Aus: Ausgabe vom 04.09.2017, Seite 7 / Ausland

Helfer schlagen Alarm

Flutkatastrophe in Südasien: Bereits 2.100 Tote und 45 Millionen Betroffene

Von Thomas Berger
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Rettungsarbeiten am Sonntag in der Nähe von Agartala in Indien

Die Flutkatastrophe in Südasien weitet sich immer mehr aus. Die offizielle Gesamtzahl der Todesopfer in Indien, Nepal, Bangladesch und Pakistan wurde am Wochenende bereits mit 2.100 angegeben. Insgesamt, so die Hochrechnungen von staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen, sind 45 Millionen Menschen direkt von der Naturkatastrophe betroffen.

Zwar herrscht auf dem Subkontinent jedes Jahr um diese Zeit der Monsun. So heftig und intensiv wie 2017 hat es in der Region aber schon lange nicht mehr geregnet. In Indien, Nepal und Bangladesch herrschte eine vergleichbare Situation zuletzt vor über einem Jahrzehnt.

Die westlichen Medien berichteten lange eher zurückhaltend über die Lage in Asien und konzentrierten sich vor allem auf den Hurrikan »Harvey«, der die USA heimsuchte. Doch als in der vergangenen Woche die Finanzmetropole Mumbai ebenfalls Opfer der Hochwasser wurde, erreichten auch Bilder aus dem Süden die europäischen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer.

Die seit 2005 schwersten Überflutungen lösten in Teilen der 25-Millionen-Stadt, die Indiens wichtigstes Wirtschaftszentrum und Sitz zahlreicher ausländischer Firmen ist, Chaos aus. Sogar die Vorortbahnen, wichtigste Verkehrsader des Molochs, mussten teilweise den Betrieb einstellen. Die größten Regenmengen – über 300 Liter pro Quadratmeter binnen 24 Stunden allein am vergangenen Dienstag – gingen im nördlichen Zentrum Mumbais nieder, dort befindet sich unter anderem der Flughafen.

Nicht nur in Mumbai, wo auch direkt in der Innenstadt Slums existieren, war die städtische Infrastruktur von den Wassermassen überfordert. Auch Chandigarh im Norden, Verwaltungssitz der beiden Bundesstaaten Pandschab und Haryana, versank einige Tage zuvor im Chaos. Dabei gilt die 1951 errichtete Großstadt als die am besten geplante des Landes. Generell verstärken Siedlungsdruck und fortschreitende Flächenversiegelung an vielen Orten das Problem, weil die enormen Wassermengen so nur noch bedingt natürliche Stauräume haben und auch nicht mehr zügig abfließen können.

Die Regionaldirektorin des UN-Kinderhilfswerks UNICEF für Südasien, Jean Gough, warnte am Wochenende, dass in den vier Ländern mindestens 16 Millionen Kinder von den Fluten betroffen sind. »Sie haben ihr Zuhause, ihre Schulen, sogar Freunde und Verwandte verloren«, sagte sie und betonte, dass es mit einem Weiterziehen der Niederschlagsfronten nach Süden in dortigen Teilen Indiens eine weitere Verschärfung der Lage geben könne. Für das Land insgesamt sprechen die Helfer von einer Million Schülern, deren Bildungseinrichtungen zerstört oder stark beschädigt wurden. In Bangladesch weist die Statistik 2.292 betroffene Schulstandorte aus.

Obwohl sich zumindest in Nepal und Bangladesch die Situation etwas zu normalisieren beginnt, werden die Folgen noch wochen- oder monatelang anhalten. Abgesehen von den vielen Familien, die obdachlos wurden, zerstörte die tagelange Überflutung riesiger Ackerflächen einen Großteil der aktuellen Ernte. Das könnte Tausende weitere Bauern in den Ruin treiben und zugleich Nahrungsmittelknappheit und noch mehr Hunger auslösen. Zudem drohen Seuchen, weil Trinkwasserquellen verschmutzt sind. Allein in Bangladesch sind inzwischen mehr als 13.000 Fälle von so verursachten Krankheiten bekannt.


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