Aus: Ausgabe vom 28.08.2017, Seite 7 / Ausland

Waffenruhe im Wanken

In der Ostukraine wird weitergeschossen. OSZE verschleiert Verantwortung

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
RTX3CXMD.jpg
Ein ukrainischer Soldat feuert in der Kleinstadt Krasnohoriwka auf Truppen der selbsternannten Doneszker Volksrepublik (25. Juli 2017)

Der offiziell in der Nacht zum Freitag in Kraft getretene Waffenstillstand im Donbass wird allenfalls teilweise eingehalten. Aus den Mitteilungen beider Seiten kristallisiert sich heraus, dass immerhin weniger geschossen wird als in den zurückliegenden Wochen. Interessant sind die Nuancen. So meldete der Stab der ukrainischen Armee für den östlichen Frontabschnitt »keine Waffenstillstandsverletzungen durch die illegalen Kämpfer« der selbsternannten »Volksrepublik Lugansk« (VRL) , die Behörden der VRL am Sonntag morgen jedoch sechs Fälle von Beschuss durch die Ukraine. Das lässt die Meldung aus Lugansk ebenso plausibel erscheinen wie die Aussage, die Truppen der Volksrepubliken seien angewiesen, nur zur Selbstverteidigung zu schießen.

Auch die regelmäßigen Berichte der Organisation für Sicherheit und Zusammenheit in Europa (OSZE) über den Verlauf der Auseinandersetzung sind zwischen den Zeilen zu lesen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wer zumindest für den überwiegenden Teil der Zwischenfälle verantwortlich ist. Die Tagesmeldung der Beobachtermission vom Samstag abend verzeichnete vom Beobachtungspunkt Gorliwka in unter anderem »33 fliegende Geschosse in west-östlicher Richtung, acht in nord-südlicher, acht in süd-nördlicher«. Da es der Mission verwehrt ist, Ross und Reiter offen zu benennen, muss man sich mit Hilfe einer Landkarte den Frontverlauf vorstellen. So wird deutlich, dass von den gezählten 49 Waffenstillstandsverletzungen 41 wahrscheinlich auf das Konto der Ukraine gehen.

Zahlenkosmetik betreibt die OSZE auch bei den Zivilopfern. Vor einigen Tagen berichtete der Schweizer Diplomat Alexander Hug in Kiew, dass zwischen Jahresbeginn und dem 13. August im Donbass 65 Zivilisten ums Leben gekommen und 285 verletzt worden seien – »meist durch die Explosion von Minen oder Blindgängern«, wie das ukrainische Intelligenzblatt Serkalo Nedeli wiedergab. Einen Absatz weiter unten hingegen zitiert das Portal Hug mit der Aussage, in dem Zeitraum seien durch Minen und Blindgänger 28 Menschen getötet und 65 verletzt worden – also ein knappes Drittel der Getöteten und ein Viertel der Verletzten. Damit liegt es nahe, dass die übrigen durch Beschuss geschädigt wurden. Wenn sich die Verantwortung ähnlich verteilt wie bei der Stichprobe aus Gorliwka, dann liegen gut 80 Prozent bei der Ukraine.

Beide Konfliktparteien beschuldigen sich gegenseitig, neue Offensiven vorzubereiten. Auf ukrainischer Seite wird regelmäßig das Vorhandensein »russischer Spezialeinheiten« unter den Streitkräften der abtrünnigen Volksrepubliken gemeldet, in den Republiken berichten Militärs über die angebliche Konzentration schwerer Waffen auf ukrainischer Seite. Die Meldung eines angeblich bevorstehenden ukrainischen Großangriffs ist leider so häufig, dass ihre Glaubwürdigkeit schwindet. Unterdessen zeigen vom Verteidigungsministerium der ebenfalls selbstproklamierten »Volksrepublik Donezk« veröffentlichte Videos, dass ihre Truppen sich offenbar auf eine Verlängerung des Stellungskrieges einstellen. Zu sehen sind mit Holz ausgeschlagene Schützengräben, in deren Wände sogar Kleiderhaken geschraubt sind, wie auch behelfsmäßige Duschen, Küchen und sogar Saunas. Das politische Signal der Videos: Unsere Taktik ist defensiv, aber den Winter halten wir durch.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Vom nächsten Einmarsch in den Libanon bis zu Luftangriffen auf iranische Atomanlagen – Israel und die USA laufen sich warm
    Knut Mellenthin
  • Kolumne von Mumia Abu-Jamal
    Mumia Abu-Jamal
  • Kurdisches Unabhängigkeitsreferendum stößt selbst bei Verbündeten auf Ablehnung. Jesiden rufen Autonomie aus
    Nick Brauns
  • Keine Angst: 500.000 Menschen demonstrierten in der katalanischen Stadt Barcelona für den Frieden
    Mela Theurer, Barcelona