Aus: Ausgabe vom 04.08.2017, Seite 15 / Feminismus

Mumbai: Mehr befreite Zwangsprostituierte

Bessere Kooperation zwischen staatlichen Stellen und NGO in der indischen Metropole

Von Thomas Berger
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Sie sind zahlreich - und vielfach gefährdet: Prostituierte in der indischen Metropole Mumbai, hier bei einer Informationsveranstaltung zu HIV/AIDS, November 2013

Indiens größte Stadt ist Hotspot für Menschenhandel. In Mumbai (vormals Bombay) werden unzählige Frauen in die Prostitution gezwungen. Immer mehr von ihnen kommen aus dem Ausland. Diese Entwicklung war Thema einer internationalen Konferenz, die Ende Juli in der Wirtschaftsmetropole stattfand. Sie war von der Frauenrechtskommission des Unionsstaates Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist, und dem Verein International Justice Mission organisiert worden. Auch Delegierte aus Kenia, Ghana und Bolivien nahmen daran teil.

Menschenhändlerringe gehen seit Jahrzehnten ähnlich vor: Häufig werden junge Frauen aus armen Familien auf dem Lande von Mittelspersonen, die nicht selten aus deren Umfeld stammen, mit falschen Versprechen geködert und dann ins Rotlichtmilieu verkauft. Inzwischen wächst die Zahl derer, die über Ländergrenzen hinweg verschleppt werden. Nach Angaben von Konferenzteilnehmern tauchen in Mumbais Bordellen immer mehr Frauen von den Philippinen, aus Usbekistan und noch entfernteren Staaten auf, eine wesentlich größere Zahl stammt aus den Nachbarländern Nepal und Bangladesch. Doch während die Behörden in Nepal – auch dank engagierter Nichtregierungsorganisationen (NGO) – mit einigem Erfolg gegen die Verschleppung junger Mädchen vorgehen, steht man dem Problem in Bangladesch immer noch relativ hilflos gegenüber. Immerhin gewähren dort staatliche Stellen in Indien aus der Prostitution Befreiten diplomatischen Beistand.

Im östlichen Nachbarland Indiens waren dem Thema in den letzten Tagen mehrere Medienberichte gewidmet. So schilderte The Daily Star, eine der führenden englischsprachigen Zeitungen Bangladeschs, am 28. Juli den Leidensweg der 16jährigen Sahana, die Anfang Juni gemeinsam mit einem Dutzend weiterer befreiter Mädchen wieder in der Heimat eingetroffen war. »Erst zwangen sie uns, Bier und anderen Alkohol zu trinken. Dann zogen sie uns aus und zwangen uns, nackt zu tanzen, um schließlich einer nach dem anderen über uns herzufallen«, wurde die junge Frau zitiert. Nach Angaben der Botschaft Bangladeschs in Delhi wurden im ersten Halbjahr 2017 schon 164 Gerettete heimgebracht – doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr. Samina Naz, bis Ende Juni Bangladeschs Vizehochkommissarin in Mumbai, sagte dieser Tage gegenüber der Dhaka Tribune, von 2014 bis zur Jahresmitte 2017 seien dort für rund 350 Mädchen und Frauen Rückreisepapiere ausgestellt worden.

Das Zusammenspiel von NGO und staatlichen Stellen in Bangladesch hat sich in jüngster Zeit positiv entwickelt. So berichtete ein Sektionskommandeur der Grenzgarde Bangladeschs der Dhaka Tribune bereits im März 2016, auf Einladung indischer Kollegen an einem Seminar teilgenommen zu haben, bei dem Vertreter zweier Vereine die Grenzschützer zum Thema Menschenhandel geschult hätten. Die 4.000 Kilometer lange grüne Grenze – Bangladesch ist zu Lande zum größten Teil von indischem Territorium umschlossen – zwischen den beiden Ländern ist gleichwohl schwer zu überwachen. Das für die Entführer sichere Hinterland ist riesig. An der indisch-nepalesischen Grenze sieht es vielerorts nicht anders aus.

Wenn es gelingt, junge Frauen relativ bald nach ihrer Entführung zu befreien, steht einer schnellen Rückkehr in die Heimat meist nichts entgegen. Anders sieht es bei denen aus, die schon seit mehreren Jahren in den Rotlichtvierteln indischer Metropolen festsitzen. Viele von ihnen haben Kinder, deren Vater unbekannt ist. Denn Freier und Zuhälterinnen bzw. Zuhälter zwingen sie oft zu ungeschütztem Verkehr. Die Kinder sind meist nicht amtlich registriert – bislang ein Hindernis bei der Rückkehr nach Bangladesch, das bilateraler Lösungen bedürfte.

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