Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 8 / Inland

»Die Leute gehen, wenn ihre Arbeitszeit zu Ende ist«

Tarifverhandlungen für Gebäudereiniger: Neben niedrigen Löhnen ist Arbeitsverdichtung großes Problem. Gespräch mit Ulrike Laux

Interview: Claudia Wrobel
Bundeswettbewerb_der_47291022.jpg
»Angebote, die den Kunden gemacht werden, werden immer auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Da sollen beispielsweise zusätzliche Räume gereinigt werden in der gleichen Zeit. Eine klassische Leistungsverdichtung, von der die Arbeitgeber abstreiten, dass es sie gibt.« – Ulrike Laux, IG BAU

Die Gebäudereiniger befinden sich mitten in Verhandlungen über einen Gehaltstarifvertrag. Wie ist der Stand?

In der dritten Gesprächsrunde am 6. September mussten wir unsere Forderungen noch mal bekräftigen, da die Arbeitgeber dazu zuvor keine Aussagen gemacht hatten. Wir haben ein Angebot der Gegenseite erwartet, und sie haben uns dann zumindest etwas präsentiert, was ich mal einen Vorschlag nennen würde. Beides war allerdings sehr weit auseinander.

Wie sind denn Ihre Forderungen?

Zum einen geht es uns um die Ost-West-Angleichung der Löhne. Je nach Lohngruppe liegt der Unterschied noch immer zwischen 9,5 und zwölf Prozent – so werden in der unteren Lohngruppe im Westen zwar zehn Euro bezahlt, im Osten aber nur 9,05 Euro, was natürlich brutto in beiden Landesteilen viel zu wenig ist. Außerdem verlangen wir, dass beide Löhne deutlich steigen sollen. Wir wollen, dass man endlich gesamtdeutsch denkt, und so ist unsere Forderung auch aufgestellt: In ganz Deutschland ein Euro mehr. Gerade in der Branche gibt es neben dem Lohn wenige tarifliche Regelungen, deshalb wollen wir auch noch ein Weihnachtsgeld. Als Einstieg fordern wir da eine Zahlung von 75 Prozent.

Welche Vorstellungen hat Ihnen die Unternehmerseite präsentiert?

Zuerst hat man unsere Ausführungen in der dritten Verhandlungsrunde, nachdem sie sich bei zwei Terminen überhaupt nicht dazu geäußert hatten, als Phantasieforderungen bezeichnet. Es wurde gesagt, dass wir wahrscheinlich in verschiedenen Welten leben. Auf unserer Seite wurde es in dem Moment durchaus emotional, muss man sagen. Unsere ehrenamtlichen Kollegen in der Tarifkommission waren da schon sehr sauer.

Das Angebot lautete: Für 26 Monate – also mehr als zwei Jahre – eine einzige Erhöhung ab 1. Januar 2018, von drei Prozent im Westen und 4,5 im Osten. Eine Angleichung wollen sie nicht vereinbaren, und ein Weihnachtsgeld sei nicht verhandelbar. Da frage ich mich doch, wer hier in einer anderen Welt lebt.

Einstiegsgehälter knapp über dem Mindestlohn sind eine Sache, die in der Branche belastend sind, aber auch die Arbeitsbedingungen sind sehr hart. Die Beschäftigten müssen beim Reinigen durch die Gebäude regelrecht hetzen. Wurde Ihnen zumindest dort Entgegenkommen signalisiert, auch wenn das nicht originär Thema der Gespräche war?

Die Arbeitgeber schielen tatsächlich immer nach dem gesetzlichen Mindestlohn und sagen, wir sollten doch froh sein, drüber zu liegen mit den Branchenmindestlöhnen. Und Leistungsverdichtung ist immer noch Thema. In der Tarifrunde 2015 haben die Arbeitgeber bis zum Schluss abgestritten, dass es diese Verdichtung überhaupt gibt. Jetzt haben wir aktuell verschiedene Beispiele aus Betrieben, dass in diesem Jahr, als die zweite Erhöhung, die 2015 vereinbart wurde, zum Tragen kam, wieder an der Leistungsschraube gedreht wurde. Angebote, die den Kunden gemacht werden, werden immer auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Da sollen beispielsweise zusätzliche Räume gereinigt werden in der gleichen Zeit. Eine klassische Leistungsverdichtung, von der die Arbeitgeber abstreiten, dass es sie gibt.

Das heißt doch, dass Lohnerhöhungen sofort aufgefressen werden, denn endlos kann man die Arbeit nicht verdichten. Machen die Beschäftigten dann unbezahlt länger?

Wir haben viel Informationsarbeit geleistet. Die Leute versuchen jetzt, ihre Arbeitszeit einzuhalten und gehen, wenn diese zu Ende ist. Sie sind nicht mehr bereit, unbezahlt mehr zu leisten. Vor zwei Jahren war noch das Problem, dass dann Abmahnungen ausgesprochen wurden. Das ist uns momentan nicht bekannt. Da sind die Arbeitgeber vorsichtiger geworden.

Ulrike Laux ist Bundesvorstandsmitglied der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt und Verhandlungsführerin bei den Tarifgesprächen für die Gebäudereiniger

Demonstration »Respect for Cleaners«: Dienstag, 26. September, 11 Uhr Gewerkschaftshaus, Teichstraße 4, Essen, Abschlusskundgebung um 12.30 Uhr vor dem Verhandlungslokal Am Hauptbahnhof 2 , in dem zeitgleich die Tarifgespräche stattfinden

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Neue Ausgabe vom Donnerstag, 21. September erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland