte auf eine Flucht aus der Wirklichkeit, alles schuf oder bestätigte Illusionen, deren Dauerhaftigkeit in der »Rumpelkammer« des kollektiven Gedächtnisses ja bis in die Gegenwart reicht.

Tier ohne Leine

Das Thema indessen ist zugleich uralt. Beeinflussung, Verführung und Manipulation haben eine lange Geschichte. Schon Aristoteles (384–322 v. u. Z.) ging es in seiner Rhetorik keineswegs allein um die Kunst des »schönen Redens«. Über rationale und logische Argumente sollten Gefühle, Stimmungen, Leidenschaften usw. angesprochen werden.

Keineswegs zufällig wird am Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, auch mit den Mitteln der Wissenschaft nach Möglichkeiten zu suchen, um der Massen Herr bleiben oder wieder Herr werden zu können. Dazu trugen auch rein ökonomische Intentionen bei: Es gab neue Erfordernisse und neue Möglichkeiten für die Entfaltung von Reklame und Lockmittel aller Art, dies zunächst für den Absatz von Waren, zunehmend auch für die Politik. Massenmedien traten auf den Plan, Zeitungen und Illustrierte sowie Radio und Film. Werbung wurde zum notwendigen »Schmiermittel« des Kapitalismus. Es gelte, so hat es einmal der Werbepsychologe Hans Domizlaff formuliert, in das »Gehirn der Massen« zu kriechen.³

Intensiv befassten sich konservative Denker im 19. Jahrhundert mit dem Blick von oben auf die Massen. 1895 war es Gustave Le Bon (1841–1931), der mit seinem Buch »Psychologie der Massen« den Herrschenden konkrete Ratschläge lieferte. Die Kenntnis dessen, was in den Köpfen der Massen vor sich gehe, sei »heute das letzte Hilfsmittel für den Staatsmann«.⁴ Verachtung, Herabsetzung und Beleidigung der Massen dominieren in seinem Buch. Der Mensch, wenn er »Glied einer Masse« ist, steige »mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar.«⁵ Seine Ratschläge galten direkt denen, die Wahlen gewinnen wollen: »Den gegnerischen Bewerber […] muss man zu vernichten suchen, indem man durch Behauptung, Wiederholung und Übertragung zu beweisen sucht, er sei der ärgste Schuft, von dem jeder wisse, dass er etliche Verbrechen begangen habe. Selbstredend ist es unnötig, etwas vorbringen zu wollen, was einem Beweis ähnelt. Ist der Gegner ein schlechter Kenner der Massenpsychologie, so wird er sich durch Beweise zu rechtfertigen suchen, anstatt auf verleumderische Behauptungen einfach mit anderen ebenso verleumderischen zu antworten, und wird dann keine Aussicht auf Sieg haben.«⁶

In der Beschreibung ist das durchaus realitätsnah, in der Deutungsart jedoch die Massen verteufelnd und vor ihnen warnend. Dies setzte sich vielfach fort, darunter in den bekannten Aussagen zur Gefahr einer »Vermassung«, die das Ende aller Kultur bedeuten würde. Zu denken wäre etwa an das Buch »Der Aufstand der Massen« von José Ortega y Gasset (1883–1955), das 1930 erschien und große Verbreitung fand. Die Massen, so heißt es bei ihm, seien nicht imstande zu regieren, und sie dürften dies auch nicht, sonst käme es zu einer »Hyperdemokratie« sowie zu existentiellen Krisen von Völkern, Nationen und Kulturen. Und er warnt: »Wenn die Masse selbständig handelt, tut sie es nur auf eine Art: Sie lyncht.«⁷

Der französische Soziologe Serge Moscovici (1925–2014) verglich die Masse mit einem sozia­len Tier, das sich von der Leine gerissen habe.⁸ Masse sei gleich Mob, der gewalttätig auf die Straße geht, der streikt, Tumulte entfesselt und revoltiert. In seinem Buch »Das Zeitalter der Massen« führte er den Aufstieg von Diktatoren auf das Verlangen der Massen nach »Führern« zurück.

