Aus: Ausgabe vom 09.08.2017, Seite 1 / Titel

Prekär im Hamsterrad

Immer mehr Leiharbeit in Deutschland. Linke-Politiker Klaus Ernst kritisiert Praxis der »organisierten Lohndrückerei«

Von Dieter Schubert
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Moderne Zeiten? Leiharbeit und andere prekäre Jobformate sind sozialpolitische Rückschritte

Die Leiharbeit boomt. In den vergangenen Jahren hat der »staatlich geförderte Menschenhandel«, wie ein Gewerkschafter einst die damals neue Praxis nannte, rasant zugenommen.

Im Dezember 2016 registrierten die Behörden 993.000 Arbeitskräfte, die in Leiharbeitsverhältnissen ihr Dasein fristeten. Das waren 4,4 Prozent mehr als 2015. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag hervor.

Deutlich wird: Unternehmer greifen gerne zu. Im Vergleich zu 2013 stieg der Leiharbeitsanteil unter den Beschäftigten um 16,4 Prozent. Und seit 2003 hat sich die Zahl sogar verdreifacht.

Leiharbeit ist geprägt durch sehr kurze Arbeitsverhältnisse, sagte Fraktionsvize Klaus Ernst der Nachrichtenagentur dpa. 54 Prozent seien spätestens nach drei Monaten beendet gewesen. Lediglich 22,3 Prozent dauerten länger als neun Monate. Mehr als 15 Monate arbeiten demnach nur 14,1 Prozent der von Unternehmen »geliehenen« Menschen.

Regional wird das »arbeitsmarktpolitische Instrument« unterschiedlich nachgefragt. An der Spitze dieser Art des prekären Broterwerbs rangieren demnach Bremen und Thüringen. Bei einem bundesweiten Anteil von 2,7 Prozent seien in diesen Bundesländern 4,7 Prozent bzw. 3,9 Prozent auf Leihbasis tätig, erläuterte Ernst. Sein Fazit: »Leiharbeit ist organisierte Lohndrückerei.« Sie spiele »mittlerweile eine fatale Rolle auf dem Arbeitsmarkt«. »Die einzigen, die davon profitieren, sind die Arbeitgeber«, so der frühere Gewerkschaftsfunktionär.

Abgespeist wurden Leiharbeiter den Angaben zufolge mit gerade einmal 58 Prozent des allgemeinen Durchschnittslohns. 1.816 Euro pro Monat bei Leiharbeit stünden 3.133 Euro bei Vollzeittätigkeit gegenüber. Doch damit nicht genug. Die Betroffenen geraten in eine deprimierende Spirale: warten auf die nächste »Verwendung«, befristet jobben, erneut warten. Perspektive: schlecht.

Fast die Hälfte der Leiharbeitskräfte, deren Arbeitsverhältnis beendet wurde, war nach 30 Tagen immer noch ohne Job. Lediglich ein Viertel (26 Prozent) hatte nach 30 Tagen ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Leiharbeit gefunden. Für jeden Fünften wiederholte sich der obige Zyklus.

Von einer Brücke in reguläre Beschäftigung könne somit keine Rede sein, so Ernst. Leiharbeiter würden mit Dumpinglöhnen abgespeist, hätten schlechtere Arbeitsbedingungen und eine hohe Wahrscheinlichkeit, nach kurzer Zeit erneut arbeitslos zu sein.

Die SPD habe 2016 die Chance gehabt, Leiharbeit schärfer zu regulieren. Statt dessen habe sie die Lage per Gesetz noch verschlechtert, kritisierte der Linken-Politiker. »Leiharbeit gehört mindestens so reguliert wie in Frankreich: gleicher Lohn bei gleicher Arbeit plus ein zehnprozentiger Flexibilitätszuschlag. Wenn es die SPD mit sozialer Gerechtigkeit ernst meint, darf sie nicht ständig vor der Arbeitgeberlobby einknicken.«

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