Aus: Ausgabe vom 09.09.2017, Seite 12 / Thema

Kommandierte Arbeit

Hat uns Karl Marx noch etwas zu den neuen Beschäftigungsverhältnissen zu sagen? Zur Unterordnung der Arbeit unter das Kapital einst und heute

Von Thomas Kuczynski
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»In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.« (Karl Marx, Kapital, Band 1) – Arbeiterin bei Amazon in Tracy, Kalifornien (USA)

Wohl kaum ein Buch hat die Linke international so beschäftigt. Am 14. September 1867 meldete das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel das Erscheinen des ersten Bandes von Karl Marx’ grundlegender Analyse »Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie«, ein Weltbestseller, der seitdem in über 40 Sprachen übersetzt und Hunderten Ausgaben gedruckt worden ist. Die Redaktion hat aus Anlass des Jubiläums den Ökonomen Thomas Kuczynski gebeten, über die Aktualität von Marx’ Werk zu schreiben. Von ihm erscheint in den kommenden Wochen im Hamburger VSA-Verlag: »Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. Neue Textausgabe«.(jW)

Ein ganz wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus ist die Unterordnung (Subsumtion) der Arbeit unter das Kapital, demzufolge des Arbeiters unter den Kapitalisten,¹ denn es sind die Anweisungen des letzteren, denen der erstere zu folgen und unter dessen Kontrolle und Kommando er zu arbeiten hat.

Obwohl der Begriff der Subsumtion in den publizierten Versionen des ersten Bandes des »Kapitals« nicht eben häufig auftritt,² ist er doch grundlegend, sowohl im Hinblick auf den Aufbau des ganzen Buches als auch unter dem Aspekt der in dem Band enthaltenen historisch-theoretischen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Entwicklung.

Marx hat seine im ersten Band des »Kapitals« gegebene Darstellung mit dem Titel »Der Produktionsprozess des Kapitals« versehen. Den vorbereitenden Untersuchungen über »Ware und Geld« (Abschnitt I) und »Verwandlung von Geld in Kapital« (Abschnitt II) folgen drei Abschnitte, in denen er diesen Produktionsprozess en détail untersucht. Zunächst unterscheidet er »Die Produktion des absoluten Mehrwerts« (Abschnitt III) und »Die Produktion des relativen Mehrwerts« (Abschnitt IV), darauf folgt der vergleichende Abschnitt V »Die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts«.

In dem darin enthaltenen 14. Kapitel (»Absoluter und relativer Mehrwert«) vermerkt er zur Produktion des absoluten Mehrwerts: Sie »bedingt, dass die sachlichen Arbeitsbedingungen in Kapital und die Arbeiter in Lohnarbeiter verwandelt sind, dass die Produkte als Waren, d. h. für den Verkauf produziert werden, dass der Produktionsprozess zugleich Konsumtionsprozess der Arbeitskraft durch das Kapital und daher der direkten Kontrolle des Kapitalisten unterworfen ist, endlich dass der Arbeitsprozess, also der Arbeitstag, über den Punkt hinaus verlängert wird, wo der Arbeiter nur ein Äquivalent für den Wert seiner Arbeitskraft produziert hätte. Die allgemeinen Bedingungen der Warenproduktion vorausgesetzt, besteht die Produktion des absoluten Mehrwerts einfach in der Verlängerung des Arbeitstags über die Grenze der zum Leben des Arbeiters selbst notwendigen Arbeitszeit und in der Aneignung der Mehrarbeit durch das Kapital. Dieser Prozess kann vorgehn und geht vor auf Grundlage von Betriebsweisen, die ohne Zutun des Kapitals historisch überliefert sind. Es findet dann nur eine formelle Metamorphose statt, oder die kapitalistische Ausbeutungsweise unterscheidet sich von den früheren, wie Sklavensystem usw., nur dadurch, dass die Mehrarbeit hier durch direkten Zwang abgerungen, dort durch ›freiwilligen‹ Verkauf der Arbeitskraft vermittelt wird. Die Produktion des absoluten Mehrwerts unterstellt also nur formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.«

Anhängsel eines toten Mechanismus

Zur Produktion des relativen Mehrwerts dagegen stellt er anschließend fest: Sie »setzt die Produktion des absoluten Mehrwerts voraus, also auch die entsprechende allgemeine Form der kapitalistischen Produktion. Ihr Zweck ist Erhöhung des Mehrwerts durch Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit, unabhängig von den Grenzen des Arbeitstags. Das Ziel wird erreicht durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit. Dies bedingt jedoch eine Revolution des Arbeitsprozesses selbst. Es genügt nicht mehr, ihn zu verlängern, er muss neu gestaltet werden. Die Produktion des relativen Mehrwerts unterstellt also eine spezifisch kapitalistische Produktionsweise, die mit ihren Methoden, Mitteln und Bedingungen selbst erst auf Grundlage der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital naturwüchsig entsteht und ausgebildet wird. An die Stelle der formellen tritt die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.«³

