Aus: Ausgabe vom 12.09.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Das Leben ist zerbrechlich

Wie der Hurrikan »Irma« auf der ­kleinen Insel Providenciales wütete. Ein Augenzeugenbericht

Von Deva Amano
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Strom, Telefon und Wasser gibt es nicht mehr, Bäume sind entwurzelt, Sandberge türmen sich: Providenciales nach dem großen Sturm

Deva Amano ist Meditations- und Yogalehrer sowie Buchautor. Nach langjähriger Ausbildung in Indien, den USA, der Karibik und Deutschland leitet er seit zehn Jahren Selbsterfahrungs- und Meditationsgruppen. Auf der Insel Providenciales hat er hautnah miterlebt, wie der Hurrikan »Irma« in der vergangenen Woche seine zerstörerische Kraft entfaltete.

Samstag, 2. September. Seit Tagen verfolgen wir gespannt die ersten Nachrichten über den herannahenden Hurrikan Irma mit gemischten Gefühlen. Einerseits gibt es die Hoffnung, dass sich der Sturm beruhigt und eventuell Richtung Norden abdriftet, und andererseits steigt die Angst mit jeder Stunde, dass sich die Nachrichten bewahrheiten und der Sturm der Kategorie fünf direkt über die zu den Turks- und Caicosinseln gehörende kleine Insel Providenciales zieht, auf der ich derzeit wohne und arbeite.

Sonntag, 3. September. Den Nachrichten zufolge soll dies zu einer der größten Katastrophen, die diese Insel je zu sehen bekommen hat, werden. Die zerstörerische Kraft dieses Sturms, dessen Winde mit mehr als 320 km/h alles niederreißen, was sich in den Weg stellt, könnten die Infrastruktur der Insel komplett zerstören.

Montag 4. September. Mit jeder Stunde nimmt die Spannung zu, und es ist es nun klar: Irma wird die Insel direkt treffen, und seine Kraft wird einen neuen Rekord aufstellen. Es soll sogar eine neue Kategorie benannt werden, die Stufe sechs. Ab heute werden Touristen ausgeflogen. Schon explodieren die Preise. Flüge werden unermesslich teuer. Wir, die wir auf der Insel arbeiten und leben, treffen eine folgenschwere Entscheidung: Wir werden bleiben und nach dem Sturm helfen, die Schäden zu beheben.

Dienstag, 5. September. Wir fahren in die örtlichen Baumärkte, um die nötigsten Werkzeuge und Materialien zu kaufen, bevor der Run auf Generatoren, Holzbretter, Balken, Nägel und Schrauben, sowie Plastikfolien aller Art und vor allem Insektenspray losbricht. Die Schlangen vor den Trinkwasserstationen, Tankstellen und Gasstationen sind unerträglich lang angesichts der Hitze und der steigenden Nervosität. Jeder versucht sich und die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Denn man rechnet mit Ausfällen bei der Strom- und Wasserversorgung, die Tage, eher Wochen andauern werden.

Gesichter voller Angst

Auf der Insel gibt es Hotelanlagen für die Reichsten der Reichen und zahlreiche Villen zahlungskräftiger Prominenter. Daneben wohnen Arme, die nicht wissen, wovon sie am nächsten Tag die Familie ernähren sollen. Und heute: Menschen jeder Herkunft, ob schwarz oder weiß, ob arm oder reich, grüßen einander, man wünscht sich schon jetzt alles Gute, Gesundheit und Sicherheit. Einheimische geben uns im Supermarkt fast liebevoll Tipps. »Kauf Chips und Süßigkeiten, die brauchst du für die Nerven, wenn der Sturm da ist« grinst mich ein sonnenverbrannter, alter Mann mit nur noch wenigen Zähnen an und klopft mir freundschaftlich auf die Schulter. Die Gesichter sind voller Angst und dennoch voller Freundlichkeit. Zumindest unter denen, die sich hier anstellen, um Wasser zu kaufen. Wir ziehen ab jetzt alle am gleichen Strang. Oder hängen am gleichen »seidenen Faden«.

Wir decken uns mit großen Vorräten an Dosen mit Spaghetti, Ravioli und Gemüse, mit Reis und allem ein, was wir notfalls auch kalt essen können. Und natürlich Wasser, viel Wasser. Es gibt hier keine nennenswerten Süßwasserquellen und selbst wenn, wären die nach dem Sturm durch die Verschmutzung garantiert nicht nutzbar. Wir können es uns leisten, diesen Vorrat anzulegen. Die meisten Einheimischen der 30.000 Menschen auf dieser Insel können das nicht.

