Aus: Ausgabe vom 13.09.2017, Seite 12 / Thema

Quellen des Reichtums

Vorabdruck. Bei seinen Studien zum »Kapital« konnte Karl Marx sich auf zahlreiche Arbeiten bürgerlicher Wissenschaftler stützen. Sie aufnehmend und kritisierend, entwickelte er seine politische Ökonomie (Teil 1)

Von Holger Wendt
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Die Vertreter der klassischen politischen Ökonomie sahen die Arbeit als den Ursprung des Reichtums an und nicht, wie etwa die Merkantilisten, die Weisheit der Fürsten und das Geschick der Händler – Isaac Claesz van Swanenburg: Walken und Färben (1594/96)

In den kommenden Tagen erscheint das neue Heft der Marxistischen Blätter (05/2017), das anlässlich des 150. Jubiläums des ersten Bandes des »Kapitals« den Schwerpunkt auf Karl Marx’ Opus magnum legt. Die junge Welt druckt daraus vorab einen Aufsatz des Ökonomen Holger Wendt (»Politische Ökonomie vor Marx«), der sich mit den wirtschaftstheoretischen Vorläufern beschäftigt, auf die Marx sich bei seiner Analyse des Kapitals stützte. Wir danken dem Autor und der Redaktion der Marxistischen Blätter für die freundliche Geneh­migung zum Vorabdruck. Das neue Heft »Das Kapital – nicht nur für Einsteiger« kann unter www.neue-impulse-verlag.de bestellt werden. (jW)

Große Denkerinnen und Denker zeichnen sich nicht allein dadurch aus, dass sie Neues denken. Besser als andere erkennen sie, was in ihrer Zeit bereits an wegweisendem Gedankengut existiert. Inmitten all des Wirrwarrs, der die Köpfe ihrer Zeitgenossen vernebelt, sehen sie intellektuelle Anknüpfungspunkte. Karl Marx bildet hier keine Ausnahme. Sein »Kapital« ist nicht aus dem theoretischen Nichts heraus entstanden, was sich bereits am Untertitel ersehen lässt. Dieser lautet bekanntlich: »Kritik der politischen Ökonomie«.

Was bedeutet das? Sagt uns Marx, was seine Vorläufer falsch gemacht haben? Sagt er den Ökonomen seiner Zeit, was sie übersehen oder fehlinterpretiert haben? Auch. Kritik der politischen Ökonomie bedeutet unter anderem negative Kritik an der Wissenschaft, die sich politische Ökonomie nennt. En detail, in dieser oder jener Einzelfrage. En gros, indem Marx nachweist, dass das, was die bürgerliche Klassik ganz selbstverständlich als die natürliche gesellschaftliche Ordnung betrachtet, in Wahrheit nur Spezifikum einer Epoche ist. Indem er als Moment eines historischen Prozesses begreift, was vorher als Zustand gedacht wurde. Indem er unter Rückgriff auf Errungenschaften der klassischen deutschen Philosophie eine völlig neuartige wissenschaftliche Methodologie entwickelt.

Subjekt und Objekt der Kritik

Diese negative, die Unzulänglichkeiten der vorgefundenen Wissenschaft attackierende Seite der »Kritik der politischen Ökonomie« ist oft betont worden. Sie ist richtig und wichtig, kann aber, wird sie verabsolutiert, auf Irrwege führen. In den letzten 20 Jahren kam es außer Mode, von einer Marxschen bzw. marxistischen politischen Ökonomie zu sprechen. Hinter jedem Busch lauert ein Zweitsemester, der darüber aufklärt, dass es so etwas gar nicht gebe. Marx habe keine politische Ökonomie geschrieben, sondern eine Kritik der politischen Ökonomie.

Hinter diesem Argument steckt die Ansicht, Kritik der politischen Ökonomie sei etwas gänzlich anderes als politische Ökonomie, quasi das Gegenteil. Stimmt das? Woher hat Marx diese Formulierung? Er hat sie »gestohlen«. Von Kant. »Kritik der reinen Vernunft« heißt bei Immanuel Kant nicht einfach Kritik an der reinen Vernunft. Die reine Vernunft ist zugleich Objekt und Subjekt des Satzes, sie ist zugleich Objekt und Subjekt der Kritik. Aufgeklärter Philosoph, der Kant ist, kann er die Vernunft nicht anders kritisieren als vom Standpunkt der Vernunft. Ein Theologe könnte die Vernunft vom Standpunkt einer höheren Offenbarung aus kritisieren, Kant, das macht seine Größe aus, kann das nicht.