Die Unterscheidung von formeller und reeller Subsumtion ist also zunächst historischer Natur, denn die von Marx angesprochene »Revolution des Arbeitsprozesses selbst« war nichts anderes als die industrielle Revolution, die in England zwischen 1760 und 1830 stattfand. In deren Ergebnis erst entstand jene spezifisch kapitalistische Produktionsweise, deren Merkmale von ihm vor allem im 13. Kapitel über »Maschinerie und große Industrie« abgehandelt werden. Die von ihm hier gegebene plastische Darstellung der drastisch veränderten Arbeitsbedingungen verdeutlicht den Unterschied zwischen den beiden Arten von Subsumtion: »In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.«⁴ Zudem vermerkt er, dass »die Manufaktur die gesellschaftliche Produktion weder in ihrem ganzen Umfang ergreifen, noch in ihrer Tiefe umwälzen« konnte.⁵

In einem von Marx für den ersten Band entworfenen Kapitel 6 »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses« befindet sich eine Darstellung über formelle und reelle Subsumtion (sowie produktive und unproduktive Arbeit), aus der die enorme Bedeutung dieser Unterscheidung für die politökonomische Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, und zwar nicht nur aus historischer, sondern auch aus aktueller Sicht, noch viel klarer ersichtlich wird.⁶ Dies zu erkennen, setzt allerdings voraus, in dem Kapitel nicht bloß, wie allgemein üblich, eine vorläufige und daher später entbehrliche Zusammenfassung des ersten »Kapital«-Bandes zu sehen, sondern die darin enthaltene, knapp zwanzig Manuskriptseiten umfassende Darstellung als eine Spezialuntersuchung zu betrachten, deren Inhalt Marx nur zu einem kleinen Teil in den dann veröffentlichten ersten Band übernommen hat.⁷

Dort schreibt Marx zur formellen Subsumtion: »Es ist die allgemeine Form alles kapitalistischen Produktionsprozesses; es ist aber zugleich eine besondre Form neben der entwickelten spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise, weil die letztre die erstre, die erstre aber keineswegs notwendig die letztre involviert [enthält, in sich einschließt].«⁸ Diese besondre Form nennt er im selben Manuskript die »bloß formell kapitalistische Produktionsweise«,⁹ ein Terminus, der im veröffentlichen ersten Band des »Kapitals« fehlt.

Produktionsweise eigener Art

Die formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital kann nur eine bloß formell kapitalistische Produktionsweise hervorbringen, die keineswegs automatisch jene spezifisch-kapitalistische »involviert«, die durch die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital charakterisiert ist. Dies verdeutlicht ein Blick in die Geschichte des Kapitalismus in Europa: Weder die oberitalienischen Compagnien des 14. noch die oberdeutschen Kapitalgesellschaften des 16. Jahrhunderts führten zur Errichtung einer spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise, sondern gingen im Prozess der Refeudalisierung der Wirtschaft wieder unter. Sie waren in diesem Sinne sowohl Symbole einer Glanzzeit des Frühkapitalismus als auch Sackgassen der Geschichte. Dasselbe traf auf das sogenannte Verlagssystem zu, worin ein selbständiger (»verlegter«) Handwerker mit eigenen Produktionsinstrumenten vom Kaufmann gelieferte Rohstoffe bearbeitete und ihm das fertige Produkt gegen Entgelt ablieferte.

Der politökonomische Begriff der bloß formell-kapitalistischen Produktionsweise macht – insbesondere in seiner Entgegensetzung zu dem der spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise – deutlich, dass das Kapital erst mit dem Einsetzen der industriellen Revolution, also dem Übergang zur großen Industrie, seine wirkliche Herrschaft antritt, wohingegen die vorherigen Entwicklungen durchaus reversibler Natur waren.¹⁰

Entscheidend wichtig ist auch Marx’ Hinweis in diesem Kapitel, dass »sich mit der Produktion des relativen Mehrwerts […] die ganze reale Gestalt der Produktionsweise ändert und eine spezifisch kapitalistische Produktionsweise (auch technologisch) entspringt, auf deren Basis und mit der sich zugleich auch erst die dem kapitalistischen Produktionsprozesse entsprechenden Produktionsverhältnisse zwischen den verschiednen Agenten der Produktion, und speziell zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, entwickeln«,¹¹ weil die kapitalistische Produktionsweise sich erst jetzt als »eine Produktionsweise sui generis [eigener Art] gestaltet«.¹² Nun erst konnten sich solche grundlegenden Merkmale kapitalistischen Wirtschaftens herausbilden wie die Aufspaltung des Mehrwerts in Profit, Zins und Rente, der Krisenzyklus, die Durchschnittsprofitrate usw.

