Aus: Ausgabe vom 11.08.2017, Seite 15 / Feminismus

Frauenrevolte in Kolumbien

Künstlerinnenkollektiv ruft zu Protesten gegen »Feminizide« und Morde an Sozialaktivisten auf. Strafverfolgung trotz neuen Gesetzes schleppend

Von Jan Schwab
RTS9WS2.jpg
Auch im vergangenen Jahr protestierten Kolumbiens Frauen immer wieder laut und phantasievoll gegen Diskriminierung und Gewalt – hier mit einem »Marsch der Huren« am 8. März 2016 in der Hauptstadt Bogotá

La Tremenda Revoltosa batucada feminista – was für ein Name! Übersetzt heißt das in etwa: »Gewaltige aufsässige feministische Batucada« – Batucada ist eine Form des Samba. So nennt sich ein feministisches Künstlerinnenkollektiv aus Kolumbiens Haupstadt Bogotá, das vergangene Woche eine Kampagne gestartet hat, die bis zum 25. November fortgeführt werden soll. Bis dahin sollen immer am 25. des Monats Aktionen gegen die Ermordung von Frauen und sozialen Aktivisten stattfinden, die in dem Land im Norden Südamerikas noch immer an der Tagesordnung sind. Die Debatte dazu läuft im Internet unter dem Hashtag »#ConmuéveteYMuévete«.

Zunächst soll mit musikalischen und künstlerischen Performances Öffentlichkeit für das Problem hergestellt werden. Für den 25. November, den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, mobilisieren die Künstlerinnen zu zahlreichen Ak­tionen. Außerdem sollen in den Vierteln der Hauptstadt in den nächsten Wochen und Monaten Versammlungen und Vorträge zum Thema stattfinden. In ihrem Aufruf zum ersten Aktionstag auf Facebook erläuterten die Frauen ihr Anliegen: »Wir sind überzeugt, dass unsere Kämpfe auf den Straßen beginnen, auf den Plätzen, mit anderen Mitstreiterinnen. Wir bauen Schritt für Schritt eine polternde Rebellion auf, fröhlich und solidarisch, die Verbindungen schafft zur Verteidigung unseres Platzes, unserer Freiheit und unserer Würde.«

Die Gewalt gegen Frauen, insbesondere die zahlreichen Morde, ist in Kolumbien wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern ein zunehmendes Problem. Im vergangenen Jahr gingen im November Hunderttausende auf dem ganzen Kontinent unter dem Slogan »Ni una menos« (Nicht eine weniger) gegen gegen das auf die Straße, was international mittlerweile als »Feminizid« bezeichnet wird. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) sprach in ihrem Bericht über Feminizide 2016 vom Phänomen »der Tötung von Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen, verübt in der Familie, im häuslichen Bereich oder in jeder anderen zwischenmenschlichen Beziehung (…) oder durch den Staat und seine Beamten durch Handlungen oder Unterlassen von Maßnahmen«. Die meisten Täter sind Partner, Expartner oder andere Angehörige der Opfer.

Nach einem Bericht des Nationalen Medizininstituts Kolumbiens wurden allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 204 Frauen ermordet. 2016 starben 731 Frauen eines gewaltsamen Todes, wie der Radiosender RCN Ende Dezember meldete. 2015 waren demnach 670 und im Jahr zuvor 810 weibliche Mordopfer zu beklagen. Mit dem Gesetz »Rosa Elvira Cely« – benannt nach einer jungen Frau, deren brutale Tötung im Februar 2012 das Land erschütterte – hat das Parlament 2015 Frauenmorde zwar zum gesonderten Straftatbestand erklärt, der mit bis zu 50 Jahren Haft geahndet werden kann. Die Verfolgung der Täter läuft bislang jedoch nur schleppend. Wie die Zeitung El País Anfang April unter Berufung auf die kolumbianische Staatsanwaltschaft berichtete, wurde seit 2013 in 353 Fällen ermittelt. Nur in 53 davon ist es demnach zu Verurteilungen gekommen.

In Kolumbien war Gewalt gegen Frauen auch Teil des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts zwischen linken Guerillagruppen wie den FARC-EP und der ELN auf der einen und dem Staat und den mit ihm assoziierten paramilitärischen Gruppen auf der anderen Seite. Letztere waren und sind insbesondere für systematische Vertreibungen, Folterung, Ermordung und »Verschwindenlassen« von Menschen verantwortlich. Frauen waren in den Auseinandersetzungen zusätzlich besonders von ­sexualisierter Gewalt betroffen. Somit ist es wenig überraschend, dass offiziellen Statistiken zufolge die Opfer aller Formen von Gewaltanwendung durch bewaffnete Gruppen und die kolumbianische Armee mehrheitlich weiblich sind.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feminismus