Eine vergleichbare Mehrfachbedeutung finden wir in der Marxschen Formulierung »Kritik der politischen Ökonomie«. Als Subjekt der Kritik tritt die politische Ökonomie selbst als Kritiker der bestehenden Gesellschaft auf. Dies gilt, wenngleich in von Marx verschiedener Weise, bereits für die klassische politische Ökonomie. Dort, wo nicht die ökonomische Verfasstheit der Gesellschaft, sondern das Nachdenken über diese der Kritik unterzogen wird, ist die politische Ökonomie ebenfalls Objekt und Subjekt zugleich. Sie ist insofern Objekt der Kritik, als Marx dargelegt hat, was an der bisherigen politischen Ökonomie richtig, was falsch und was einseitig war, wieso bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse mit Notwendigkeit verkehrt aufgefasst werden mussten. Sie ist Subjekt der Kritik, weil eine Wissenschaft nur vom Standpunkt der Wissenschaft aus kritisiert werden kann, die politische Ökonomie mithin vom Standpunkt der politischen Ökonomie aus zu kritisieren ist.

Die Art, wie Marx zum einen die bürgerliche Gesellschaft, zum anderen das Denken seiner Vorläufer kritisierte, war neu. Nicht neu war, dass die Gesellschaft, dass ökonomisches Denken der Kritik unterworfen wurde. Marx behauptete nicht, der erste und einzige zu sein, der eine Kritik der politischen Ökonomie geliefert hätte. Jede wissenschaftliche Theorie, die diesen Namen verdient, ist Auseinandersetzung mit anderen, vorhergehenden Theorien. Sie kann ihren Gegenstand besser fassen als ihre Vorläufer, weil sie diese der Kritik unterzogen hat. Vorhergehende Ansätze werden positiv oder negativ aufgehoben. Die neue Sichtweise bewahrt die Errungenschaften der Vorläufer, grenzt sich zugleich von ihnen ab, ist folglich vollumfänglich nur zu verstehen, wenn verstanden ist, was sie bewahrt oder verwirft und warum sie dies tut. Dies gilt selbstredend auch für die Marxsche Theorie. Die Beschäftigung mit Marx’ Vorläufern ist ein wichtiger Baustein für ein Verständnis des Marxschen Schaffens.

Ökonomische Klassik

Marx taufte die Epoche ökonomischen Denkens, die seinem Werk vorherging, die klassische politische Ökonomie. Im »Kapital« heißt es: »Um es ein für allemal zu bemerken, verstehe ich unter klassischer Ökonomie alle Ökonomie seit W. Petty, die den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse erforscht im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt (…)«.¹

In diesem kurzen Satz steckt einiges. Zunächst das Wort »Produktionsverhältnisse« – also diejenigen sozialen Verhältnisse, die Menschen in bezug zur Produktion und Reproduktion ihrer materiellen Lebensgrundlage eingehen. Die Schriften der klassischen Ökonomen stellen Themen wie Produktion, Arbeit, Arbeitsteilung, Mehrprodukt und Klassen ins Zentrum der Betrachtung. Dies mag für Marxisten wenig überraschend sein, in der Geschichte ökonomischen Denkens stellte es eine Neuerung dar. Das der Klassik vorausgehende Schriftgut drehte sich um andere Punkte. Monetaristen und Merkantilisten interessierten sich mehr für die Ansammlung von Geld, von Silber und Gold. Sie stritten über die Wirkung von Höchstzinssätzen und über die Konsequenzen fürstlicher Münzverschlechterung. Sie suchten nach Wegen, Edelmetall ins Land zu holen und Außenhandelsüberschüsse zu erzielen, sie diskutierten die Sinnhaftigkeit von prohibitiven Zöllen, von Steuern auf Luxus- und Importgüter oder von Freihäfen. Dass der materielle Reichtum einer Nation nicht in aufgeschatztem Edelmetall besteht, sondern im produktiven Potential der Bevölkerung, dass er weniger auf der Klugheit der Regierung und dem Geschick der Händler beruht als auf der Arbeit der Armen, ist eine Erkenntnis, die in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft nicht weniger revolutionär wirkte als die Einsichten eines Kopernikus in der Geschichte der Astronomie.

