Aus: Ausgabe vom 12.09.2017, Seite 8 / Inland

»Besten Schutz bieten die eigenen vier Wände«

Mehr Menschen sind ohne Wohnung, Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu. Kaum Hilfe aus der Politik. Gespräch mit Julia von Lindern

Interview: Markus Bernhardt
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Mit dem Ende des Sommers rufen Sie traditionell zu Spenden für Düsseldorfer Wohnungslose auf. Von wie vielen Menschen reden wir da?

Bundesweit steigt die Zahl der Wohnungslosen seit 2012 kontinuierlich an. Trotzdem gibt es nach wie vor keine Statistik, die die Zahl wohnungsloser Menschen in der BRD erfasst. Es scheint, es gelte das Prinzip »Was nicht gezählt wird, zählt auch nicht«. Wir sind daher immer noch auf Schätzungen angewiesen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, BAGW, hat für das Jahr 2014 ermittelt, dass 335.000 Menschen ohne eigene Wohnung auskommen mussten, das ist ein Anstieg seit 2012 um ca. 18 Prozent. Und sie prognostiziert von 2015 bis 2018 sogar einen weiteren Zuwachs um ca. 200.000 auf dann 536.000 wohnungslose Menschen im Jahr 2018. Das wäre eine Steigerung um ca. 60 Prozent.

Oftmals kommt es auch zu Gewalttaten gegen Wohnungslose. Wie kann das verhindert werden?

Den besten Schutz vor Übergriffen bieten die eigenen vier Wände. Daher ist die Wohnraumversorgung ein elementarer Bestandteil der Gewaltprävention gegen Wohnungslose. Weiterhin braucht es eine konsequente Strafverfolgung der Gewalttaten. Doch viele Wohnungslose bringen aus Scham oder Misstrauen gegenüber der Polizei und Staatsanwaltschaft Delikte wie Körperverletzungen oder sexuelle Übergriffe nicht zur Anzeige.

Von wem gehen diese Delikte aus?

Zur traurigen Wahrheit gehört, dass es viel Gewalt unter den Wohnungslosen selbst gibt. Dies resultiert auch aus der extremen Not und den Existenz­ängsten, wenn man gezwungen ist, auf der Straße zu überleben. Nicht zuletzt ist es aber vor allem erschreckend, dass die Zahl derjenigen Gewalttaten kontinuierlich steigt, die nicht auf der Straße lebende Menschen begehen. Die BAGW zählte im vergangenen Jahr 128 Delikte, davon waren die Täter in 52 Fällen keine Wohnungslosen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Abwertung Wohnungsloser ist weit verbreitet und spielt auch immer wieder bei rechten Ideologien eine bedeutende Rolle.

Düsseldorf gilt als reiche Stadt. Erhalten Sie genügend Unterstützung seitens der Politik?

Düsseldorf proklamiert für sich, dass niemand auf der Straße schlafen müsse. Theoretisch stimmt das sogar, die Kommune hat nämlich eine gesetzliche Unterbringungspflicht. Doch die Zustände in den Notschlafstellen und Notunterkünften sind zumeist katastrophal – Mehrbettzimmer, fehlende Privatsphäre und mangelnde hygienische Bedingungen –, so dass diese »Hilfen« teils nicht angenommen werden.

Weiterhin waren die Notschlafstellen sowohl für Männer als auch für Frauen über den Sommer so stark ausgelastet, dass Ausweichunterkünfte bereits in der milden Jahreszeit als Notschlafstellen als sogenannter »Überlauf« genutzt werden mussten. Diese Entwicklung ist für Düsseldorf neu. Die bundesweite Tendenz schlägt sich also auch hier nieder.

Was tut die Stadt über die Verwaltung der Wohnungslosigkeit hinaus?

Sie baut zwar neue Wohnungen, auch im unteren Preissegment, dennoch sinkt die Zahl der geförderten Wohnungen kontinuierlich. Gab es 2008 noch 26.300 Wohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindung, sind es 2017 nur noch weniger als 15.900. Es fallen jährlich also deutlich mehr Wohnungen aus der Preisbindung, als neue nachgebaut werden.

Was müsste konkret geändert werden?

Globale Immobilienkonzerne müssen enteignet werden, denn Städte haben kaum oder keinen Einfluss mehr auf den Wohnungsmarkt. Der Markt ist völlig entfesselt. Die Städte könnten dann endlich wirksam gegen steigende Mieten vorgehen, und müssen sich nicht mehr hinter einer unbrauchbaren Mietpreisbremse verstecken.

Weiterhin braucht es ein Verbot, unbebaute Grundstücke als Spekula­tionsfläche leerstehen zu lassen. Auch Entmietungen zum Zwecke der gewinnbringenden Weitervermarktung gehören verboten. Die Politik muss Wohnen endlich wieder als Grundrecht verstehen – Gentrifizierung und Mietenwahnsinn sind keine Naturgesetze.

Julia von Lindern ist Diplomsozial­pädagogin beim Düsseldorfer Straßenmagazin fiftyfifty

Weitere Informationen unter: www.fiftyfifty-galerie.de

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