Zur gleichen Zeit beginnt in den Häusern ein wahres Wettrüsten in Sachen Hurrikansicherung. Möbel werden auf Paletten verstaut und festgebunden, die Fenster abgeklebt und mit Shuttern, das sind Abdeckungen aus Stahl, Aluminium oder Holz für die Fenster und Türen, und anderen erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet. Hier wird der Unterschied zwischen arm und reich sichtbar. So hat die ärmere Bevölkerung keine Shutter, sondern nur Pappe, Kartonagen und Holzbretter. Zudem arbeiten viele der ärmeren Bewohner jetzt in Rekordschichten, um die Villen der Reichen zu sichern und damit das bisschen Extra zu verdienen, das es ihnen ermöglichen wird, nach dem Hurrikan zu überleben. Es wird auch an der Anspannung der Reichen klar, dass sie viel zu verlieren haben. Hier stehen Villen, die Millionen wert sind. Doch während die Reichen in ihrer Angst um den Besitz die Armen zur Arbeit antreiben, um ihre Villen zu schützen, bleiben letztere sehr viel entspannter und eine Art Sarkasmus macht sich breit.

Mittwoch, 6. September. Schlechte Nachrichten: Seit heute wissen wir definitiv, dass der Hurrikan diese Insel mit voller Wucht treffen wird, und bereiten uns auf das Schlimmste vor. Die Flutwelle bereitet mehr Sorgen als der zerstörerische Wind. Denn die Insel ragt nicht mal so hoch aus dem Wasser, wie die Wellen hoch sein sollen. Von sechs Meter hohen Wellen ist in den Nachrichten die Rede. Jetzt ist allen klar, dass das Leben auf dieser paradiesischen Insel bald vorbei sein könnte.

Die letzten Flüge werden für mehr als 5.000 Dollar pro Sitzplatz in Privatjets gebucht, besonders als die eintreffenden Vorboten des Sturms das Fliegen nur noch bis zum frühen Nachmittag erlauben. Der Flughafen schließt und die einzigen, die jetzt noch entspannt sind, sind gerade diejenigen, die sich keinen Flug leisten und sicher auch keines der Zimmer in einem der »hurrikansicheren« Superhotels reservieren konnten.

Bei allen, ob arm oder reich, geht es ab jetzt nur noch um das Überleben und die Sicherheit in der ersten Zeit nach dem Hurrikan. Besonders hart ist es für die Vielzahl von Arbeitern, die erst am Donnerstag mit der Arbeit am Eigenheim beginnen können. Versicherungen gegen Hurrikans sind nahezu unbezahlbar und kosten Beiträge in einer Größenordnung, die sich die arbeitenden Inselbewohner niemals leisten könnten.

Donnerstag, 7. September. Der Hurrikan kommt immer näher. Der Wind wird stärker. Uns allen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, und ich haben das große Glück, Zimmer in einem hurrikansicheren Hotel zu bekommen. Sandsäcke werden vor die Aufzüge gelegt in der Hoffnung, diese vor der Flut zu schützen. Strom und Wasser soll ab Mittag abgeschaltet werden, und so kochen wir in den letzten Minuten vor dem Sturm noch eine warme Mahlzeit, aber auch Kartoffeln und Eier für die nächsten Tage.

Handyapps und Nachrichten im Fernsehen zeigen, wie der Sturm Kilometer um Kilometer näher rückt. Am frühen Nachmittag, bei einer Windgeschwindigkeit von 70 Meilen pro Stunde, hört man die ersten Bäume knacken und die Gespräche in unserer Hotelzimmergemeinde verstummen. Nackte Angst macht sich breit. Der Regen ist inzwischen so stark, das wir das Meer nur noch durch eine graue Masse erahnen, die sich in Perlen und pulsierenden Bewegungen auf den dicken Fensterscheiben abzeichnet. Das Gebäude beginnt jetzt mit den Böen zu vibrieren und aufgrund des Druckabfalls verfallen einige von uns in einen kurzen Schlaf. Das Knallen von Türen, die aus den Angeln gerissen wurden, hämmert durch die Dämmerung.

Die große Flut mit sechs Meter hohen Wellen wird erst gegen 22 Uhr erwartet, und zwischen Spannung und Hoffnung bewegt sich die große Angst, von dieser Flut einfach weggerissen zu werden. Es ist dunkel, wir können nicht mehr sehen, was um uns passiert. Mittlerweile wurde der Strom abgeschaltet, wenige Kerzen erhellen den Raum. Draußen ist nichts mehr zu erkennen, und genau das bereitet uns allen die größte Sorge. Wir werden die Flut nicht einmal sehen, wenn sie kommt.