Marx und Freud

Ich erspare mir weitere Beispiele und Zitate. Ganz gewiss wird es auch jedem, der Pätzolds Buch schon in der Hand hatte, wie mir gegangen sein: Alles liest sich in furchtbarer Aktualität. Daher gerät manch ein in der Versenkung verschwundener Autor, manch eine Debatte aus den Reihen der deutschen Arbeiterbewegung wieder in unser Blickfeld. Da wurde beispielsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Sozialdemokraten nach Kombinationsmöglichkeiten von Marxismus und Psychologie gesucht. Vor allem zwei Themenkreise dienten als Ausgangspunkt: zum einen die Debatten in der SPD zum Massenstreik, zum anderen die Notwendigkeit, in die Diskussion die wachsende Zahl der in Gewerkschaften organisierten Arbeiter sowie darüber hinaus auch die politisch unorganisierten Teile der Klasse einzubeziehen bzw. deren überwiegend ja spontan erfolgende Beteiligung an den Streiks zu erklären.

Karl Kautsky blickte 1914 in einer Bilanz der Massenstreikdiskussionen auf jene Teile der Massen, die »sich gelegentlich, durch bestimmte Veranlassungen getrieben, zur Bekämpfung bestimmter sie bedrückender Faktoren« zusammenfinden würden. »Organisierte Gruppen können in ihr vorkommen, werden ganz selten fehlen, machen aber nicht ihren Hauptbestandteil aus.« Er verneinte auch Auffassungen, eine fortschreitende Organisierung des Proletariats mache die Aktionen unorganisierter Arbeiter unnötig. Da solche Massenaktionen unberechenbar seien und sich aus solcher Unberechenbarkeit kaum Möglichkeiten eines Erfolges ergäben, könnten sie »sowohl reaktionär wie revolutionär sein«.⁹

Die Debatten um, vereinfacht gesagt, Marx plus Freud setzten sich verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg und den Revolutionen von 1918/19 fort.¹⁰ Dies sowohl in durchaus offener Form in Sowjetrussland und der frühen UdSSR als auch dort, wo sozialistische Revolutionsversuche scheiterten. Dabei waren ja Diskrepanzen zwischen den Interessen der Arbeiterklasse einerseits und deren Verhaltensweisen andererseits zutage getreten, speziell von denen der politisch nicht organisierten Arbeiter. Deutlicher als zuvor sah sich nun das Nachdenken über die Massen immer enger, auch immer grundsätzlicher mit Analysen kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse verknüpft, zugleich auch mit dem weiteren Streben nach positiv veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen.

Es waren vor allem Linkssozialisten, die weiter nach Übereinstimmungen von Psychoanalyse und Marxismus suchten. Ich erwähne hier nur drei von ihnen, denen meines Erachtens früher zu Unrecht vorgeworfen worden ist, sie würden die Niederlagen der Arbeiterbewegung »psychologisieren«. So setzte sich Siegfried Bernfeld (1892–1953), ein Psychoanalytiker, der als Begründer der modernen Jugendforschung gilt, 1926 in der Zeitschrift Der sozialistische Arzt mit den »materialistischen Grundlagen« der Denkweisen im Marxismus und in der Psychoanalyse auseinander.¹¹ In Thüringen, insbesondere an der Heimvolkshochschule Gera-Tinz, suchte Anna Siemsen (1884–1958) nach den »psychologischen Voraussetzungen des Sozialismus« und sprach von der Notwendigkeit, mit deren Hilfe die »Unreife des Proletariats« zu überwinden. Dabei ging es ihr vorrangig um die Faktoren »Intelligenz, Disziplin und Organisationstalent«. In diesen drei Punkten sah sie psychologische Vorbedingungen einer sozialistischen Herrschaft.¹² Von Otto Jenssen (1883–1963) stammt ein Artikel, betitelt »Zur Psychologie der Masse«, in dem er Übereinstimmungen und Differenzen zwischen Kautsky und Freud untersuchte.¹³ Nach seiner Auffassung vermindere sich in den Zeiten eines sogenannten friedlichen Klassenkampfes »die Kraft der sozialen Triebe«. Es verschärfe sich hingegen der »Gegensatz zwischen persönlichen Interessen und allgemeinen Klasseninteressen«. Aufmerksamkeit verdient auch seine Warnung, dass man sich hüten müsse, bei aller Berücksichtigung der »Psychologie der unorganisierten Massen […] in sich selbst [gemeint ist die Partei, M. W.] das Vaterverhältnis zwischen Führer und Masse zu überspannen und die Organisation zu einer modernen Horde zu machen«.¹⁴