Das Verhältnis von formeller und reeller Subsumtion ist aber keineswegs rein historischer Natur. Ein aktueller Blick auf das, was Marx im ersten Band des »Kapitals« Zwitterformen nennt, zeigt das ganz deutlich. Zu deren Charakteristika zählt er, dass »die Mehrarbeit weder durch direkten Zwang dem Produzenten ausgepumpt wird, noch auch dessen formelle Unterordnung unter das Kapital eingetreten ist«, wobei, »wie das Beispiel der modernen Hausarbeit zeigt, […] gewisse Zwitterformen auf dem Hintergrund der großen Industrie stellenweis reproduziert [werden], wenn auch mit gänzlich veränderter Physiognomie«.¹³

Zwitterformen

Was Marx Hausarbeit nennt und später Heimarbeit genannt wurde, wird heute als Arbeit im »Home-Office« bezeichnet. Sie ist ein hervorragendes Beispiel für eine solche Zwitterform, denn sie erweckt den Anschein, dass die Arbeitskräfte ihre Arbeit selbst organisieren, ihre Arbeitszeit selbst bestimmen, auch die Bedingungen, unter denen sie – teilweise mit ihnen selbst gehörenden Produktionsmitteln (wie z. B. Computern) – zu Hause arbeiten usw., also ganz so, wie das die vom Kaufmannskapital »verlegten« Handwerker in den Zeiten des Frühkapitalismus getan hatten. In bezug auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation ihrer Arbeit geht es ihnen anscheinend sehr viel besser als denen, die in der Firma ihre Berufstätigkeit zu festgelegten Zeiten vollziehen. Aber die »Unselbständigen« haben ein Anrecht auf die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen elf Stunden ununterbrochen arbeitsfreier Ruhezeit; die in vielen Unternehmen gewünschte permanente Erreichbarkeit der Beschäftigten widerspricht dem genauso wie das Lesen einer einzigen beruflichen E-Mail in der Ruhezeit und kann, zumindest theoretisch, von seiten der Gewerkschaften und Betriebsräte unterbunden werden. Die im »Home-Office« Arbeitenden jedoch müssen, wie in frühkapitalistischen Zeiten, unter den mörderischen Bedingungen von Angebot und Nachfrage für ihre Auftraggeber stets verfügbar und zur Arbeit bereit sein, weil der Auftrag sonst an die Konkurrenz ginge. Der vom Kapital angestrebte Idealzustand, dass die Lebenszeit »seiner Arbeiter« sich vollständig in Arbeitszeit verwandelt – hier wird er sukzessive erreicht, sogar mit dem Einverständnis der scheinbar ganz freiwillig nur sich selbst Ausbeutenden.

In gewisser Weise gleicht das Verhältnis zwischen dem, der selbständig im »Home-Office« arbeitet, und seinem Auftraggeber dem der formellen Subsumtion: Es ist »das reine Geldverhältnis zwischen dem, der die Surplusarbeit aneignet und dem, der sie liefert; soweit Unterordnung entspringt, entspringt sie aus dem bestimmten Inhalt des Verkaufs, nicht aus einer ihm vorausgesetzten Unterordnung, wodurch der Produzent in [ein] andres Verhältnis als das Geldverhältnis (Verhältnis von Warenbesitzer zu Warenbesitzer) gegen den Exploiteur seiner Arbeit […] gestellt wäre; es ist nur als Besitzer der Arbeitsbedingungen, dass hier der Käufer den Verkäufer in seine ökonomische Abhängigkeit bringt; kein politisches und sozial fixiertes Verhältnis von Über- und Unterordnung.«¹⁴

