Aus: Ausgabe vom 01.09.2017, Seite 1 / Titel

Bomber zum Weltfriedenstag

Wachsende Kriegsgefahr auf Koreanischer Halbinsel: Drohgebärden aus Washington und Seoul. Russland und China rufen zur Mäßigung auf

Von André Scheer
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Bombenabwurf durch eine B-1B der US-Luftwaffe bei der provokativen Übung am Donnerstag in Südkorea

Vor 78 Jahren, am 1. September 1939, überfiel die Hitlerwehrmacht Polen und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus. Dieser Tag wird insbesondere in Deutschland als Internationaler Antikriegstag bzw. Weltfriedenstag begangen. In seinem Aufruf erklärt der Deutsche Gewerkschaftsbund aus diesem Anlass: »Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften gedenken an diesem Tag der Schrecken zweier Weltkriege, die über 80 Millionen Tote gefordert haben. Für uns steht fest: Das unermessliche Leid und das Grauen, das die beiden Vernichtungskriege und die Schreckensherrschaft der Nazis über die Menschen gebracht haben, dürfen sich nie wiederholen. Deshalb müssen wir unser Bekenntnis zu Frieden, Demokratie und Freiheit immer wieder erneuern. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!«

Von Frieden ist die Welt jedoch nach wie vor weit entfernt – und gerade die USA gießen weiter Öl ins Feuer. Am Donnerstag provozierten Kampfflugzeuge aus den Vereinigten Staaten und Südkorea über der Koreanischen Halbinsel. Begründet wurde das mit dem Abschuss einer Mittelstreckenrakete am Dienstag durch Pjöngjang. Sie war über Japan hinweggeflogen und ins Meer gestürzt. Als Reaktion darauf beteiligten sich am Donnerstag nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP zwei US-Langstreckenbomber vom Typ B-1B »Lancer« und vier Tarnkappenflugzeuge vom Typ F-35 B an dem nicht angekündigten Manöver in der Umgebung des Übungsplatzes Pilseung, rund 150 Kilometer südlich der Grenze zu Nordkorea. Von dort aus könnten zum Beispiel die B-1B innerhalb von sechs Minuten das Staatsgebiet der Demokratischen Volksrepublik erreichen.

In den vergangenen zwei Wochen hatten Zehntausende Soldaten aus den USA und Südkorea zudem ihr jährliches Manöver »Ulchi Freedom Guardian« (Wächter der Freiheit) durchgeführt. Dabei wurde mit Hilfe von Computern ein Krieg simuliert, der offiziell durch den Angriff einer namentlich nicht genannten Macht ausgelöst worden sei.

Wenig überraschend, fühlte sich Pjöngjang provoziert. »Die gegenwärtige Lage erinnert an den Vorabend des Koreakrieges in den 1950er Jahren«, kommentierte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Donnerstag. »Es sollte nicht einen einzigen Augenblick vergessen werden, dass ganz Südkorea in Ruinen verwandelt werden kann«, zitierte sie zudem ein Statement des »Nationalen Friedenskomitees«. Die »Marionetten« in Seoul sollten nicht »leichtsinnig« werden, weil ihr Vertrauen in die USA nur ihre eigene Selbstzerstörung beschleunigen werde.

Alarmiert reagierten China und Russland auf die erneute Zuspitzung auf der Koreanischen Halbinsel. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, warnte am Donnerstag in Moskau, dass die »Muskelspiele« auf der Koreanischen Halbinsel die Region an den Rand eines militärischen Konflikts bringen würden. Sie rief beide Seiten auf, zu einem verantwortungsbewussten Verhalten zurückzukehren und die Kriegsrhetorik einzustellen. Zugleich kritisierte sie erneut den Raketentest Nordkoreas. Diesen hatte auch der UN-Sicherheitsrat einstimmig verurteilt.

Die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Hua Chunying, betonte in Beijing jedoch, dass die Resolution der Vereinten Nationen zwei Teile beinhalte. Einerseits gehe es darum, die nordkoreanische Raketenentwicklung zu stoppen. Andererseits verlange die Erklärung jedoch die Lösung der Korea-Frage durch friedliche, politische und diplomatische Anstrengungen und durch den Verzicht auf alle Handlungen, durch die weitere Spannungen geschürt werden können. Die Verantwortung für eine Lösung liege in Nord- und Südkorea und in den USA: »Sie halten den Schlüssel in der Hand. Aber immer, wenn sie einen Schritt nach vorn tun, um die Tür zu öffnen, treten sie drei Schritte zurück und zeigen keine Bereitschaft, die Tür auch zu öffnen.« Es reiche nicht aus, einseitig auf Sanktionen zu setzen: »Wenn diese Angelegenheit einfach durch Druck und Sanktionen geregelt werden könnte, wie sind wir dann in diesen Teufelskreis geraten, in dem die Lage immer schlechter und schlechter wird?«

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