Aus: Ausgabe vom 05.09.2017, Seite 7 / Ausland

»Massive Antwort«

Nach dem sechsten nordkoreanischen Atomwaffentest droht Washington mit »Präventivschlägen« und noch schärferen Sanktionen

Von Knut Mellenthin
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Verteidigungsminister James Mattis und Generalstabschef Joseph Dunford am Sonntag in Washington nach ihrem Statement zu dem nordkoreanischen Test

Nordkorea beschleunigt die Abfolge seiner Atomwaffentests. Am Montag meldeten südkoreanische Medien, dass die Demokratische Volksrepublik (DVRK) einen weiteren Raketenstart plane. Zuvor hatten nordkoreanische Militärwissenschaftler am Sonntag unterirdisch auf dem Versuchsgelände Punggye Ri die sechste nukleare Testexplosion des Landes ausgelöst.

Nach ersten, vorläufig noch sehr ungenauen westlichen Schätzungen lag die Sprengkraft der Bombe zwischen 100 und 300 Kilotonnen. Damit wäre sie ungefähr zehnmal so groß wie die der am 9. September 2016 getesteten nordkoreanischen Atomwaffe und stärker als die Sprengkraft der bisherigen fünf Versuchsexplosionen zusammengerechnet. KCNA, die staatliche Nachrichtenagentur der DVRK, behauptete, es habe sich um eine Wasserstoffbombe gehandelt. Internationale Experten schließen das nicht grundsätzlich aus.

Erwartungsgemäß wurde der Test vom Sonntag weltweit verurteilt. Erhebliche Unterschiede gab es aber im Inhalt und in der Tonart der State­ments. Sprecher Chinas und Russlands hoben hervor, dass »direkter Dialog und Verhandlungen« der einzige angemessene Weg seien, um die Pro­bleme auf der Koreanischen Halbinsel zu lösen. Moskau und Beijing hatten im Juni vorgeschlagen, dass die DVRK ihre Atomwaffen- und Raketenprogramme einfrieren solle, während als Gegenleistung die USA und Südkorea auf ihre nahezu permanenten »Militärübungen« verzichten sollten. Zugleich fordern Russland und China die Wiederaufnahme der seit April 2009 unterbrochenen Sechsergespräche zwischen ihnen, den USA, Japan und den beiden koreanischen Staaten.

Seitens der US-Regierung kündigte Verteidigungsminister James Mattis eine »massive militärische Antwort« auf »jede Bedrohung der USA und ihrer Territorien – einschließlich Guams – oder unserer Verbündeten« an. Was in diesem Zusammenhang als »Bedrohung« zu gelten habe, wurde aus den Worten des Pentagonchefs nicht deutlich. Auf der Pazifikinsel Guam befindet sich einer der größten und strategisch wichtigsten Luftwaffenstützpunkte der USA. Nordkoreanische Militärs hatten Anfang August von der Möglichkeit gesprochen, als Signal an die US-Regierung eine Rakete in die internationalen Gewässer rund um Insel zu schießen.

Als Sofortmaßnahme strebt Washington jetzt eine nochmalige Verschärfung der internationalen Strafmaßnahmen gegen die DVRK an. Entsprechende Forderungen wurden schon während einer schnell einberufenen Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats am Montag (Ortszeit) erwartet. Das Gremium hatte zuletzt am 5. August beschlossen, den Import von Kohle, Eisen, Blei, Fischen und anderen »Meeresfrüchten« aus Nordkorea zu verbieten. Das bringt die DVRK nach Schätzungen um rund ein Drittel ihrer ohnehin niedrigen Importeinnahmen von etwa drei Milliarden Dollar im Jahr. US-Finanzminister Steven Mnuchin drohte am Sonntag sogar damit, den Handel mit Ländern einzustellen, die weiterhin Geschäftsbeziehungen zur DVRK unterhalten. Betroffen wäre davon hauptsächlich China. Die Folgen eines solchen Schritts für die US-Wirtschaft wären schwerwiegend. Die Idee, die auch von Präsident Donald Trump aufgegriffen wurde, kann daher kaum als ernstgemeint gelten.

Unterirdische Atomversuche sind weder verboten noch geächtet. Zwar wurde 1996 ein internationales Abkommen vereinbart und von der UN-Vollversammlung gebilligt, das genau dies zum Ziel hatte, aber es ist bisher nicht in Kraft getreten. Der Grund: Eine kleine Zahl von Ländern, darunter die USA und China, haben den Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty (CTBT) nicht ratifiziert.

Auf die DVRK mit ihren sechs Test­explosionen entfallen nur 0,3 Prozent aller jemals durchgeführten Atomwaffenversuche. An der Spitze liegen die USA mit 1.032 und die damalige Sowjetunion mit 727 Tests. Bis Ende 1962 experimentierten diese zwei Staaten sowie Großbritannien fast ausschließlich in der Erdatmosphäre. Nachhaltige Schäden und Belastungen für Menschen und Umwelt waren die Folge. Erst das Teststoppabkommen von 1963 verbot diese Praxis und ließ nur noch unterirdische Versuchsexplosionen zu. Frankreich und China traten dem Abkommen jedoch nicht bei.

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