Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 2 / Inland

»Kollegen wollen wissen, wie der Übergang wird«

Große Unsicherheit bei Beschäftigten von Air Berlin. Gewerkschaft Verdi will Sozialtarifvertrag. Gespräch mit Christine Behle

Interview: Johannes Supe
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Wie lange das dort wohl noch stehen wird? Der Schriftzug der Fluggesellschaft Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel (17. August)

Die Fluggesellschaft Air Berlin mit ihren 8.200 Beschäftigten ist insolvent. Was mit der Belegschaft geschieht, bleibt weiterhin ungewiss. Ihre Gewerkschaft vertritt die Kolleginnen und Kollegen. Was bekommen Sie von diesen zu hören?

Die Beschäftigten haben große Angst. In den Zeitungen lesen sie jeden Tag etwas anderes darüber, wie es weitergeht. Sicher ist davon nichts. Gleichzeitig wird von den Kolleginnen und Kollegen erwartet, dass sie ganz normal ihrer Arbeit nachgehen. Tun sie es nicht, bekommt Air Berlin ein noch größeres Problem. Das macht die Situation nicht gerade leicht für sie.

Wird die Belegschaft nicht vom Konzern informiert?

Auch der Vorstand von Air Berlin ist nicht über jede Entwicklung unterrichtet. Zur Zeit laufen im Hintergrund Gespräche zwischen den Eigentümern, dem Insolvenzverwalter und jenen, die an Unternehmensteilen interessiert sind. Wer aber was genau kaufen will, ist noch nicht bekannt. Deshalb warten wir darauf, dass es konkrete Vorschläge gibt, wer was erstehen will und wie sich das gestalten kann.

Bereits bekannt ist, dass die Lufthansa-Tochter Eurowings Teile von Air Berlin übernehmen möchte. Ist von dieser Seite schon angedeutet worden, wie man mit der Belegschaft umgehen will?

Der Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat gegenüber der Presse erklärt, dass man auch an den Beschäftigten interessiert sei. Es gebe in seinem Unternehmen viele freie Stellen, auf die sie sich bewerben könnten. Er sprach auch von den guten Qualifikationen der Air-Berlin-Beschäftigten. Das sind positive Botschaften. Doch viele Fragen bleiben offen. Wenn sich die Kollegen neu bewerben müssen, werden dann ältere »ausgesiebt« und nicht mehr eingestellt? Wird man bei Lufthansa oder Eurowings die gleiche Position erhalten, die man zuvor bei Air Berlin hatte? Werden die bisherigen Berufsjahre angerechnet? Die Kolleginnen und Kollegen wollen genau wissen, wie der Übergang sein wird.

Dazu kommt, dass noch andere Firmen – ich hörte etwa von Easyjet und TUI – Unternehmensteile erwerben wollen. Für alle gilt: Sie haben selbst einen Technik- und Verwaltungsbereich und könnten diese Tätigkeiten wohl auch ausführen, ohne die entsprechenden Teile von Air Berlin zu übernehmen. Um diese Bereiche machen wir uns deshalb die größten Sorgen. Bei Air Berlin sind rund 1.500 Beschäftigte in der Verwaltung, weitere 1.000 in der Technik beschäftigt.

Für Aufsehen hat eine Erklärung der »Industriegewerkschaft Luftverkehr e.V.«, IGL, gesorgt. Demnach soll bei Eurowings zu Streiks aufgerufen werden – wohl auch, um Druck für eine ordentliche Übernahme der Air-Berlin-Kollegen aufzubauen.

Die Mitteilung der IGL vom Donnerstag hat die Air-Berlin-Beschäftigten verunsichert und sie regelrecht in Panik versetzt. Das ist nicht das, was sich die Kolleginnen und Kollegen wünschen. Vielmehr wollen sie, dass an Perspektiven für sie gearbeitet wird. Man muss auch verstehen: Die IGL ist, obwohl sie sich so nennt, selbst keine Gewerkschaft. Sie kann nicht zu Streiks aufrufen. Und der Ausstand bei Eurowings ist auch nicht das richtige Mittel. Wer daran teilnimmt, um etwas in bezug auf Air Berlin zu erreichen, macht sich strafbar: Das deutsche Streikrecht lässt eine solche stellvertretende Arbeitsniederlegung nicht zu. Verstehen Sie mich nicht falsch: Verdi scheut den Streik nicht. Doch wir wollen uns auf die Mittel konzentrieren, die dazu führen, dass die Beschäftigten am Ende nicht die Verlierer sind.

Welche sind das?

Wir wollen mit denen ins Gespräch kommen, die Unternehmensteile übernehmen wollen. Am Freitag haben wir Air Berlin zu Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag aufgefordert. Wir haben auch verlangt, dass die anderen Unternehmen mit an den Tisch kommen, damit wir verbindliche Regelungen finden, wie und wie viele Kollegen weiterbeschäftigt werden.

Angenommen, viele Beschäftigte werden tatsächlich von Eurowings übernommen. Stehen Sie mit dem Billigflieger nicht auch im Streit?

Nein. In diesem Jahr haben wir mit Eurowings einen Tarifvertrag abgeschlossen. Natürlich gibt es bei Verhandlungen immer wieder unterschiedliche Meinungen. Aber grundsätzlich verbindet uns mit Eurowings – ebenso mit Easyjet – eine lange, gutfunktionierende Tarifpartnerschaft.

Christine Behle ist Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi und zuständig für den Fachbereich Verkehr

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