• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»YPJ werden weiter die Frauenrechte verteidigen«

Gespräch mit Nesrin Abdullah. Über die Selbstermächtigung von Frauen, das ­emanzipatorische Erbe der Kurden und die Weiterführung der Revolution

Interview: Ercan Ayboga und Anja Flach
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Kurdische Kämpferinnen in einem Militärlager in Ras Al-Ain (30. Januar 2015)

Wie beurteilen Sie den jetzigen Status der YPJ, also der Frauenverteidigungseinheiten, innerhalb der Revolution von Rojava?

Der erreichte Status der YPJ ist das Ergebnis eines sechsjährigen Kampfes. Die offizielle Gründung der YPJ fand zwar erst am 4. April 2013 statt, aber im Grunde existierten sie schon in der Form von Frauengruppen und -einheiten im Juli 2012 während einer früheren Phase der Revolution. Zu Beginn hatten wir nur sehr begrenzte Mittel, aber die Überzeugung und das Selbstvertrauen, das wir aus der Geschichte von Frauenkämpfen weltweit und insbesondere aus dem 40jährigen Frauenbefreiungskampf der PKK gezogen hatten, hat uns darin bestärkt, diesen Weg zu gehen. Frauen müssen in diesen Kämpfen die Vorreiterinnenrolle einnehmen.

Vor den YPG, den kurdischen Volksverteidigungseinheiten, wurden die YXG, die Selbstverteidigungskräfte des Volkes, gegründet. Welche Rolle spielten Frauen in ihnen?

Die YPJ hatten sich zunächst innerhalb der YXG organisiert. Sie waren teilweise eigenständig, konnten selbst Aktionen durchführen, waren aber Teil der YXG. Das war auch nach der Gründung der YPG noch so. Zur Gründung der YPJ fand ein Kongress statt. Es wurde beschlossen, dass sich die YPG nicht in die Angelegenheiten der YPJ einmischen, den Frauenverteidigungseinheiten nicht Entscheidungen vorgeben und ihnen Grundsätze geben dürfen. Allerdings hat die Führung der YPG das Recht, Vorschläge zu machen.

Wie haben sich die Frauenverteidigungseinheiten in den vergangenen Jahren entwickelt?

Deutlich mehr Frauen beteiligen sich an ihnen. Viele von ihnen sind keine Kurdinnen, sondern arabische, armenische, aramäische und tscherkessische Frauen. Auch viele Internationalistinnen aus anderen Ländern sind ihnen beigetreten. Das geschah vor allem vor dem Hintergrund des Widerstands von Kobani. Dort hat sich der internationale Charakter der YPJ herausgebildet.

Es macht uns stolz, dass die YPJ heute eine Vorreiterinnenrolle im Kampf um die Befreiung der Frauen eingenommen haben. Dass dem so ist, beweist die Beteiligung von Frauen aus aller Welt, von denen auch einige ihr Leben verloren haben, etwa unsere Freundin Ivana Hoffman aus Deutschland. An der aktuellen Rakka-Offensive nehmen zahlreiche Interna­tionalistinnen aktiv teil. Die YPJ sind an allen militärischen Offensiven beteiligt. Keine einzige Freundin ist zum Feind übergelaufen, hat sich ergeben oder ihre Stellung verlassen. Das zeigt die Stärke der Frauen und ihre tiefe Verbundenheit mit unserem Kampf.

Der Angriff auf Rakka wird von den YPJ unter dem Motto »Rache für die Frauen« geführt. Unser Ziel ist es, die Mentalität von der Dominanz des Mannes und seine Vorherrschaft zu brechen. Wir glauben nicht, dass die Herrschaft des Mannes über die Frau mit Daesch begonnen hat, wie der »Islamische Staat« auf arabisch abgekürzt wird, und sie hat auch nicht mit dem syrischen Regime angefangen. Die Versklavung von Frauen dauert seit 5.000 Jahren an. Daher bedeutet der Angriff auf Rakka für uns einen Angriff auf das System des Mannes sowohl in seiner Mentalität als auch in seiner Kultur. Außerdem werden wir die Frauen des Ortes befreien. Bisher konnten wir schon Hunderte jesidische Frauen aus der Gefangenschaft von Daesch retten. Die Frauen zu befreien bedeutet das Land zu befreien. Sie sind quasi eine eigene Nation. Aber wir sind uns auch darüber im Klaren, dass man das Selbstvertrauen der Frauen stärken muss, damit sie sich selbst aus ihren Ketten lösen.