Wenn ich von Autoren sprach, die vergessen wurden, denke ich auch an Wilhelm Reich (1897–1957) und sein 1933 veröffentlichtes Buch »Die Massenpsychologie des Faschismus«. Reichs Annahmen zum Verhältnis von Sexualunterdrückung und anzustrebender Sexualökonomie (zu verstehen als Einheit von Lust und Liebe) waren Ausdruck einer weitgehenden Überschätzung der befreienden Kraft von »orgiastischer Potenz« und dem, was er mit dem Begriff »Genitalität« bezeichnete. Natürlich vermag dies nicht als Motor des Kampfes gegen soziale Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung zu wirken.

Langsamkeit der Psyche

Reichs psychologische Theorie geriet daher bald in Vergessenheit. Man kann aber durchaus von einem methodologischen und politischen Erbe sprechen, das er hinterließ und das es zu nutzen gilt. Gestützt auf Marx, stellte er fest, dass die Menschen ihren »Seinsverhältnissen« auf doppelte Art unterliegen, zum einen »direkt der unmittelbaren Einwirkung ihrer ökonomischen und sozialen Lage« und zum anderen »indirekt vermittels der ideologischen Struktur der Gesellschaft«. Weiter heißt es bei ihm, dass ihr Denken und Handeln ebenso widerspruchsvoll sei wie die Gesellschaft, der es entspringen würde. Verändere die gesellschaftliche Ideologie die psychische Struktur der Menschen, so verändere sich ihr Handeln, und widerspruchsvoll handelnde Menschen würden zu materieller Kraft. Hinzu komme die Tatsache, dass die psychischen Strukturen sich immer langsamer entwickeln würden als die technischen Produktivkräfte. Ihr Zurückbleiben löse unweigerlich Konflikte mit der Realität durch ein Verharrenwollen in der »Tradition« aus.¹⁵

Zu erinnern wäre auch an Reichs Kapitalismus- und Faschismuskritik sowie seinen Vorwurf, die linken Parteien hätten 1933 versagt, weil sie den Faschismus, also eine neue Erscheinung des 20. Jahrhunderts, »mit Begriffen zu fassen versucht hätten, die dem 19. Jahrhundert entsprachen«.¹⁶ Dem folgte die Kritik, der Marxismus habe sich in den 1920er Jahren eingeschränkt mit Fragen von Wirtschaft und Politik beschäftigt, demgegenüber den subjektiven Faktor der Geschichte, die Ideologie der Massen, in ihrer Entwicklung und in ihren Widersprüchen weder aufmerksam verfolgt noch begriffen. Er habe es vor allem unterlassen, seine »eigene Methode des dialektischen Materialismus immer neu anzuwenden, immer lebendig zu erhalten, jede neue gesellschaftliche Erscheinung mit dieser Methode neu zu erfassen«. Linke Politiker seien derart in politische Alltagskämpfe verstrickt, dass sie »die von Marx und Engels überlieferten Grundsätze lebendiger Lebensanschauung nicht weiterentwickelten«.¹⁷ Auffällig ist die Übereinstimmung mit Aussagen, die in den Referaten Georgi Dimitroffs auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale von 1935 zu finden sind.

