Aus: Ausgabe vom 07.09.2017, Seite 7 / Ausland

Aufstand in Kordestan

Nach Tod von Schmugglern kommt es in kurdischen Städten des Iran zu Protesten. Guerilla erhöht Aktivitäten gegen Teheran

Von Nick Brauns
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Offensive gegen Teheran: Kämpfer der DPK-I bei einer Beerdigung am 21. Dezember 2016 nahe der irakischen stadt Erbil

In der mehrheitlich von Kurden bewohnten westiranischen Provinz Kordestan kommt es seit Wochenbeginn zu Protesten gegen die Islamische Republik. Auslöser war die Erschießung des 41jährigen Qadir Behrami und seines 21jähriger Sohns Heyder Fereci durch iranische Einsatzkräfte im Grenzgebiet zum Irak. Die beiden Männer arbeiteten als sogenannte Kolber – im Schmuggel tätige Lastenträger. Der Grenzhandel ist für viele Dörfer in dieser armen Region die Haupteinnahmequelle. Doch aus der Sicht der Behörden stellen die Kolber ein Sicherheitsrisiko dar. Allein im vergangenen Jahr wurden laut einer Dokumentation des in Frankreich ansässigen Kurdistan Human Rights Network (KHRN) 42 Schmuggler von Grenzposten erschossen, auch in diesem Jahr wurden Dutzende verletzt und eine noch unbekannte Zahl getötet.

Als die Leichen der beiden am Montag getöteten Schmuggler in die Stadt Baneh gebracht wurden, stürmten aufgebrachte Bürger das Rathaus, um die Bestrafung der verantwortlichen Soldaten zu fordern. Seit Dienstag blieben die Läden auf dem Bazar aus Protest geschlossen. Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, es gab eine Reihe von Festnahmen. Auch in den Städten Meriwan, Sardascht und Piranschahr riefen von Aktivisten gebildete Volksinitiativen zu Protesten auf. Die Armee errichtete Sperren um Regierungsgebäude und ließ zusätzliche Kräfte mit Hubschraubern einfliegen. In weiten Teilen von Kordestan herrschte am Mittwoch der Ausnahmezustand.

Angesichts des vom Präsidenten der irakischen Autonomen Region Kurdistan, Massud Barsani, für den 25. September angesetzten Referendums über eine Unabhängigkeit des Gebietes befürchtet Teheran einen Aufschwung von Autonomiebestrebungen im eigenen Land. Im Iran leben rund fünf Millionen Kurden, die im Unterschied zur schiitischen Ausrichtung der Islamischen Republik mehrheitlich Sunniten sind.

Am Dienstag attackierte eine Guerillaeinheit der Partei für ein Freies Leben in Kurdistans (PJAK) einen Militärposten im Dorf Sawan. Nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur Firat wurden zwei Revolutionsgardisten getötet. Dies sei ein Vergeltungsakt für die zuvor erschossenen Kolber, erklärte die als iranisch-kurdischer Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) geltende Guerilla. Die PJAK, die eine Selbstverwaltung nach dem Vorbild der Region Rojava in Nordsyrien anstrebt, unterhält seit 2011 einen nur durch gelegentliche Zusammenstöße mit Einsatzkräften unterbrochenen Waffenstillstand mit Teheran, um sich nicht als Instrument ausländischer Destabilisierung des Iran missbrauchen zu lassen.

Dagegen hat die Demokratische Partei Kurdistans-Iran (DPK-I) im vergangenen Jahr wieder offiziell den bewaffneten Kampf aufgenommen. Die 1945 während der kurzlebigen kurdischen Republik Mahabad mit sowjetischer Hilfe gegründete und heute sozialdemokratisch ausgerichtete DPK-I tritt für Autonomierechte der Kurden im Iran ein. Nach der Ermordung ihres Präsidenten Abdul Rahman Ghassemlou durch den iranischen Geheimdienst im Jahr 1989 in Wien war die DPK-I mehr als zwei Jahrzehnte lang fast ausschließlich im nordirakischen und europäischen Exil tätig.

Doch inzwischen bildet die DPK-I, deren Camps sich ebenso wie diejenigen der PJAK und PKK im nordirakischen Kandilgebirge befinden, wieder neue Peschmerga aus, die sich regelmäßig Gefechte mit der iranischen Armee liefern. Eine Stadtguerilla namens Adler des Zagros verübt zudem Attentate gegen hochrangige Revolutionsgardisten. Nach Ansicht der Teheraner Behörden ist der plötzliche Aufschwung der DPK-I-Aktivitäten auf logistische und finanzielle Unterstützung Saudi-Arabiens zurückzuführen, das so das um den Einfluss in der Region konkurrierende schiitische Land schwächen will. Unwahrscheinlich ist dies nicht. »Für uns ist es wichtig, die Islamische Republik zu schwächen, und wir glauben, dass ausländische Unterstützung dafür effektiv sein kann. Wir wollen finanzielle, militärische, politische und propagandistische Hilfe«, warb der DPK-I-Vorsitzender Mustafa Hijri offen im September 2016 im persischen Programm von BBC.

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