Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 4 / Inland

Drogenbeauftragte sieht »Cannabislobby«

Neuer Bericht: CSU-Suchtbekämpferin fordert flächendeckende Haschprävention

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Seit Jahrzehnten fordern Initiativen eine Legalisierung des Hanfextraktes (hier bei der Hanfparade, August 2016)

Gegen eine Legalisierung von Cannabis positionierte sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), anlässlich der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2017 am Freitag in Berlin. Mortler warnte eindringlich vor Cannabis als Genuss- und Rauschmittel – und beklagte den Einfluss von Wirtschaftslobbys.

Der Druck der »Cannabislobby« auf die deutsche Politik sei mittlerweile enorm. Es gehe »um ein großes Geschäft«, sagte Mortler. Insbesondere für Hedgefonds aus den USA sei das reiche Deutschland ein »hochinteressanter Markt«. Schon vor der Zulassung von Cannabis zu medizinischen und schmerzlindernden Zwecken sei Einfluss genommen worden. Mittlerweile habe die Cannabislobby sogar einen besseren Zugang zu Teilen der Politik als die Alkohol- oder die Tabaklobby, führte Mortler aus, über die »sozialen Medien« wende sie sich bereits an Schüler.

Um ein abschreckendes Beispiel zu nennen, verwies die Drogenbeauftragte auf die Folgen der Legalisierung von Cannabis im US-Bundesstaat Colorado, wo die Zahl der Konsumenten bei Heranwachsenden um 20 Prozent gestiegen sei. Während der Tabak- und Alkoholkonsum unter Jugendlichen laut Drogenbericht abgenommen habe, nehme der Cannabiskonsum unter Adoleszenten zu. Mortler forderte als Konsequenz eine aktive Anticannabispolitik im Bund. Gegen die Droge sei sogar ein ähnlich flächendeckendes Präventionsprogramm nötig wie bei Alkohol und Tabak. Bei den Volljährigen hätten dem Drogenbericht zufolge allerdings nur 6,1 Prozent der befragten Erwachsenen angegeben, in den vergangenen zwölf Monaten die Droge genommen zu haben.

Demgegenüber nennt der Bericht die Zahl von 120.000 Menschen, die jährlich an den langfristigen Folgen des Tabakrauchens sterben. Weitere 40.000 Tote seien jährlich infolge missbräuchlichen Alkoholkonsums zu verzeichnen. Etwa 1.300 Todesfälle werden unmittelbar auf den Konsum illegaler Drogen zurückgeführt.

Der Drogenbericht weist auch eine Internet- und Computerspieleabhängigkeit aus: Demnach seien zehn Prozent der Berufsschüler und etwa jeder achte Gesamtschüler vom Computer abhängig wie von einer Droge.

Die Partei Die Linke warf Mortler eine enttäuschende Bilanz vor. »Seit ihrem Amtsantritt ist die Zahl der Toten durch illegale Drogen um 30 Prozent gestiegen«, sagte Fraktionsvize Frank Tempel. »Die meisten Drogentoten kommen dabei aus ihrem Heimatland Bayern.« Tempel verlangte einen Paradigmenwechsel: »Wer abhängig ist, benötigt Hilfe und keine Strafe.« Selbst die Neuregelung zum medizinischen Cannabisgebrauch sei in der Praxis oft unbrauchbar. Das Gesetz »Cannabis als Medizin« war am 10. März 2017 in Kraft getreten. (dpa/AFP/jW)

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