Unsagbare Gewalt

Der Sturm tobt nun mit unvorstellbarer Gewalt und donnert gegen die Scheiben. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf diesen Stress, und während einige von uns einschlafen, bleiben andere wach und verstecken sich im angeblich sichersten Raum, dem Badezimmer. Das Auge des Hurrikans zieht gegen 23 Uhr südlich an uns vorbei, was die Heftigkeit der Windböen, die unsere Insel rütteln, zusätzlich verstärkt. Während es im Auge des Sturms windstill wäre, macht jetzt das unglaublich laute Dröhnen die Gewalt des Windes hör- und durch die Sicherheitsscheiben spürbar. Ich sitze in Ehrfurcht vor dieser Naturgewalt am Fenster, das sich nun mehr als drei Zentimeter hin und her bewegt, während der Regen wie Steine gegen die Scheiben knallt. Jedem ist klar, dass der kleinste Riss im Fenster unser Ende sein kann.

Ich erwarte im Angesicht dieser Gewalt den Tod und jeder Gedanke an Morgen schwindet angesichts dieser unsagbaren Gewalt. Es kommt mir fast vor, als könnte ich die zirkulären Bewegungen des Sturmes hören, der einen Durchmesser von mehr als 600 Kilometern hat und damit größer als die komplette Inselgruppe ist, über die er gerade mit aller Macht hereinbricht.

Freitag, 8. September. Als ich gegen drei Uhr wieder zu mir komme, hat sich die Windrichtung gedreht und das Wummern des Sturms ist weniger geworden. Auf den Balkon zu treten wäre jedoch ein großer Fehler, denn auch wenn sich der Hurrikan langsam verabschiedet, dauert es noch bis gegen sieben Uhr, bevor wir uns langsam wieder aus dem Zimmer wagen dürfen.

Wir sind die ersten, die sich aus dem Hotelzimmer wagen. Drei Männer sind nötig, um gewaltsam die Türe zu öffnen, die sich immer noch gegen die Außenwand drückt. Der Wind faucht uns entgegen. Der erste Anblick jedoch lässt die Freude, überlebt zu haben, in ein erschrockenes Staunen umschlagen. Von der Balustrade aus sehen wir die entwurzelten Bäume auf dem Gelände, und wo einst wunderschöne Büsche und Palmen standen, ragen nur noch vereinzelt Baumstümpfe ohne jedes Blattwerk aus dem Boden.

Es dauert einige Momente, bis wir uns trauen, die mittlerweile zerbrochenen Fensterscheiben zu betrachten, die noch vor wenigen Minuten unseren Tod bedeutet hätten, und wir hoffen noch im gleichen Moment, dass unser Zimmernachbar noch am Leben ist. Eine Nachbarin hat ein Baby bekommen, einen Tag bevor Irma über dem Hotel zu wüten begann. Wir denken an die vielen Menschen, die nicht das Glück hatten wie wir, sich ein hurrikansicheres Hotelzimmer für horrende 1.700 Dollar buchen zu können.

Alle haben überlebt

Wir sehen umgerissene Strommasten, deren Kabel noch immer vom Wind unberechenbar durch die Luft geschleudert werden. Wir versuchen, sie ohne Berührung zu überqueren. Unser ganzes Glück wird uns erst nach dem Wiedersehen mit vielen Freunden aus unserer Gegend klar. Irma war gnädig mit diesem Teil der Insel. Wenn auch schwer beschädigt, stehen die meisten Häuser noch und vor allem: Es haben alle überlebt! Die Ausmaße der Zerstörungen durch den Sturm sind mir derzeit nicht bekannt, da das Internet nicht ausreichend funktioniert. Strom, Telefon und Wasser gibt es nicht mehr, es ist nicht absehbar, wann es sie wieder geben wird. Der Gouverneur der Insel spricht angeblich aktuell von 500 Millionen Dollar Schaden nur auf dieser kleinen Insel. Doch all den Arbeitern geht es gut, sie alle sind unverletzt durch die Sturmnacht gekommen. Alle sind bei den Aufräumarbeiten dabei.

Das Leben ist zerbrechlich. Im Angesicht dieser Tatsache sind wir alle vereint. Ich esse Speck und Eier und trinke heißen Kaffee. Ich sammle angeschwemmten Müll vom Strand, nachdem ich Häuser aus Sandbergen geschaufelt habe und wünsche mir für uns alle, dass wir unseren Planeten wieder aufräumen. Nur gemeinsam können wir eine Zukunft gestalten, die uns zwar nicht vor Stürmen schützt, aber in der wir jeden Tag mit einem Lächeln, mit Dankbarkeit und mit Menschlichkeit beweisen, dass wir es wert sind, diesen Planeten zu bewohnen.

Deva Armano hat eine Spendenaktion für die Hurrikan-Opfer auf der Insel Providenciales ins Leben gerufen. Die Spenden werden direkt vor Ort eingesetzt, um die größte Not der Inselbewohner zu lindern. (Kennwort: »Hurrikan«, Kto.-Nr. DE55100400000249001900)

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