Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die sensiblen Roboter

Von Thomas Wagner
RTX3FX4Q.jpg
Kommen Sie ran, lieber Mann: Der Violinist Claudio Cavalieri (r.) mit einem dieser angeblich zärtlichen Dirigentenroboter und dessen »Trainer« im Verdi-Theater in Pisa am Dienstag

Wenn heute von »Industrie 4.0« die Rede ist, stehen meist die Interessen der Unternehmen im Vordergrund. Geht es um die abhängig Beschäftigten, steht meist die Frage im Vordergrund, ob sie und wie viele von ihnen künftig für die Herstellung von Gütern, die Überwachung und Wartung der dafür benötigten Maschinen überhaupt noch gebraucht werden.

Dabei zeichnet sich ab, dass Menschen und Roboter auf absehbare Zeit zusammenarbeiten werden – und das in zunehmendem Maße »Hand in Hand«. Während Arbeiter zu den herkömmlichen Industrierobotern einen gehörigen Sicherheitsabstand einhalten mussten, gehen die neuesten Modelle gewissermaßen auf Tuchfühlung mit ihren menschlichen Nutzern.

Der neueste Trend sind Roboter, deren Funktionen so sensibel auf die Interaktion mit dem Menschen abgestimmt sind, dass die Zusammenarbeit für letztere komplett gefahrlos ist. Das ist jedenfalls der Anspruch, mit dem die Maschinen, die auch als »Cobots« bezeichnet werden, in die Arbeitswelt eingeführt werden. Seit 2014 gibt es in Deutschland für sogenannte kollaborative Roboter eigene TÜV-Zertifikate. 2016 wurden international standardisierte Sicherheitsanforderungen definiert, schrieb die Informatikerin Constanze Kurz am 21.8. in ihrer FAZ-Kolumne »Aus dem Maschinenraum«.

Gefahrlos ist der Umgang mit den auf ihre Sicherheit geprüften Roboter für Menschen gegenwärtig jedoch allenfalls im Hinblick auf ihre körperliche Unversehrtheit. Kurz warnt ausdrücklich davor, bei der Gestaltung der Mensch-Maschine-Kooperation nur das Thema Kollisionsvermeidung im Auge zu haben. Statt dessen müsse es auch darum gehen, humane und demokratische Standards im Hinblick auf die Verhaltens- und Leistungsüberwachung zu entwickeln und im Interesse der abhängig Beschäftigten durchzusetzen. Das Delegieren von Arbeit an Maschinen werfe im Hinblick auf die Datensicherheit unweigerlich rechtliche Fragen auf, warnt die Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Beispielsweise müsse geklärt werden, wer auf die Sensorendaten, die ihr Umfeld erfassen, zugreifen darf. Auch die Frage, in welcher Weise sie überhaupt ausgewertet werden dürfen, müsse beantwortet werden. »Der elektronische Handlanger als Kollege«, so Kurz, »ist eben auch eine Datenmaschine, über deren gespeicherte Informationen betroffene Mitarbeiter mindestens sinnvoll informiert werden müssen. Eine genaue Analyse der Leistungen und Produktivität von Beschäftigten, die mit dem Roboter arbeiten, und auch Prognosen darüber, sind mit der Datenquelle nebenan kein Problem. Erkenntnisse aus der Auswertung können genauso zur Verbesserung von Arbeitsabläufen genutzt werden wie zur kleinteiligen Leistungskontrolle oder zur aktiven Verhaltenssteuerung der Mitarbeiter.«

Für Kurz stellen sich auch in verstärktem Maße Fragen der Industriespionage: »Fahren durch die Hallen bewegliche, vernetzte Computer mit digitalen Augen und Ohren, die zudem in die Datensysteme der Firma oder vielleicht gar eine Cloud außerhalb integriert sind, muss auch die IT-Sicherheit neu bewertet werden«. Wahrscheinlich nehmen sich bald schon Unternehmer dieses Problems an. Ob sich die abhängig Beschäftigten und ihre Gewerkschaften gegen die drohende Totalüberwachung angemessen zur Wehr setzen werden, ist hingegen längst nicht ausgemacht. Möglicherweise haben sie sich als Nutzer der gängigen Internetangebote privater Firmen so sehr daran gewöhnt, ausgespäht zu werden, dass sie auch in der Arbeitswelt nichts dagegen haben.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton