Aus: Ausgabe vom 14.08.2017, Seite 10 / Feuilleton

Und aller Welt Feind!

Die »Störtebeker Festspiele« auf Rügen feiern ihr 25. Jubiläum

Von Sylvia Obst
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300 Kilo Schwarzpulver: Den Störtebeker-Festspielen in Ralswiek mangelt es nicht an Action

Wer kennt sie nicht, die Namen der Seeräuber Klaus Störtebeker und Goedeke Michels, die Ende des 14. Jahrhundert »Pfeffersäcke« der frühkapitalistischen Hanse beraubten? Dabei existieren nur wenige Quellen, die über die Leben der realen Freibeuter Auskunft geben, was allerdings der Legendenbildung zugute kam: Über Jahrhunderte hinweg wurden sie als Robin Hoods der Meere romantisch verklärt.

Seit 25 Jahren lockt der Mythos Störtebeker jeden Sommer Interessierte zu den »Störtebeker Festspielen« auf die Insel Rügen. Zu DDR-Zeiten richtete dort auf der eigens angelegten Naturbühne in Ralswiek von 1959 bis 1961 und 1980/81 das Volkstheater Rostock fünfmal die »Rügenfestspiele« aus. Unter der Leitung von Hanns Anselm Perten kam die dramatische Ballade »Klaus Störtebeker« von Kurt Barthel zur Aufführung. Seit der »Wiedererweckung« des Festivals 1993 durch Intendant Peter Hick wird in eigens geschriebenen Stücken das Leben des berühmten Vitalienbruders erzählt. Nach einigen Jahren beginnt ein neuer Zyklus. Für die historische Stimmigkeit der Inszenierungen sorgt der beteiligte Historiker Matthias Puhle, was eine gute Portion Klamauk trotzdem nicht ausschließt. Obwohl nicht mehr wie vor der »Wende« bis zu 1.000 Beteiligte involviert sind, bleiben die Dimensionen des Dargebotenen groß: Mit über 150 Mitwirkenden, 30 Pferden, Reitern, vier Schiffen, spektakulären Stunts und Spezialeffekten sowie einem Feuerwerk sind die Aufführungen allein schon ob des Materialeinsatzes beeindruckend. Das Team verbraucht jedes Jahr etwa 80 Liter Nebelflüssigkeit, 300 Kilo Schwarzpulver und Zirka 4.000 Liter Gas für Feuereffekte.

Im Jubiläumsjahr steht mit »Im Schatten des Todes« Störtebekers Ende auf dem Programm. Doch bevor ihn sein Tod durch den Scharfrichter auf dem Hamburger Grasbrook ereilt, werden erst einmal kräftig Schiffe geplündert und Schlachten geschlagen: »Gottes Freund und aller Welt Feind!« Pferde preschen über die Bühne, Schwertkämpfe werden ausgetragen, das Schwarzpulver gezündet. Das Actionspektakel kommt gut an. Waren es 1993 »nur« 79.471 Zuschauer, die das Stück »Wie einer Pirat wird« sehen wollten, so verfolgten im vergangenen Jahr 350.836 Festspielbesucher »Auf Leben und Tod«. Doch nicht nur das Publikum freut es. Stieß das mit großen Umbauten verbundene Vorhaben von Intendant Peter Hick in den Anfangsjahren im Dorf Ralswiek noch auf Skepsis, hat sich mittlerweile der Großteil der Bewohner mit dem Event angefreundet. Heute leben sie nicht nur während der Saison von Ende Juni bis Mitte September von der Vermietung ihrer Ferienwohnungen, sondern es spielt fast das ganze Dorf mit – als Komparsen.

Bei der Überzeugungsarbeit geholfen haben Familienunternehmer Hick, der die Festspiele mit Frau Ruth und Tochter Anna-Theresa leitet, sicher auch seine guten Kontakte. Erfahrungen gesammelt hatte er im Geschäft schon bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg und als Stuntman unter anderem bei der DEFA. Nicht nur große Sponsoren wie Nissan sind seit den 90er Jahren dabei. Der Bühnenbilder Falk von Wangelin kümmert sich seit 1993 um die Kulissen. Er hat schon für Hanns Anselm Perten am Volkstheater Rostock gearbeitet und 1980 für den »Störtebeker« Ausstattung, Bühne und Kostüme erstellt. Auch der Komponist Rainer Oleak gehört nun bereits seit 17 Jahren zum Team. Er schreibt sonst Musik für Fernsehsendungen wie »Polizeiruf 110« oder »Alarm für Cobra 11«.

Als Seeräuberkapitän überzeugt im fünften Jahr Schauspieler Bastian Semm, der die Rolle von Sascha Gluth übernommen hatte. Dass Semm zuvor in der Stiftsruine Bad Hersfeld eine preisgekrönte Interpretation des Hamlet gegeben hat, merkt man der eindringlichen Darbietung der Rede an, die er vor der Hinrichtungsszene über Freiheit und Knechtschaft, Arm und Reich hält: »Ich frage euch: Wie kann es sein? Ihr schuftet Tag für Tag, und trotzdem fehlt es euch am nötigsten? Doch die einzigen, die immer reicher und fetter werden sind die. Und ihr, ihr werdet ausgepresst und um den letzten Silberling betrogen – und das mit der Begründung, dass es eine gottgegebene Ordnung sei. Dabei sind es diese hohen Herren selbst, die die Gesetze erlassen.«

Im nächsten Jahr geht es dann wieder von vorne los: Mit der Geschichte »Ruf der Freiheit« vom 23. Juni bis 8. September 2018.

Vorstellungen: Bis 9. September 2017, immer Montag bis Samstag, ­jeweils um 20 Uhr

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