Aus: Ausgabe vom 08.09.2017, Seite 2 / Inland

»Wir sind ein Haufen von Individuen«

Die Bergpartei tritt zur Bundestagswahl an, würde das Parlament aber gern auflösen – damit sich die Menschen in Kommunen selbst verwalten. Gespräch mit Rhaffi Hadizadeh Kharazi

Interview: Anselm Lenz
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Antikapitalistisch und bewusstseinserweiternd: Plakat der Bergpartei

Sie kandidieren bei der Bundestagswahl für die Bergpartei. Was genau will die Partei?

Sie will im weitesten Sinne bewusstseinserweiternd wirken: Mentalverschiebung gegen Zentralverriegelung. Einen Regierungsanspruch stellen wir als Anarchisten natürlich nicht. Wobei: Das mit dem »wir« ist schwierig. Denn wir sind ein Haufen von Individuen. Da hat jeder seine eigene Meinung, und einige würden schon zumindest ins Parlament wollen.

Beziehen Sie sich auf eine bestimmte Richtung des Anarchismus oder einen von dessen Theoretikern?

Ich würde das nicht so sehr an einzelnen Leuten festmachen. Ganz gut funktioniert hat für mich der historische Anarchismus in Spanien. Dessen Selbstverwaltung müsste an die modernen Gegebenheiten angepasst werden, damit die Menschen direkt und selbst in der Gesellschaft entscheiden können.

Sie sprachen eingangs davon, dass Ihre Partei »bewusstseinserweiternd« wirken wolle. Das klingt recht esoterisch.

Ich bin für Auflösung. Zum Beispiel würde ich das Parlament, wie es jetzt besteht, gern auflösen. Viel mehr Menschen sollten viel mehr mitsprechen können. Die Bürger sollten nicht nur alle vier Jahre ihre Stimme in einer Urne begraben und dann andere bestimmen lassen. Die meisten in unserer Partei glauben daran, dass Menschen nicht über andere entscheiden sollten, denn dabei kommt nichts Gutes heraus.

Das heißt, dem Parlamentarismus können Sie nichts abgewinnen?

Die Demokratie kommt der Anarchie sicher am nächsten. Wir hatten früher die Aristokratie, jetzt die Demokratie. In ihr können schon mal mehr Leute mitsprechen als in der Monarchie – doch es sind noch immer zu wenige. Es ist mal an der Zeit, die Anarchie auszuprobieren.

Warum treten Sie dann zur Wahl an?

Die Gruppe der Nichtwähler ist sehr groß. Von ihnen denken aber viele so wie ich oder andere in der Bergpartei. Die würden wir gerne wieder motivieren, mitzumischen, sich einzumischen, Visionen zu entwickeln. Ich selbst sehe mich als Mittlerin für Vielfalt und postnationale Visionen. Grenzen sollten aufgelöst werden, vor allem jene der Nationalstaaten.

Angenommen, das würde passieren, und in der Folge bestünde auch kein Nationalstaat mehr: Entfielen dann nicht auch die Sozialleistungen für in Not geratene Menschen?

Sie würden noch immer verteilt, entsprechend den Bedürfnissen der Menschen. Die Bergpartei hat bereits 2006 die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen in ihr Parteiprogramm aufgenommen. Wird das einmal umgesetzt und wirtschaften zudem alle Menschen gemeinsam, dann wird dabei genug herauskommen.

Wenn aber kein Staat mehr da ist: Wer zahlt dann das bedingungslose Grundeinkommen?

Es wird Kommunen und Kollektive geben, die viel kleiner als die heutigen Staaten sind. In ihnen können sich die Menschen besser einigen, denn sie kennen sich untereinander. Sie können auch gemeinsam darüber befinden, wer von ihnen der schlauste ist und die Entscheidungen trifft. Das wären aber freie Vereinigungen, die im Einvernehmen aller auch wieder aufgelöst werden können.

Also stellt der anarchistische Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einige Gelddruckmaschinen auf, um die Scheine als bedingungsloses Grundeinkommen zu verteilen?

Dafür braucht es keine Druckmaschinen, denn Geld ist doch genug da. Es müsste nur anders verteilt werden. Momentan wird viel in Bereiche gesteckt, in die gar keines müsste – etwa die Rüstung. Wenn es keine Nationalstaaten mehr gibt und sich die Menschen als universelle Einheit verstehen, bedarf es der Rüstung nicht mehr.

Und damit es nicht nur schicke Kneipen, sondern auch Kartoffeln in Friedrichshain-Kreuzberg gibt, hält man Kontakte zu einer Brandenburger Bauernkommune?

Es braucht einen guten Draht zu den anderen, da muss also tatsächlich etwas passieren. Aber viele Menschen wären wohl zu einer Zusammenarbeit bereit, nicht nur in Berlin oder in Brandenburg, sondern auf der ganzen Welt. Mit unseren Forderungen bewegen wir uns also auf einer internationalen Ebene.

Rhaffi Hadizadeh Kharazi kandidiert für die Bergpartei bei der Bundestagswahl

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