Aus: Ausgabe vom 21.08.2017, Seite 1 / Titel

Die Arroganz der Macht

Washington setzt in Ostasien auf Eskalation. Großmanöver mit 17.500 US-Soldaten simuliert erneut Invasion in Nordkorea

Von Rainer Werning
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Aggression auf der koreanischen Halbinsel: »F-4«-Kampfjets am 28. August 2015 bei einem Manöver unweit der demilitarisierten Zone

Am heutigen Montag wird trotz der anhaltend prekären Sicherheitslage in der Region erneut ein Militärmanöver in Südkorea beginnen. An der Übung »Ulchi Freedom Guardian« (UFG) nähmen 17.500 US-Soldaten teil, gab das US-Verteidigungsministerium am Freitag bekannt. Zusätzlich zu den Truppen beider Staaten schlössen sich auch Soldaten aus Australien, Kanada, Kolumbien, Dänemark, Neuseeland, den Niederlanden und Großbritannien an.

Bei dem Manöver handele es sich laut dem Pentagon »um eine computersimulierte Defensivübung, mit der die Bereitschaft zum Schutz der Region verbessert und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel gewährleistet werden sollen«. Seit Jahren finden in Südkorea US-amerikanisch-südkoreanische Militärübungen statt, von denen neben UFG die meist zwischen Februar und April abgehaltenen Manöver »Foal Eagle« und »Key Resolve« die größten sind. Während im Rahmen von »Foal Eagle« jährlich über 200.000 Soldaten »den Ernstfall« – sprich: das Anlanden in der Demokratischen Volksrepublik Korea (­DVRK) – üben, dient »Key Resolve« als eine Übung zur Kommandoschulung des auf Hawaii beheimateten United States Pacific Command.

All diese Manöver werden seitens des Pentagons und Seouler Verteidigungsministeriums öffentlich mit der angeblichen Bedrohung aus dem Norden gerechtfertigt. Die Führung in Pjöngjang äußert indes jedes Mal harsche Kritik und sieht darin gezielte Provokationen. In Südkorea mehren sich die Stimmen derer, die solche Manöver für anachronistisch halten, da sie den innerkoreanischen Dialog stören.

Angesichts der martialischen Äußerungen von US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche, er werde mit »Feuer und Zorn« gegen Nordkorea vorgehen, wobei die Waffen bereits »entsichert und geladen« seien, stellt das UFG-Manöver eine gigantische Demonstration der »Arroganz der Macht« dar. Diesen Begriff hatte US-Senator William Fulbright während des Vietnamkrieges Mitte der 1960er Jahre geprägt, zu einer Zeit, da sich der damals amtierende Verteidigungsminister Robert S. McNamara als Superfalke aufführte. Ausgerechnet letzterer war in seinen 1995 veröffentlichten Memoiren »Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht« zu einer stupenden Einsicht gelangt: »Wir haben uns geirrt, schrecklich geirrt.«

Eine solche Sicht der Dinge wäre auch mit Blick auf den Koreakrieg (1950–53) mit insgesamt weit über vier Millionen Toten längst überfällig. Während dieses »Krieges vor Vietnam« kamen laut US-Luftwaffengeneral Curtis LeMay, dem damaligen Chef des Strategic Air Command, 20 Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung ums Leben. Mit 635.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben – einschließlich über 32.000 Tonnen des erstmals flächendeckend eingesetzten Napalm – wurden Nordkoreas Städte mehr verwüstet als deutsche und japanische während des Zweiten Weltkriegs.

Nötiger denn je sind sensible politisch-diplomatische Annäherungsversuche. Zur Erinnerung: Als Expräsident William Clinton Mitte der 1990er Jahre im Konflikt um das Atomprogramm der DVRK kurzzeitig erwog, Nordkorea zu bombardieren, listeten General Gary Luck und später Major Daniel Orcutt die desaströsen Konsequenzen eines solchen Schlages auf – einschließlich der Zerstörung Seouls. Statt des Angriffs kam es am 21. Oktober 1994 in Genf zur Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen Washington und Pjöngjang. Dieses sah unter anderem sogar die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor und gab Nordkorea eine Sicherheitsgarantie.

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