Gesolltes Wollen

Unvermittelt führen also viele Anregungen Kurt Pätzolds direkt in aktuelle Debatten hinein, die sich allerdings weniger mit den Massen, eher mit dem Individuum und seiner Beziehung zur Gesellschaft abmühen. Ich verweise, um nur ein Beispiel zu nennen, auf Michel Foucault (1926–1984) und seinen Begriff von der »Regierung in dir«, also das Ineinanderfließen von »Fremdführung« und »Selbstführung«. Aus den von außen gesteuerten Erwartungen würden immer mehr innere Vorhaben. Dies stelle einen Prozess dar, der einer »Selbstformation« gleichkomme. Man könnte auch von einem »gesollten Wollen« sprechen. Dazu mag ein Blick genügen auf das Bildungswesen, in die vielfältige Ratgeberliteratur, auf Management-Trainingsangebote, die aufblühende Esoterik, diverse Fernsehformate und Seifenopern sowie auf Lifestyleempfehlungen.

Tatsächlich ist heute zu konstatieren, dass es in zunehmendem Maße eine bewusste oder unbewusste Verinnerlichung gegebener Normen gibt, dass diese sich im Wunsch nach »Selbstoptimierung« niederschlägt und zu entsprechender Selbstdarstellung führt. Um bestehen zu können, so heißt es, müsse man an sich selbst arbeiten, sich selbst zu effektiver Leistung befähigen. Der Gedanke wäre erweiterbar: Mit solcher Selbstformation verlagert sich ebenso die Kontrolle des Verhaltens von oben, sozusagen der primäre Ausgangsfaktor, gleichsam in die Menschen hinein. Längst ist das »Self-Tracking« in Mode gekommen, die digitale Selbstüberwachung, von der Simon Schaupp meint, sie werde mit einer Leidenschaft betrieben, die »jeden Blockwart alt aussehen« lasse.¹⁸

Die so entstehende Individualisierung und Emotionalisierung geht Hand in Hand mit einer Entpolitisierung. Folgerichtig gerät einerseits die Macht der Apparatebeherrscher in einen hilfreichen Nebel der Anonymität. Andererseits verändert sich das Bild vom Menschen, denn der Typ eines neuen Untertanen kann sich entfalten: pflegeleicht, kreuzbrav und treudoof.

Wie ticken die Menschen? Was bringt sie dazu, »mitzumachen«, übrigens gleich in welcher Gefolgschaft auch immer? Natürlich muss es bei der Suche nach Antworten um das anscheinend unergründliche Individuum gehen, doch die Suche bleibt ergebnislos, wenn keine Gesellschafts- und Herrschaftsanalyse betrieben wird.

Daher will ich mit der Hoffnung schließen, dass sich andere, jüngere, gesellschaftskritische Autoren finden, die ebenso gründlich wie Kurt Pätzold nach gebündelten Antworten zur Geschichte der deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg suchen. Bündel also, die einzelne, aber auch komplexe und ineinander übergehende Faktoren aller Art erfassen, seien es solche, die jeweiligen Situationen entsprechen, oder solche, die wirtschaftlichen, ideologischen, psychosozialen oder auch allein manipulativen Gründen entspringen. Mit ihrer Hilfe lassen sich die vielgestaltigen, miteinander verschränkten Bindekräfte erkennen, die es zwischen »Oben« und »Unten«, zwischen Herrschenden und Beherrschten gibt und die ein riesiges Potential menschlicher Verführbarkeit ebenso benötigen wie ermöglichen.