Freilich beschäftigen sich die Klassiker nicht mit Produktionsverhältnissen schlechthin, sondern mit den »bürgerlichen Produktionsverhältnissen«. Dies ist einerseits historisch verständlich, schreiben sie doch in der Epoche des Aufstiegs der kapitalistischen Gesellschaftsforma­tion. Indem Kategorien wie Ware, Austausch, Geld, Profit, Lohnarbeit, Kapital etc. als gleichsam natürliche, überhistorisch gültige und schlechthin der Natur des Menschen entsprechende Kategorien aufgefasst werden, resultieren sie in einer scharfen Kritik an überkommenen sozialen Verhältnissen. Fürstliche Willkür, aus kirchlichen Dogmen erwachsende Beschränkungen von Zinsen, Preisen, Arbeitszeiten, die Behinderung des freien Warenverkehrs, Zunftgesetze, der Wildwuchs an Zöllen und feudalen Abgaben, all dies und vieles mehr galt fortan nicht nur als schädlich, es galt als widernatürlich. Andererseits bildete der bürgerliche Horizont der Klassik eine wissenschaftliche Schranke, führte zu einer Verabsolutierung geschichtlich relativer Formen der Reproduktion. Soziale Verhältnisse, die Resultat historischer Entwicklungen und somit historisch vergänglich sind, erschienen als zeitlos gültige Grundtatsachen menschlicher Existenz.

Dieser gravierenden Einschränkung zum Trotz billigt Marx der ökonomischen Klassik große wissenschaftliche Errungenschaften zu. Sie habe »den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse erforscht«. Während die Vulgärökonomie am äußeren Schein klebe, sei die Klassik zum Wesen der bürgerlichen Produktionsweise vorgedrungen. Ein höheres Lob ist kaum möglich.

William Petty

Die klassische Ökonomie, so Marx, beginne mit William Petty. Wie kommt er zu diesem Urteil? William Petty wurde 1623 in Romsey geboren, einem südenglischen Städtchen in der Nähe von Southampton. Er war Sohn eines kleinen, von den ökonomischen Verwerfungen der 1630er Jahre gebeutelten Textilunternehmers. Als Schiffsjunge mit einem Beinbruch in Caen in der Normandie ausgesetzt, fand er Aufnahme im dortigen Jesuitenkolleg und erhielt eine gute Schulbildung. Als junger Erwachsener war er Zeitgenosse der puritanischen Revolution. Während und vermutlich aufgrund des Bürgerkrieges zwischen Royalisten und der New Model Army verließ Petty England erneut. Er studierte Medizin, zunächst in den Niederlanden, später wechselte er nach Paris und wurde Sekretär des im Exil weilenden Philosophen Thomas Hobbes. 1646 nach seiner Rückkehr nach London fand er Anschluss an den von den Arbeiten Francis Bacons inspirierten Kreis um Samuel Hartlib, John Dury und Amos Comenius. Diese drei waren nicht nur die »Philosophen der Revolution«, die von ihnen geführte Gruppe zählte zu den Wegbereitern eines modernen Wissenschaftsverständnisses, der naturwissenschaftlichen Revolution der Neuzeit. Aus dem Hartlib-Kreis ging der aktive Kern der Gründer der Royal Society hervor, deren Vizepräsident Petty in späteren Jahren werden sollte.

Das enge Verhältnis, das Petty zu zentralen Repräsentanten und Institutionen der jungen Aufklärung unterhielt, ist bemerkenswert. Es spiegelt sich in seinem Werk wider; die grundlegenden ökonomischen Erkenntnisse Pettys sind ohne Bezug auf die beiden Hauptrichtungen der jungen Aufklärung – dem durch Thomas Hobbes vermittelten Rationalismus und dem von Francis Bacon inspirierten Empirismus – nicht denkbar. Das ist ohnehin beispielhaft für die gesamte ökonomische Klassik. Am Beispiel anderer großer Vertreter dieser Richtung werden wir sehen, wie eng die politische Ökonomie dieser Epoche mit der progressiven Philosophie verbunden war.