Wir unterstützen die Frauen sowohl materiell auch als ökonomisch, wie zum Beispiel in den Bereichen Logistik, Bildung und Ausbildung. Wir stellen ihnen alle Mittel zur Verfügung, damit sie ihre eigenen Einheiten auf der Basis ihrer Identität aufbauen können. Diese neugebildeten Einheiten müssen auch nicht Teil der YPJ werden, sie können darüber selbst entscheiden. Manbidsch ist hierfür ein gutes Beispiel. Nach der Befreiung der Stadt von Daesch wurden alle Gebiete dem Militärrat von Manbidsch übergeben. Jetzt haben die Frauen von Manbidsch ihre eigene Akademie unter dem Namen Schehid Roxana gegründet. Momentan bereiten sich die Frauen darauf vor, ihren eigenen Militärrat zu gründen.

Warum sind Ihnen diese Schritte so wichtig?

Eine Frau, die nicht organisiert ist, kann sich nicht schützen oder verteidigen. Genau das hat zu den Tragödien von Schingal (Sindschar, jW) und Rakka geführt. Die Tatsache, dass dort Frauen versklavt und auf Märkten verkauft wurden, ist ein Resultat mangelnder Organisierung. Wären auch nur 100 Frauen in Schingal organisiert gewesen, wäre es damals nicht gefallen. Dasselbe gilt auch für Mossul.

Seitdem die Frauen in Rojava sich zusammengeschlossen haben, haben sie dafür gesorgt, dass Daesch den Boden von Rojava nicht mehr betreten kann. So wurden die YPJ zum Vorbild. Sie sind eine ideologische, kulturelle, gesellschaftliche und eine moralische Kraft, die sich während der andauernden Revolution herausgebildet haben. Die YPJ haben strategische Ziele. Wir sind auch Teil der Demokratische Kräfte Syriens, SDK. Nach der Befreiung des ganzen Landes werden wir uns neu aufstellen. Wie das dann aussehen wird, ist heute noch nicht geklärt. Klar ist: Die YPJ werden weiter die Frauenrechte verteidigen.

Auch in Europa sind Frauen noch immer nicht gleichgestellt. Es gibt etwa Unterschiede beim Lohn zwischen Mann und Frau. Das ist eine Ungerechtigkeit. Es gibt Angriffe auf Frauen, einige werden vergewaltigt, entführt, getötet. Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Heute besitzen die YPJ eine reiche Erfahrung im Bereich der Verteidigung. Wir sind bereit, unsere Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Können Sie beschreiben, wie Sie in den von Ihnen kontrollierten Regionen vorgehen?

Wurde ein Gebiet befreit, beginnt dort sofort die Ausbildung zur Selbstverteidigung. Wir dürfen keine Lücke hinterlassen, sonst könnten sich Organisationen wie Daesch unter einem anderen Namen herausbilden. Auch haben die Männer die Mentalität, Frauen zu terrorisieren. Daher müssen wir die Frauen sowohl physisch als auch mental schulen.

An der Manbidsch-Offensive waren noch nicht so viele Frauen beteiligt wie nun beim Angriff auf Rakka. Der Feind behauptete damals, die Kurdinnen und Kurden wollten das Gebiet kontrollieren. Unser Ziel war es vor allem, solche Lügen ins Leere zu laufen lassen. Wir wollten als SDK teilnehmen und agieren. Wir wollten den Grundstein dafür legen, dass die dort lebenden Menschen sich selbst verwalten. Es gab auch propagandistische Angriffe seitens der Türkei und des syrischen Regimes. Aber wir haben gesehen, dass die SDK die Operation unter der Führung der YPG und YPJ erfolgreich beenden konnten und die dort lebende Bevölkerung die SDK akzeptiert hat. Wir sind keine Besatzungsmacht. Wir verfolgen keinerlei Ziele, diese Gebiete für uns zu beanspruchen und uns dort zu etablieren.

