Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 5 / Inland

Die Angst geht um

AOK-Report: Wachsender Leistungsdruck, prekäre Bedingungen – immer mehr Beschäftigte werden psychisch krank

Von Susan Bonath
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Hohe Anforderungen und Stress bestimmen die Berufswelt – das kann zu psychischen Erkrankungen führen

Schneller, flexibler, leistungsbereit rund um die Uhr: Im Hightechkapitalismus des 21. Jahrhunderts genießt der Arbeitsmarkt einen hohen Stellenwert. Doch die Belastung der Beschäftigten nimmt zu, vor allem die psychische. Der Druck auf lohnabhängig Beschäftigte wächst. Die Angst geht um: Bin ich morgen noch gesund? Wie sicher ist mein Einkommen? Wie lange halte ich dem Stress im Job noch stand? Psychische Erkrankungen sind die Folge. Immer mehr Beschäftigte können aufgrund solcher Belastungen längere Zeit nicht arbeiten. Die Fehltage nahmen in den vergangenen Jahren um fast 80 Prozent zu – Tendenz steigend. Das geht aus dem aktuellen AOK-Fehlzeiten-Report 2017 unter dem Titel »Krise und Gesundheit« hervor, den der Bundesverband der Krankenkasse am Donnerstag in Berlin vorstellte.

Danach ließ sich jeder Beschäftigte in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt 19,4 Tage krankschreiben. Mit 5,3 Prozent lag der Krankenstand insgesamt etwa so hoch wie im Vorjahr, aber um 25 Prozent höher als im Jahr 2007. Während allerdings auf körperliche Beschwerden rund 11,7 Fehltage pro Fall kamen, blieben Betroffene wegen psychischer Belastungen mit durchschnittlich 25,7 Tagen mehr als doppelt solange der Arbeit fern. Jeder zehnte habe sich deshalb schon einmal krankschreiben lassen.

Für ihren Report hatte die AOK 2.000 Beschäftigte befragt. Rund 16 Prozent von ihnen hatten sich schon einmal durch kritische Ereignisse im privaten Lebensumfeld in ihrer Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt gefühlt. Zwölf Prozent machten schwere Erkrankungen in der Familie zu schaffen. Jeder neunte gab finanzielle Nöte als Grund für eine psychische Krise an. Ein weiterhin großes Thema ist auch Mobbing am Arbeitsplatz: Damit hatte jeder elfte bereits Erfahrungen gemacht. Bei etwa sechs Prozent habe eine Kündigung eine seelische Krise bedingt, bei fast genauso vielen sei es ein beruflicher Abstieg oder Misserfolg gewesen.

Mit zunehmendem Lebensalter nehmen laut Report psychische Beeinträchtigungen rasant zu. Von den unter 30jährigen war ein gutes Drittel schon einmal davon betroffen. Die meisten von ihnen gaben ihre finanzielle Situation oder Mobbing als Hauptauslöser an. Bei den über 50jährigen waren es bereits zwei Drittel. Sie litten eher unter schweren Erkrankungen oder dem Tod des Partners. Fast die Hälfte der Befragten erklärte allerdings, trotz Krankheit oder Krise zur Arbeit gegangen zu sein. Etwa ein Fünftel beklagte, vom Unternehmen in solchen Situationen keinerlei Unterstützung bekommen zu haben.

Die wachsende Belastung, so die Autoren, sei auch eine Folge der »zunehmenden Erosion von Normalarbeitsverhältnissen«. Hinzu komme, dass der gesellschaftliche und familiäre Zusammenhalt schwinde. »In Deutschland wird seit einigen Jahren über eine zunehmende Mobilität von Beschäftigten und den damit zusammenhängenden Veränderungen traditioneller Bindungen berichtet, die immer seltener unterstützend zur Seite stehen«, konstatierte der stellvertretende Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO), Helmut Schröder, am Donnerstag. Es sei zu vermuten, dass dies weiter zunehme. Als Folge drohe somit immer häufiger eine Spirale »bis hin zur Ausgrenzung aus der Arbeitswelt und damit der sozialen Isolation«. Dies sei auch nicht im Sinne der über Fachkräftemangel klagenden Unternehmen, mahnen die Autoren.

Einen Beitrag widmeten sie der sozialen Ungleichheit. Danach wirken sich prekäre Arbeitsbedingungen, geringe Einkommen und Erwerbslosigkeit besonders negativ auf die Gesundheit aus. Deutlich werde, »dass sozial Benachteiligte wie Beschäftige niedrig entlohnter Berufsgruppen und Arbeitslose verstärkt von körperlichen und psychischen Erkrankungen betroffen sind«, so die Forscher. Es bedürfe hier »spezifischer Maßnahmen der Prävention, um die gesundheitlichen Ungleichheiten zu verringern und Chancengleichheit zu fördern«. Vor allem junge Menschen litten zunehmend unter unsicheren Jobs. Häufiger Betriebswechsel, befristete Beschäftigung und frühe Arbeitslosigkeit würden für viele zur Regel.


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