Was am Beispiel der Arbeit im »Home-Office« illustriert worden ist, gilt heutzutage ebenso für Arbeiten in neugegründeten kleineren Firmen, die ursprünglich Abteilungen in Großbetrieben waren und auf dem Wege des sogenannten Outsourcing in eine gewisse Selbständigkeit entlassen werden. In solchen Firmen sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten häufig viel schlechter, da das Ableisten von Überstunden (»im Interesse des Fortbestands der neugegründeten Firma«) zum Alltag gehört, tarifliche Bindungen einfacher umgangen werden können, keine Betriebsräte gebildet werden müssen usw. So kehrt die Produktion von absolutem Mehrwert auf dem Wege der maßlosen Verlängerung des Arbeitstages zurück und feiert neue Triumphe. Und in vielen Fällen erweisen sich die Ausgründungen auch und gerade für die ursprünglichen »Mutterbetriebe« als höchst profitabel, nämlich dann, wenn die letzteren die von den ersteren billiger hergestellten Produkte und Leistungen kaufen, um auf diese Weise selber billiger produzieren zu können. Hinzu kommt, dass auf diese Weise in den Großbetrieben die Beschäftigten sehr viel besser unter Druck gesetzt werden können, »im Interesse der Sicherung ihrer Arbeitsplätze« der Übernahme von zunächst in den Ausgründungen eingeführten Arbeitsbedingungen zuzustimmen.

Folglich gibt es Produktion von absolutem Mehrwert mittels formeller Unterordnung der Arbeit unter das Kapital, wenn auch in erneuerter Gestalt (»mit gänzlich veränderter Physiognomie«), nicht nur in den »Zwitterformen«, sondern ebenso in jedem neugegründeten Industriebetrieb. Auch die reelle Subsumtion des Arbeiters erscheint in erneuerter Gestalt. Die Einführung moderner computergesteuerter Produktionsanlagen erzeugt nur scheinbar völlig andere Arbeitsverhältnisse als im traditionellen Fabrikbetrieb, denn die von Marx im ersten Band des »Kapitals« gegebene Darstellung der Arbeit in der mechanischen Fabrik gilt in wesentlichen Teilen auch für die in der automatisierten geleistete.

Mittel der Tortur

So vermerkt er zu dem von ihm untersuchten Prozess der »Intensifikation der Arbeit«, er vollziehe sich »in doppelter Weise: durch erhöhte Geschwindigkeit der Maschinen und erweiterten Umfang der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie oder seines Arbeitsfeldes«.¹⁵ Ausdrücklich benennt er das Überwachen als Tätigkeitsmerkmal des Fabrikarbeiters und stellt wenig später fest: »Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. […] Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich […] in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie.«¹⁶

Einer der von ihm zitierten Zeitgenossen, der Ingenieur, Erfinder und Unternehmer James Nasmyth, meinte daher: »Der bezeichnende Zug unsrer modernen mechanischen Verbessrungen ist die Einführung selbsttätiger Werkzeugmaschinen. Was jetzt ein mechanischer Arbeiter zu tun hat, und was jeder Junge tun kann, ist nicht, selbst zu arbeiten, sondern die schöne Arbeit der Maschine zu überwachen. Die ganze von ihrer Geschicklichkeit ausschließlich abhängende Klasse von Arbeitern ist jetzt beseitigt.«¹⁷

Ganz dasselbe konstatierte hundertfünfzig Jahre später Marcus Schwarzbach in seinem Buch »Work around the clock?« zu den im Rahmen von »Industrie 4.0« tätigen Assistenzsystemen, dass sie nämlich »die Anforderungen an die Beschäftigten und die Anlernzeiten so weit reduzieren, dass Leute von der Straße geholt und an beliebige Arbeitsplätze gesetzt werden können«.¹⁸ Gewiss, die Systeme selbst werden noch von Ingenieuren und Wissenschaftlern konzipiert und konstruiert, teilweise auch schon assistiert von Systemen höherer Ordnung, aber für die Beschäftigten gilt umso mehr, was der Erfinder des »Scientific Management«, Frederick W. Taylor, schon vor hundert Jahren auf die kurze Formel gebracht hatte: »Sie sollen gar nicht denken. Fürs Denken werden andre Leute bezahlt.«

Die sozialökonomischen Veränderungen durch Automatisierung, Computerisierung und Digitalisierung sollten also nicht überschätzt werden. Ebensowenig jedoch dürfen ihre sozial­psychologischen Wirkungen unterschätzt werden. Denn auch heute noch gilt der »Blaukittel« gegenüber dem »Weißkittel« als der Unqualifizierte, Ungebildete usw., obwohl der »mechanische Arbeiter« sein Handwerk versteht, wogegen der »Überwacher« automatischer Taktstraßen und Raffinerien lediglich wissen muss, welchen Schalter er in vom System signalisierten Gefahrensituationen betätigen muss, denn für die gegebenenfalls notwendige Reparatur desselben sind schon wieder andere zuständig. Wenn automatische Sicherungsanlagen mögliche Auswirkungen eventuell auftretender Störungen vermindern oder gar verhindern, so bedürfen sie ganz besonders konzentrierter Überwachung. (Dem falschen Bewusstsein mag ja die Funktion des Wächters als erstrebenswertes Ziel erscheinen, aber in der Realität ist und bleibt der Wächter stets der Gefangene des zu Bewachenden.) Waren die »Blaukittel« nach Marx »lebendige Anhängsel« des Maschinensystems, so sind die »Weißkittel« – allem ästhetischen Schein zum Trotz – ebensolche Anhängsel des computergesteuerten Automatensystems. Beide unterliegen dem Kommando des Kapitalisten und leisten demzufolge kommandierte Arbeit.