Petty bezeichnete sich selbst als Philosophen, war jedoch weniger Stubengelehrter als Mann der Praxis. Einer zuweilen blutigen Praxis. Nachdem er in Oxford sein Medizinstudium abgeschlossen und es an dieser Universität zum Professor für Anatomie gebracht hatte, beendete er die akademische Laufbahn und schloss sich als Arzt im Generalsrang den britischen Besatzungstruppen in Irland an. Zeitgleich mit dem englischen Bürgerkrieg hatten sich 1641 die Iren gegen die britische Fremdherrschaft erhoben. Nach dem Sieg des Parlamentsheeres in England, der Hinrichtung Charles I. und der Konsolidierung der Cromwellschen Herrschaft machten sich die neuen Machthaber an die Niederschlagung des irischen Aufstandes. Die Methoden, die sie einsetzten, waren selbst nach zeitgenössischen Maßstäben außerordentlich brutal, nach Pettys Schätzung verloren etwa 40 Prozent der irischen Bevölkerung das Leben.

Vermessung Irlands

Als Petty 1652 in Waterford an Land ging, hatten die Engländer den Krieg bereits entschieden. Nicht entschieden war die Frage der Verteilung der Kriegsbeute. Die immensen Kosten des Cromwellschen Feldzuges waren nicht aus der gähnend leeren Staatskasse zu begleichen; private Investoren schossen Geld vor gegen Besitztitel auf noch zu eroberndes irisches Land. Anstelle von Sold erhielten Soldaten und Offiziere ebenfalls Anrechte auf Landbesitz. Die Niederschlagung des irischen Aufstandes trug somit von vornherein den Charakter eines Raubkrieges. Die massenhafte Ermordung und Deportation der einheimischen Bevölkerung war bewusst eingesetztes Mittel seiner Finanzierung, die Neuverteilung des Raublandes Voraussetzung der militärischen, politischen und ökonomischen Sicherung der britischen Herrschaft.

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Vor seinen ökonomischen Schriften hatte Marx den größten Respekt, den Mann selbst hielt er indes für einen »frivolen, plünderungslustigen und charakterlosen Abenteurer« – der Begründer der klassischen politischen Ökonomie, William Petty (1623–1687)

Wie aber sollte das Land verteilt werden? Es gab keine Katasterämter, bestehende Eigentumsrechte waren selten schriftlich fixiert und oft fließend. Für den Großteil der grünen Insel existierten nicht einmal Landkarten. William Petty gelang, womit andere vor ihm kläglich gescheitert waren. Als Surveyor General organisierte er binnen eines Jahres die flächendeckende Vermessung und Kartographierung Irlands, später die Verteilung des Raublandes. Ihm selbst verhalf dieser Erfolg zum Aufstieg in den inneren Kreis um Henry Cromwell, den jüngeren Sohn Olivers und Lordprotektor Irlands. Zugleich ging Petty aus diesem Unternehmen als schwerreicher Mann hervor und als einer der größten Grundbesitzer Irlands.

Die Restauration der Monarchie unter dem Stuart Charles II. im Jahr 1660 setzte Pettys politischer Karriere ein abruptes Ende. Zwar konnte er den Großteil seiner Besitztümer retten, die Beziehung zur Familie Cromwell hatte ihn jedoch diskreditiert. Dem Scheitern seiner Versuche, erneut in die inneren Zirkel der Macht vorzudringen, standen bahnbrechende wissenschaftliche Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet gegenüber. Zwischen 1662 und 1676 schuf er mit »A Treatise of Taxes and Contributions«, der »Political Anatomy of Ireland« und der »Political Arithmetick« drei epochemachende Schriften. Die erste legte den Grundstein der klassischen politischen Ökonomie, die beiden anderen begründeten das Forschungsgebiet, das wir heute Wirtschafts- und Sozialstatistik nennen.

Was war es, das Marx veranlasste, Pettys Werk so herauszuheben? Um einen Eindruck zu erhalten, sei eine Passage aus der »Treatise of Taxes« angeführt: »Aus diesen Gründen nehme ich an, ein großer Teil der Händler, denen nach Recht und Billigkeit nichts von der Gesellschaft zusteht, könnte ebenfalls ausgeschaltet werden. Denn sie sind nur eine Art Spieler, die untereinander um die Arbeitsergebnisse der Armen spielen und selber nichts hervorbringen, sondern nur wie die Venen und Arterien nach verschiedenen Richtungen das Blut und die Nährsäfte des Gesellschaftskörpers verteilen, nämlich das Produkt von Landwirtschaft und Manufaktur.

