Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 5 / Inland

Endlich Ordnung in die Bude

Befristungen, Leiharbeit, Werkverträge: Zustände in der Berliner BMW-Niederlassung sind unhaltbar. Kollegen wollen, dass alle zur Stammbelegschaft gehören

Von Johannes Supe
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Im Gegenzug für die Eröffnung einer weiteren Berliner BMW-Filiale stimmten die Beschäftigten vor Jahren einer Arbeitszeiterhöhung zu. Nun fordern sie die in der Branche übliche 36-Stunden-Woche

Um deutliche Worte sind die Kollegen der Berliner Niederlassung von BMW nicht verlegen. Mehr als 200 von ihnen stehen an diesem Mittwoch morgen vor dem Haus der Wirtschaft in der Hauptstadt. Drinnen wird über ihren Tarifvertrag verhandelt; draußen tauschen sich die Arbeiter über ihre Situation aus. Es tröpfelt. Von einer kleinen Bühne spricht einer der Beschäftigten zu seinen Kollegen. Was die von Leiharbeit halten, fragt er. »Fürn Arsch«, rufen ihm Dutzende entgegen. Einige Male geht das so, dann tritt der Redner ab. Etwas später schnappt sich der Betriebsratsvorsitzende Oliver Massling das Mikrofon. Die Chefs würden das Verhalten der Arbeiter für niveaulos halten. Dem könne er nicht zustimmen, denn die Unternehmer gingen nicht auf die Anliegen der Beschäftigten ein und pflegten damit selbst einen schlechten Stil, sagt Massling. Dann legt er nach: »Die Personalpolitik der BMW-Niederlassung Berlin ist fürn Arsch!«

Die Beschäftigten der BMW-Niederlassung Berlin folgten am Mittwoch einem Warnstreikaufruf der IG Metall. Vor dem Ausstand waren zwei Verhandlungsrunden mit dem Unternehmen ohne Einigung zu Ende gegangen. Auch die dritte Runde, die am Mittwoch stattfand, blieb ergebnislos. Belegschaft und Gewerkschaft fordern neben Lohnerhöhungen eine Reduzierung der Arbeitszeit von derzeit 37 Stunden pro Woche auf künftig 36 Stunden. Außerdem sollen Leiharbeiter und Beschäftigte mit befristeten Verträgen in die Kernbelegschaft aufgenommen werden.

Gegenüber jW führte der Betriebsratsvorsitze Massling aus, wie kompliziert sich die Verhältnisse im Unternehmen sind. In der Niederlassung, zu der in Berlin die Filialen am Kaiserdamm, in Marzahn und in Weißensee sowie ein Motorradzentrum gehören, seien etwa 450 Kollegen tätig. Davon gehörten etwa 350 zu den sogenannten Kernmitarbeitern; mehr als 50 weitere Kollegen seien nur befristet beschäftigt, hinzu kämen etwa 40 Leiharbeiter. Viele Arbeiten, so beispielsweise bei der Fahrzeugaufbereitung oder in der Werkskantine, würden zudem von Werkvertragsbeschäftigten erledigt. Ihre Zahl schätzte Massling auf bis zu 180.

»Viele wussten früher gar nicht, wer Leiharbeiter ist und wer nicht«, so Massling. Es habe Kollegen gegeben, die über viele Jahre als Leiharbeiter im Betrieb eingesetzt worden seien. Immer wieder habe der Betriebsrat darauf aufmerksam machen müssen – bis er 2015 einen Erfolg verbuchen konnte: Den Leiharbeitern wurden Verträge in der Niederlassung ausgestellt. »Sie waren allerdings befristet und laufen nun aus. Bekommen wir für sie keine Lösung hin, haben diese Leute keine Perspektive mehr.«

Wieder spricht einer von der Bühne zu seinen Kollegen. Aus dem Staunen kommt der Mann gar nicht mehr raus. »Ich bin so beeindruckt, in welcher Stärker wir hier stehen«, sagt er. Auch die Stimmung sei phantastisch. Was ihn aber vor allem begeistert: Er habe die Filiale in Weißensee während der Anreise zum Streik gesehen. »Da ist kein einziger Mitarbeiter drin. Auch die Filiale Marzahn ist wie leergefegt – alle sind hier.« Applaus brandet auf.

»Die Leute haben die Schnauze einfach voll«, meint Oliver Massling. Auch er selbst ärgere sich, dass Anliegen wie eine Erhöhung der Löhne oder bessere Bedingungen für die vielen Auszubildenden in den Hintergrund treten. Aber es müsse dringend eine Änderung der Personalpolitik erreicht werden. Regulär würde bei der Berliner Niederlassung niemand mehr eingestellt. Kommen neue Kollegen, dann erhielten sie nur befristete Verträge. Mittlerweile würden sogar vermehrt geringfügig Beschäftigte eingestellt, so Massling. »Sie arbeiten dann ihre 45 Stunden im Monat für je zehn Euro – und zwar auf Stellen, die für gewöhnlich mit 16 Euro pro Stunde vergütet werden.«

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