Aus: Ausgabe vom 21.08.2017, Seite 2 / Ausland

»Eingriffe in ein wichtiges Schutzgebiet«

Die polnische Regierung lässt letzten Urwald im europäischen Flachland abholzen. Gespräch mit Jannis Pfendtner

Interview: Wolfgang Pomrehn
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Wachposten im Bialowieza-Urwald in Polen (2. August)

Der Verband Robin Wood unterstützt polnische Umweltschützer, die sich gegen den Holzeinschlag im Bialowieza-Urwald im Nordosten Polens wehren. Was ist so besonders an ihm?

Es ist der letzte Urwald im europäischen Flachland. Die einzigen anderen Wälder dieser Art sind in den Karpaten, es handelt sich also um Bergwälder. Der Wald ist geschätzte acht bis zehntausend Jahre alt. Ein natürlicher Waldzyklus dauert 500 bis 600 Jahre, viele der Bäume sind also mehrere Jahrhunderte alt. Dort gibt es eine einzigartige Artenvielfalt und ein einmaliges Zusammenspiel von den verschiedenen Komponenten des Ökosystems, wie sie sonst nirgends in Europa zu finden sind. Unter anderem gibt es im Grenzgebiet zu Weißrussland auch die letzte große Population freilebender Wisente, die sich zum Glück sogar ausbreitet. Im Bialowieza-Urwald kommen viele Arten vor, die sich sonst in dieser Menge nirgendwo in Europa findet, zum Beispiel alle acht europäischen Spechtarten.

Die Arbeiten haben Ende Mai begonnen. Die polnische Regierung tut so, als würde sie nur ein paar Fichten fällen. Aber es geht um Eingriffe in ein wichtiges Schutzgebiet, das unverzichtbar ist, weil es die Kernzonen des Urwaldes umgibt und deren Bestand garantiert. Von den polnischen Umweltschützern wird deswegen gefordert den ganzen Wald zum Nationalpark zu erklären.

Nicht einmal auf die Brut­saison der Vögel wird Rücksicht genommen?

Richtig. Würde man das wollen, müsste auf den späten Herbst gewartet werden. Auch die Schäden, die mit dem schweren Gerät an den Böden sowie an Flora und Fauna angerichtet werden, sind jetzt ungleich größer, als wenn bei Frost gearbeitet würde.

Wieso können überhaupt Bäume in diesem Wald, der immerhin als Nationalpark und Weltkulturerbe geschützt ist, gefällt werden?

Leider ist der direkt betroffene Teil nicht vor menschlichen Eingriffen geschützt. Es gab aber eine inzwischen von der polnischen Regierung aufgekündigte Übereinkunft, auch dort nur sehr pfleglich mit den Beständen umzugehen. Insgesamt besteht der Urwald aus einem regelrechten Flickenteppich: Ein relativ kleiner Teil im Zentrum ist Nationalpark, dann gibt es eine Fläche, die zum Weltkulturerbe gehört, und schließlich gibt es ein Natura-2000-Schutzgebiet nach EU-Recht. Zum Teil gibt es Überschneidungen, und die UNESCO hat bereits gewarnt, dass der Status Weltnaturerbe massiv gefährdet wird, wenn das Fällen nicht aufhört. Außerdem verlangte der Europäische Gerichtshofs in einer Verfügung, dass die Arbeiten sofort eingestellt werden müssen.

Hält sich Warschau dran?

Die Arbeiten gehen weiter. Die Regierung hat ihr Vorgehen ursprünglich damit begründet, dass der Borkenkäfer bekämpft werden müsse um den Wald zu schützen, ein Käfer, der insbesondere Fichten schädigt. Inzwischen heißt es auch, dass es um Verkehrssicherung gehe. Ein anderes Mal ist die Rede davon, die Bäume müssten zum Schutz vor Waldbränden gefällt werden.

Was steckt Ihrer Meinung nach tatsächlich dahinter?

Zum einen wirtschaftliche Interessen. Mit den Fichten und den alten Eichen, die ebenfalls gerade gefällt werden, lässt sich viel Geld verdienen. Zum anderen spielt auch eine starke Antinaturschutz-Ideologie eine wichtige Rolle. Sie wird von Polens Umweltminister Jan Szyszko immer wieder vertreten. Das hat in unserm Nachbarland inzwischen zu einer Stimmung geführt, nach der von Ökofaschismus geredet wird, wenn Menschen sich für die Natur einsetzen. Szyszko behauptet zum Beispiel, das Gebiet sei illegal zum Weltnaturerbe erklärt worden und er würde Vorgaben aus dem Ausland nicht akzeptieren. Das muss man sich mal vorstellen: Überall sonst auf der Welt sind die Regierungen darauf erpicht, den Status Welterbe für Gebäude oder natürliche Landschaften zu bekommen, weil das einen enormen Imagegewinn für die betreffenden Regionen bedeutet.

Es ist schon vorgekommen, dass rechte Bürgerwehren, zum Teil regelrecht paramilitärische Gruppen, aufgerufen haben, in den Wald zu gehen, um dort die Umweltschützer und ihre Blockaden zu stören. Das erinnert an die Proteste von »Ende Gelände« gegen den Braunkohletagebau in der Lausitz, gegen die letztes Jahr von nationalistischen Kräften mobilisiert worden war und bei der einzelne Aktivisten angegangen wurden.

Jannis Pfendtner ist Fachreferent Wald bei der Umweltorganisation Robin Wood

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