Aus: Ausgabe vom 23.08.2017, Seite 10 / Feuilleton

»In diesem Kino spukt es«

Zwei Klassiker des Schwertkämpferfilms von King Hu sind wieder zu sehen, und eine Retrospektive in Berlin ­würdigt Tsai Ming-liang

Von Peer Schmitt
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King Hus wichtigste inhaltliche Neuerung war die (Wieder-)Einführung der aktiven weiblichen Heldenfigur: »Ein Hauch von Zen«, 1971

»Es war einmal im China zur Zeit der Ming-Dynastie, im achten (und letzten) Jahr der Regentschaft des Kaisers Jingtai, dem Jahre 1457 also. Zu jener Zeit hatten verschwörerische Palasteunuchen die Kontrolle über die Regierung übernommen und gründeten zum Zweck der Machterhaltung zwei Geheimgesellschaften. Die Eunuchen waren grausam und in den Künsten des Schwertkampfes höchst bewandert. Die Menschen versteinerten vor Furcht in ihrem Angesicht.«

Der Vorspann von »Goodbye, Dragon Inn« (2003) von Tsai Ming-liang, einem der Vorzeigeregisseure des taiwanesischen »New Wave«, bedient sich der Tonspur eines anderen, berühmteren Films. Natürlich genau jenes Klassikers, von dem sein Titel so gezielt Abschied nimmt: »Dragon Inn« (»Die Herberge zum Drachentor«, 1967), von King Hu, dem Gottvater der Wiedererneuerung des Wuxia-Genres, des Schwertkämpferfilms. Kein Zweifel, Aufzählungen, Listen, Reminiszenzen haben Abenteuer und Erzählungen ersetzt. Doch wenigstens hat die mehr verwirrende als erklärende Erzählung aus dem Off, die »Dragon Inn« einleitet, ihren schönen Sound bewahrt, wenn schon an den genaueren Gehalt der historischen Legende, die dort den Aufmarsch zweier Schwertkämpferarmeen illustriert, kaum einer mehr glauben mag.

Draußen vor dem verwaisten Kinoeingang regnet es in Strömen. Eine einsame Straßenkatze huscht um die Ecke. Wieder einmal ist es zu einer dieser allerletzten Vorstellungen gekommen. Auch die Tage dieses Kinos sind gezählt. Sitzt nicht sogar einer der alten Heldendarsteller aus »Dragon Inn« wie erstarrt im Zuschauerraum? Die Flure und Hinterzimmer des verfallenden Kinos aber werden Tsai Ming-liangs Protagonisten gleichsam zur Herberge für ihre so beiläufigen wie stellenweise eher abseitigen Alltagsverrichtungen. Eines ist ihnen dabei klar: »In diesem Kino spukt es«. Dieser Spuk ist möglicherweise nichts anderes als die Projektion von »Dragon Inn« in einer gottverlassenen Regennacht. Die Wüstenherberge zum Drachentor, wo die unabhängigen, wandernden Kriegsleute, die Beschützer der Witwen und Waisen, die »Wuxia« eben, sich mit den feindlichen Söldnern, Spionen und Eunuchen ein Stelldichein geben, ist vielleicht doch so etwas wie das Haus des Films schlechthin gewesen. Aber auch eine Art Zirkus und nicht zuletzt wirklich ein Gasthaus, in dem gemampft, gebechert und übernachtet wird, wo Wurfdolche mit Essstäbchen gefangen werden und sorgsam choreographierte Besäufnisrituale mit vergiftetem Reiswein gerade noch mal gut ausgehen. »Goodbye, Dragon Inn« ist also der Vollzug eines Abschieds von einem alles in allem doch noch recht gemütlichen Zuhause. Das Berliner Arsenal widmet den Kinofilmen von Tsai Ming-liang im September eine verdiente Retrospektive in chronologischer Abfolge. Sie gehören zu den kargsten, traurigsten und auch besten Filmen der letzten beiden Dekaden überhaupt.

»Dragon Inn« wiederum wird derzeit – dem Verleih Rapid Eye Movies sei Dank – in neuer digitaler Fassung wiederaufgeführt, so als gelte es, das Ende des Kinos mit Würde zu zelebrieren. Gerade »Dragon Inn« wurde im Laufe der Jahrzehnte so häufig kopiert, zitiert, remodelliert, wiederaufgeführt, wiederholt, beschrieben, besprochen, bestohlen, bewundert, es scheint kaum noch wahr zu sein, dass es ihn als eigenständiges Gebilde noch gibt. Davon kann man sich nun aufs neue überzeugen.

Die Wuxia-Filme, die King Hu im Taiwan der 60er und 70er Jahre drehte, legten die Grundlage für den Erfolg der dortigen Filmindustrie. Sie waren freilich keine Neuerfindungen, sondern eine Wiederbelebung der Stoffe und formalen Prinzipien der chinesischen Oper. Die Verspieltheit dieser Filme sollte sich von der vergleichsweise konservativen Konkurrenz aus Hongkong absetzen. Überraschenderweise ist es gerade der Rückgriff auf die Tradition, der die Modernisierung des Genres begünstigt. Kunststück, wenn diese Tradition formal die Dominanz des Choreographischen/Akrobatischen über das Narrative und inhaltlich eine ironische sexuelle Ambivalenz mit sich bringt.

Die wichtigste inhaltliche Neuerung King Hus war die (Wieder-)Einführung der aktiven weiblichen Heldenfigur. So steht in »Dragon Inn« eine – in männlicher Kluft gekleidete – Schwertkämpferin (Shangguan Lingfeng) mit im Zentrum des Geschehens. Der große internationale kommerzielle Erfolg der neuen Schule der Wuxia-Filme erlaubte es King Hu, zu Beginn der 70er Jahre weitere Experimente zu treiben und das gerade etablierte Genre mit einem Meisterwerk zu transzendieren. Die Rede ist von »A Touch of Zen« (»Ein Hauch von Zen«, 1971), der ebenfalls in digitalisierter Fassung wiederaufgeführt wird. In dem gut dreistündigen Film bekämpfen ein verbummelter Student und eine mysteriöse, sich auf der Flucht befindliche Frau zusammen in einem Spukschloss die Mächte des Bösen. Wieder ist es die Adaption eines klassischen Stoffes, bei der Klamauk, Akrobatik, Sozialkritik und plötzlich auch jede Menge Mystik zusammentreffen. In der kolossal psychedelischen Schlusssequenz des Films wird der überirdischen weiblichen Heldenfigur dann gleichsam vom Buddha persönlich der Weg ins Diesseits (nicht ins Jenseits oder Nirgendwo) gewiesen. Allein diese entschiedene Geste genügt, um dem Film einen Platz im Kanon der schönsten Filme überhaupt zu sichern.

»Die Herberge vom Drachentor«, Regie: King Hu, Taiwan 1967, 111 min, bereits angelaufen

»Ein Hauch von Zen«, Regie: King Hu, Taiwan 1971, 179 min, bereits angelaufen

»Anatomie der Einsamkeit – Die Filme von Tsai Ming-liang«, Arsenal Berlin, 1.–30.9.; »Goodbye, Dragon Inn« läuft in diesem Rahmen am 6.9. sowie am 23.9.

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