Was ein Gleichklang von Manipulation und Manipulierbarkeit zu bewirken in der Lage war, demonstrierten Gläubigkeit und Hingabe gleichsam im Exzess, als es – wie in Pätzolds Buch gezeigt – jenen außergewöhnlich hohen Grad an Kooperation und Kollaboration der meisten Deutschen mit dem braunen Regime gab. Muss daher nicht gefragt werden, wohin uns die Zukunft angesichts der neuen und wesentlich besseren Voraussetzungen massenpsychologisch wirksamer Instrumentarien noch führen kann?

Erschreckende Abgründe tun sich da für mich auf. Zumal wir in der an überzeugungsstarker Theorie ja so arm gewordenen Linken bislang keine Antwort gefunden haben auf die Frage, wie Menschen zu bewussterem Handeln bewegt und zum Übersteigen der Grenzen ihrer Verführbarkeit veranlasst werden können. Das schließt das Problem ein, wie mit den Verführbaren umzugehen ist. Ganz gewiss sind die dem Bestehenden willig Folgenden nicht als ahnungslose Unschuldslämmer abzutun. Individuelle Verantwortung ist daher gefordert und sollte eingefordert werden durch geduldige Aufklärung sowohl über die gesellschaftlichen Ursachen von Denkstrukturen und Verhaltensmustern der Menschen als auch über ihren sozial geprägten Charakter. Um die Suche nach und um die Verbreitung von Erklärungen für die Wirkungsmächtigkeit von Emotionen und Stimmungen, von Zufriedenheit ebenso wie von »Wut-Bürgerlichkeit« kommt jedenfalls keine Wissenschaft und keine Politik herum.

Anmerkungen:

1 Antonia Grunenberg: Die Lüge als System. Hannah Arendt und die Krise der Demokratie. In: Blätter für deutsche und internationale Politik (2017), H. 6, S. 72

2 Kurt Pätzold: Faschismus-Diagnosen, Berlin 2015, S. 28

3 Hans Domizlaff: Ethik im Werbefach. Festvortrag zum zehnjährigen Bestehen der Werbefachschule Hamburg am 14. September 1956, zit. n. Rainer Gries: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2003, S. 119

4 Gustave Le Bon: Psychologie der Massen, Stuttgart 1964, S. 6

5 Ebd., S. 17

6 Ebd., S. 129

7 José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, Hamburg 1930, S. 86

8 Serge Moscovivi: Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie. Mit einem Nachwort von Carl Friedrich Graumann, München/Wien 1984, S. 13

9 Karl Kautsky: Der politische Massenstreik. Ein Beitrag zur Geschichte der Massenstreikdiskussionen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, Berlin 1914, S. 256

10 Aus der Fülle der Publikationen seien hier erwähnt: Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Leipzig, Wien/Zürich, 1921

11 Siegfried Bernfeld: Sozialismus und Psychoanalyse. In: Der sozia­listische Arzt. Vierteljahreszeitschrift des Vereins sozialistischer Ärzte 2 (1926), H. 2/3, S. 15–22

12 Anna Siemsen: Psychologische Voraussetzungen des Sozialismus. In: Otto Jenssen (Hg.): Der lebendige Marxismus. Festgabe zum 70. Geburtstag von Karl Kautsky, Jena 2004, S. 383–393

13 Otto Jenssen: Zur Psychologie der Masse. Kautsky und Freud. In: Ebd., S. 589–604

14 Ebd., S. 603

15 Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt am Main 1983, S. 39

16 Ebd., S. 21

17 Ebd., S. 29 f.

18 Simon Schaupp: Digitale Selbstüberwachung. Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus, Heidelberg 2016, S. 136

Kurt Pätzold: Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz. 20 Kapitel zu zwölf Jahren deutscher Geschichte. Bearbeitet von Manfred Weiß­becker. Berlin, Verlag am Park 2017, 360 Seiten, 19,99 Euro

Manfred Weißbecker schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. Juli 2016 über Russophobie als ideologische Waffe.

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