Die Unterordnung des Arbeiters, sowohl der »Blaukittel« wie der »Weißkittel«, unter das Kapital ist also durch wissenschaftlich-technische Neuerungen gleich welcher Art ganz offenbar nicht zu beseitigen. Dies erfordert vielmehr die Beseitigung des Kapitalverhältnisses selbst (welches bekanntlich nicht durch das Grundgesetz geschützt ist).

Anmerkungen:

1 Termini wie Arbeiter, Kapitalist usw. umfassen stets auch Arbeiterin, Kapitalistin usw.

2 Vgl. in den Marx-Engels-Werken (MEW), Bd. 23, S. 199, 315, 354, 376/77, 446, 509, 533, 600 u. 766

3 Diese Passagen sind nur in der 2. Auflage von Bd. 1 des »Kapitals« enthalten und werden daher (in modernisierter Orthographie und Interpunktion) zitiert nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2), Bd. II/6, S. 479 f. In der von Friedrich Engels herausgegebenen 4. Auflage wurden sie stark gekürzt (vgl. MEW, Bd. 23, S. 532 f.). In meiner Neuausgabe (siehe die Angaben im Vorspann) sind sie, der 2. Auflage entsprechend, wieder in den Text aufgenommen.

4 MEW, Bd. 23, S. 445

5 MEW, Bd. 23, S. 390

6 Das Manuskript wurde zuerst (zweisprachig) 1933 im Moskauer »Archiv Marksa i Engel’sa«, Bd. II (VII), publiziert, 1969 erschien ein Reprint (ohne die russische Übersetzung) in Frankfurt am Main, 1988 die historisch-kritische Edition in Bd. II/4.2 der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) und eine Separatausgabe im Dietz-Verlag Berlin sowie 2009 eine neue Ausgabe bei Karl Dietz Berlin.

7 Ob Marx diese Passagen aus der später erfolgten Bearbeitung des ersten Bandes bewusst ausgeschlossen oder einfach vergessen hat, sie zu übernehmen (solche Versehen sind bei ihm nicht ganz selten), ist wohl nicht mehr feststellbar, sollte aber nicht daran hindern, das Kapitel eingehend zu studieren.

8 MEGA2 II/4.1, S. 91

9 MEGA2 II/4.1, S. 116

10 Die fundamentale Bedeutung dieser Unterscheidung wurde, soweit ich sehe, erstmals hervorgehoben im »Handbuch Wirtschaftsgeschichte«, Berlin/DDR 1981, Bd. 2, S. 608 f., in meinem Artikel »Allgemeine Charakterisierung der kapitalistischen Produktionsweise«. Sie kann übrigens auch für die Erklärung der Reversibilität bisheriger Sozialismusentwicklung genutzt werden, eine Problematik, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden kann. Einen ersten Deutungsversuch in dieser Richtung hatte ich in einem Vortrag zum 80. Jahrestag der Oktoberrevolu­tion unternommen; vgl. in der Serie »Pankower Vorträge« das Heft 8: Oktoberrevolution in Russland – ein unmöglicher Ausbruch aus der Welt des Kapitals? Berlin 1998, S. 22–29, insbes. S. 25 ff.

11 MEGA2 II/4.1, S. 95

12 MEGA2 II/4.1, S. 105

13 MEW, Bd. 23, S. 533

14 MEGA2 II/4.1, S. 97

15 MEW, Bd. 23, S. 434

16 MEW, Bd. 23, S. 445 f.

17 MEW, Bd. 23, S. 459

18 Marcus Schwarzbach: Work around the clock? Industrie 4.0, die Zukunft der Arbeit und die Gewerkschaften, Köln 2016, S. 35

Thomas Kuczynski schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 5./6. Oktober 2013 über die Entwicklung des deutschen Kapitals von der sogenannten Gründerkrise bis zum Imperialismus.

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