Aus: Ausgabe vom 13.09.2017, Seite 6 / Ausland

Im Stich gelassen

Puerto Rico gehört zu den USA, sein Leid nach dem Hurrikan bleibt dennoch außen vor

Von Jürgen Heiser
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Hurrikan »Irma« auf dem Weg nach Puerto Rico am 6.September 2017

Das Wochenblatt The Nation titelte am gestrigen Dienstag, obwohl Hurrikan »Irma« auch die US-amerikanischen Außengebiete Puerto Rico und die Virgin Islands »verwüstet« habe, werde ihnen nicht »das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zuteil wie Florida und Texas«. Ähnlich geht es in der Bundesrepublik Deutschland zu: Sobald das Land des Verbündeten jenseits des Atlantik von einer Katastrophe heimgesucht wird, sind die hiesigen Nachrichtenredak­tionen so sehr in Aufruhr, als sei das eigene Land in Gefahr. Das vom Sturm schwer getroffene sozialistische Kuba war trotz seines vorbildlichen Katastrophenschutzes ebenso nur eine Randnotiz wert wie die faktische US-Inselkolonie Puerto Rico im »Hinterhof« der USA, deren Elend das Bild vom »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« stören könnte.

Dabei hatte US-Präsident Donald Trump, für den der gewaltige Hurrikan »Irma« nicht Folge des Klimawandels, sondern »ein Monster«, ein mystisches Untier ist, auch für Puerto Rico und seine beiden Nebeninseln Vieques und Culebra den Notstand ausgerufen. Auch wenn Puerto Rico von dem Sturm nicht so schwer getroffen wurde wie andere Karibikinseln, gab es offiziellen Angaben zufolge drei Tote und verheerende Zerstörungen an der Nordküste der Hauptinsel und auf Culebra. Als der Tropensturm am vergangenen Donnerstag die Küste streifte, ließ er reichlich umgeknickte Bäume und Strommasten, zerstörte Häuser und durch Schutt und Hochwasser blockierte Straßen zurück, wie der US-Nachrichtensender NBC News meldete. Nach einem Bericht der britischen BBC sind zwei Drittel der privaten Haushalte seit Tagen ohne Strom.

Der Wiederaufbau werde »mühsam und teuer« sein, prophezeite The Nation und verwies auf die »finanziellen Nöte«, die den Freistaat schon lange vor der Sturmsaison plagten. »Irma« habe eine »sehr arme Insel« getroffen, »die seit zehn Jahren unter einer Depression leidet«, zitierte das Blatt Miguel Soto-Class, den Präsidenten der puertoricanischen Forschungsgruppe »Center for a New Economy«. Folgerichtig meldete die liberale Vierteljahreszeitschrift The American Prospect, Puerto Rico sei von einem »Doppelschlag« getroffen, nämlich »von »Irma« und den Hedgefonds«. Die Sturmschäden trieben die von außen bewirkte Schuldenlast von rund 74 Milliarden US-Dollar noch in die Höhe, die das völlig von den USA und seinen ausländischen Kreditgebern abhängige Land ohnehin schon zu Boden drücke.

Insbesondere die Schäden bei der Stromversorgung dürften den Inselstaat noch lange belasten. Das marode Elektrizitätssystem der Puerto Rico Electric Power Authority verzeichnete bereits im Juli in 65 Prozent der Kommunen häufige Stromausfälle. Mit den 15 Millionen US-Dollar des Notfallfonds, die Gouverneur Ricardo Rosselló zur Beseitigung aller Sturmschäden zur Verfügung stehen, kann die Stromversorgung nicht wiederhergestellt werden. Weitere Rücklagen gibt es nicht mehr, seit Washington die Finanzen der Insel kontrolliert und den Staatshaushalt radikal zusammenstrich. Deswegen befürchten Beobachter, die Puertoricaner könnten ganze sechs Monate ohne Strom auskommen müssen. Dank ihrer Notstromgeneratoren seien aktuell noch 40 Prozent der Krankenhäuser in der Lage, Patienten zu versorgen, erläuterte Rosselló vor der Presse. Aber auch die Trinkwasserversorgung sei gefährdet, da den Kläranlagen der Antrieb fehle. Obwohl Trump den Inselstaat zum Katastrophengebiet erklärt hat, befürchtet The American Prospect, werde Puerto Rico wohl noch eine ganze Weile alleine zurechtkommen müssen.

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