Wenn zahlreiche Ämter und Sporteln (zu entrichtende Entgelte für Amtshandlungen, jW), die mit Regierung, Rechtsprechnung und Kirche zusammenhängen, und die Menge Theologen, Juristen, Ärzte, Kaufleute und Krämer, die alle hohe Löhne empfangen für wenig Arbeit, die sie der Gesellschaft leisten, ebenfalls verringert würden, wieviel leichter könnten die öffentlichen Aufgaben bestritten werden und mit wieviel mehr Gleichheit die Besteuerung verteilt werden!«²

Unproduktive Gesellschaftsmitglieder

In dieser kurzen Passage tauchen zwei Motive auf, die für Pettys Herangehensweise wie für die gesamte Klassik charakteristisch sind. Zum ersten wird gesellschaftlicher Reichtum als das Produkt von Arbeit in Landwirtschaft und Manufaktur betrachtet. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, vielmehr ein radikaler Bruch mit dem ökonomischen Common sense der Epoche. Monetaristische oder merkantilistische Autoren betrachteten den Reichtum eines Landes als nationalen Geld- bzw. Edelmetallbestand, als das Resultat von Geldzuflüssen aus dem Ausland, zu verdanken der Weisheit der Fürsten und der Findigkeit der Händler.

Zum zweiten hebt Petty hervor, die Reichtum schaffende Arbeit werde nur von einem Teil der Gesellschaftsmitglieder geleistet. Andere Bevölkerungsschichten, hier nennt er die Angehörigen der Oberschichten in einer Reihe mit Bettlern und Dieben, lebten von den Arbeitsergebnissen der produktiv Tätigen. Petty, wie die ihm folgende Klassik, verfügt bereits über einen systematischen Begriff von Mehrprodukt (»overplus« bzw. »surplus«).

Folgende Argumentation taucht in seinen ökonomischen Hauptwerken immer wieder auf: Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums ist die Arbeit. 1. Diese wird nur von einem Teil der Gesellschaftsmitglieder geleistet; 2. Der unproduktive Teil lebt vom Überschuss, den die Arbeitenden erwirtschaften. Die Folgerung lautet: Der Anteil der unproduktiven Gesellschaftsmitglieder ist zu reduzieren.

Dies ist nicht so revolutionär gemeint, wie es in marxistischen Ohren klingen mag. Petty war Angehöriger der Oberschicht; Gleichheitsideale, wie sie die Leveller oder gar sein Zeitgenosse Gerrard Winstanley vertreten hatten, lagen ihm – zumindest in seinen späteren Lebensjahren – denkbar fern. Petty ging es um den Reichtum Britanniens, um die ökonomischen Fundamente nationaler Größe. Dieses Ziel erforderte die Beseitigung feudaler Hemmnisse, deren Identifizierung die rücksichtslose Analyse bestehender gesellschaftlicher Strukturen.

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Aspekt zu benennen: Die Bestimmung des Warenwertes mittels der zur Produktion notwendigen Arbeitszeit: »Wenn jemand eine Unze Silber aus dem Innern der Erde Perus in derselben Zeit nach London bringen kann, die er zur Produktion eines Bushels (Scheffel, jW) Korn braucht, dann ist das eine der natürliche Preis des anderen. Wenn er nun durch Abbau neuer und ergiebigerer Bergwerke statt der einen zwei Unzen Silber mit dem gleichen Aufwand gewinnen kann, wird das Korn bei einem Preis von zehn Schilling pro Bushel ebenso billig sein wie bei einem Preis von 5 Schilling, caeteris paribus (unter sonst gleichen Bedingungen, jW).«³

Ausgehend von Pettys Ansatz brachte die ökonomische Klassik arbeitswerttheorische Vorstellungen hervor, die Marx aufgreifen und zu einem Kernelement seines theoretischen Systems weiterentwickeln konnte.

Anmerkungen:

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, Berlin (DDR) 1962, S. 95

2 William Petty: Eine Abhandlung über Steuern und Abgaben. In: ders.: Schriften zur politischen Ökonomie und Statistik, Berlin (DDR) 1986, S. 37

3 Ebd., S. 60

Holger Wendt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. November 2015 über »Utopia« von Thomas Morus.

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