Momentan hat die ansässige Bevölkerung oft nicht die nötige Kraft, ihre Gebiete zu befreien. Dies betrachten wir aber auch nicht als Defizit, sondern sehen es als menschliche Verantwortung an, ihnen zu helfen. Wir haben die Möglichkeiten und die Mittel dazu und wollen diese allen Volksgruppen, die in der Region leben, zur Verfügung stellen. Wir dienen am Ende unserem Land, dem demokratischen Syrien. Wir sehen uns als einen Teil von Syrien.

Wie schätzen Sie allgemein die derzeitige Situation ein?

Das Land befindet sich in einer schwierigen Lage. Sowohl die kurdische als auch die arabische Bevölkerung werden bedroht. Es herrscht Krieg, und die Revolution ist noch nicht vollendet. Ihren wahren Charakter kann sie erst nach dem Ende der Kämpfe zeigen, denen unsere gesamte Kraft im Moment gewidmet ist.

Es beteiligen sich auch bei weitem nicht alle Frauen der YPJ. Einer der Gründe dafür ist, dass viele sagen, es reiche aus, die Gebiete Rojavas zu befreien. Die Familien hindern ihre Kinder daran, den YPJ beizutreten. Manchmal ist das sogar der Grund dafür, dass Familien sich von der kurdischen Bewegung fernhalten: Sie wollen ihre Kinder schützen, damit sie nicht im Kampf fallen.

Auch der Kapitalismus sucht Wege, um diese Menschen von der Revolution und von ihren Wurzeln fernzuhalten. Er will die Sklaven des Systems durch neue Trends an sich binden. Die Türkei agiert so, das syrische Regime ebenfalls.

Die Spaltung unter den Kurdinnen schwächt uns auch. Jene, die bisher teilnehmen, stammen aus der PKK-nahen Bewegung. Aber es gibt auch hier kurdische Parteien, die eine Spaltung vorantreiben. Es gibt Kräfte, die die Revolution negativ darstellen, damit sie nicht voranschreitet. Parteien, die der PDK (des irakischen Kurden-Führers Masud Barsani, jW) nahestehen, spielen hier eine große Rolle. Auch der (zu Beginn des Aufstands in Syrien unter Vermittlung Barsanis gegründete Kurdische Nationalrat, jW) ­ENKS ist solch eine Partei. Sie spalten die Gesellschaft und hindern Jugendliche daran, Teil dieser Revolution zu werden.

Wer Teil der Revolution werden will, muss auch die Entschlossenheit mitbringen, sie weiterzuführen. Das kann nicht jede und nicht jeder. Revolutionärin zu sein bedeutet, willensstark und widerstandsfähig zu sein. Eine Revolutionärin hat keine Angst vor dem Tod. Sie muss Hunger, Durst, Kälte und Hitze aushalten. Daesch ist der Albtraum der Menschheit. Seine Taten haben viele Auswirkungen auf die Psyche des Menschen. Menschen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt und gekocht. Diese Bilder, die Daesch verbreitet, sollen die Angst der Menschen fördern, damit niemand gegen ihn zu kämpfen wagt. Doch im Gegenteil beteiligen sich deswegen um so mehr am Kampf gegen die Gruppe. Dennoch könnte die Teilnahme an der eigentlichen Revolution stärker sein.

Wie hat Ihr Kampf das Ansehen der Frauen in Syrien geändert?

Die Gründung der SDK geschah unter der Führung der YPG und YPJ. Die Idee, eine syrische Kraft zu bilden, stammt von den YPG. Deshalb sind die SDK der Grundstein für den Aufbau einer Demokratischen Syrischen Armee. Die Gruppen, die später den SDK beitraten, taten dies, weil sie an die YPG und YPJ glaubten. Beide verfügen über viel Potential und über enorme materielle Möglichkeiten. Die Bevölkerung unterstützt die YPG und hält ihnen immer den Rücken frei. YPG und YPJ haben unter Beweis gestellt, dass alle Gebiete, in denen sie aktiv werden, auch am Ende befreit werden. Als Kurdinnen und Kurden haben wir ein revolutionäres Erbe. Wir haben aber auch großen Respekt vor der Geschichte der arabischen Bevölkerung.

Dies hat dazu geführt, dass sich Gruppen aus nahezu allen Bevölkerungsteilen den SDK anschlossen und gegen Daesch kämpfen. Bisher kam es zu keinen Problemen zwischen ihnen. Es gibt Unterschiede in der Kultur und in der Mentalität. In den anderen Kampfeinheiten gab es bisher keine Frauen. Einerseits sind diese Gruppen den SDK beigetreten, weil sie an die Kraft der YPJ glauben. Dies verändert auch die Mentalität dieser Einheiten. Wenn zum Beispiel Gruppen vor einem Angriff gebildet werden, um eine Aktion durchzuführen, ist meistens eine Frau Teil der Gruppe, weil es von den Männern erwünscht wird und sie sich mit ihr sicher fühlen. Die YPJ haben in diesem Krieg eine solche Kultur geschaffen. Die anderen glauben nun an die Kraft der Frauen. Es gab Vorbereitungen, eine arabische Frauenbrigade innerhalb der YPJ zu bilden, und am 1. Juli ist das auch geschehen.

Es gibt unzählige arabische Männer und ungefähr 100 arabische Frauen, die unseren Streitkräften beigetreten sind. Die Unterschiede in der Kultur sind ein Hindernis. Bisher hat es 28 kurdische Aufstände gegeben, und wenn nur eine Frau bei einem dieser Ereignisse dabeiwar, hat sie die Führungsrolle übernommen. Dafür gibt es viele Beispiele in der kurdischen Geschichte, angefangen bei Bese, Sarife, Silan, Leila Kasim, Bayan und Schekhan bis zum heutigen Tage. Zwar gibt es auch berühmte arabische Frauen, aber sie nahmen seltener diese Rolle ein. Die Kurdinnen haben ihre Wurzeln im Jesidentum, in dessen Tradition es eine Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt. Obwohl wir islamisiert wurden, liegen dort unsere religiösen Wurzeln. Im Islam gibt es viele positive Dinge, aber auch vieles, was Frauen an der Weiterentwicklung hindert und sie unterdrückt. Der Bewegungsspielraum arabischer Frauen innerhalb der Gesellschaft ist oft sehr begrenzt.

Als wir Manbidsch befreit haben, gab es Frauen, die mit fünf Daesch-Männern hintereinander verheiratet waren. Eine Frau wurde 500mal von Daesch-Anhängern vergewaltigt. Manche nahmen diese Erniedrigungen als schicksalhaft an und betrachteten dies als Teil der Ehe, nicht als einen Angriff auf ihren Körper. Einige Frauen sind damals dem Frauenrat in Manbidsch beigetreten, aber zogen sich doch wieder aus ihm zurück. Die Beitritte arabischer Frauen sind erst seit der Rakka-Offensive angestiegen. In Manbidsch wird eine Gruppe von 40 Frauen organisiert. Die arabische Gesellschaft stellt sich der Teilnahme von Frauen nicht mehr entgegen. Das System der Doppelspitze in den Einrichtungen wird jetzt überall akzeptiert.

Übersetzung: Cahida Gümus

Nesrin Abdullah … ist eine der Sprecherinnen der YPJ (Yekineyen Parastina Jin, Frauenverteidigungskräfte von Rojava). Bekannt wurde sie als Kommandantin von Kobani. Im Februar 2015 wurde sie in der Uniform der YPJ von dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande in Paris im Élysée-Palast empfangen

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