Aus: Ausgabe vom 01.08.2017, Seite 6 / Ausland

Rechtes Gedenken

Polen feiert den Warschauer Aufstand von 1944 und lässt sowjetische Mahnmale schleifen

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
Gedenken_an_den_Wars_54245808.jpg
Anlässlich der Feierlichkeiten zum Gedenken an den Warschauer Aufstand zeichnet Präsident Andrzej Duda (dritter von links) Teilnehmer des »Aufbegehrens« vor 73 Jahren mit Staatsehrungen aus (31.7.2015)

Auch am heutigen Dienstag wird das öffentliche Leben in Polen wieder einen Augenblick lang stillstehen. Um Punkt 17 Uhr werden, wie jedes Jahr, die Sirenen heulen, Autos und Straßenbahnen stoppen und Passanten für einige Minuten innehalten. Das Ritual erinnert an den Beginn des Warschauer Aufstands von 1944, mit dem die der polnischen Exilregierung unterstehende »Heimat­armee« versucht hatte, der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee zuvorzukommen. Der schlecht geplante und mangelhaft umgesetzte Aufstand wurde von deutschen Truppen in zwei Monaten blutiger Kämpfe niedergeschlagen und führte zum Tod von etwa 200.000 Zivilisten sowie zur flächendeckenden Zerstörung der polnischen Hauptstadt durch deutsche Brand- und Sprengkommandos. Das wankende Hitlerdeutschland wollte ein letztes Exempel statuieren.

Der Warschauer Aufstand, dessen Andenken unter anderem durch ein modernes und in der Aussage seiner Ausstellungen so stockreaktionäres wie heroisierendes Museum wachgehalten wird, ist zum zentralen Bestandteil der polnischen Gedenkkultur geworden. Seine Ausstrahlung geht so weit, dass sogar Aktivistinnen der »Schwarzen Proteste« gegen die geplante Verschärfung des Abtreibungsrechts die Abkürzung »PW« (»Polska walczaca« – Kämpfendes Polen) übernommen und in »Polka walczaca« (Kämpfende Polin) uminterpretiert haben. Die Rundungen des Buchstabens w wurden dabei durch die Zugabe von zwei Punkten in einen stilisierten Busen verwandelt – die regierenden Konservativen waren empört.

Unterdessen wird die Erinnerung derer, die das Land tatsächlich von der deutschen Besatzung befreit haben, weiter aus dem öffentlichen Raum verbannt. Ende Juni hat der Sejm eine Neufassung des »Gesetzes zum Verbot der Propagierung des Kommunismus oder anderer totalitärer Ordnungen« beschlossen. Sie dehnt das schon länger bestehende Verbot, Gebäude, Brücken, Straßen und Plätze nach »Personen, Organisationen, Ereignissen oder Daten« zu benennen, die »die totalitäre Ordnung symbolisieren«, zusätzlich auf Schulen, Krankenhäuser, Kultureinrichtungen, Siedlungen aus, auch entsprechende Denkmäler sind nicht geduldet. Listen verbotener Namenspatrone erstellt das staatliche »Institut für Nationales Gedenken« (IPN).

Das Theater um die Umbenennung ist nicht populär. Die Leute haben oft keine Lust, ihre Ausweise umschreiben zu lassen und neue Visitenkarten oder Stempel bestellen zu müssen, nur weil sie etwa in einer »Straße der Arbeitereinheit« wohnen oder dort ein Geschäft betreiben. Fälle von rechtem Übereifer bleiben aber nicht aus. So musste in Olsztyn das IPN die PiS-Stadträte zurückpfeifen, als sie einen dem sozialdemokratischen Dissidenten und ersten Arbeitsminister des nachsozialistischen Polens, Jacek Kuron, gewidmeten Platz umbenennen wollten. Überlegt wird immer, was überwiege: die Leistungen eines Nachkriegsbürgermeisters für den Wiederaufbau oder der Umstand, dass er in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) war. Manche Gemeinden versuchen, die Anordnungen listig zu unterlaufen, indem sie zum Beispiel eine Straße, die bisher an einen Kommunisten erinnerte, nach einem gleichnamigen Priester oder Unternehmer »umbenennen«.

Auch sowjetische Soldatendenkmäler finden – noch – ihre Verteidiger. In Mikolin in der Wojewodschaft Opole restaurierte ein privater Verein ein Ehrenmal für 40 getötete Rotarmisten. Und in Drawsko Pomorskie verteidigen Anwohner ein Denkmal mit zwei Sowjetpanzern, das seit Generationen niemanden gestört hat. In Russland haben Parlamentsabgeordnete gefordert, wegen des Abrisses sowjetischer Denkmäler die diplomatischen Beziehungen zu Polen abzubrechen.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Unser Traum vom Weiten Osten (13.06.2017) Vor 75 Jahren unterzeichnete der Reichskommissar zur Festigung des deutschen Volkstums Heinrich Himmler den »Generalplan Ost«
  • Die Kraft der Musik (06.05.2017) Reinhard Piechocki hat ein Buch über die Instrumentalisierung Frédéric Chopins im Rahmen der faschistischen Kulturpolitik geschrieben – in dessen Mittelpunkt stehen die Schicksale berühmter und weniger berühmter Musiker
  • Zentrum des Holocaust (11.03.2017) Vor 75 Jahren wurden während der »Aktion Reinhard« im besetzten Polen innerhalb weniger Monate fast zwei Millionen Juden und Roma ermordet

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Die Shanghai Cooperation Organization
    Jörg Kronauer
  • Tritt die Türkei als erstes Land aus der NATO aus? Bisher dient eine mögliche Neuorientierung Ankaras vor allem als Druckmittel
    Jörg Kronauer
  • Türkische Truppen rücken im Norden Syriens vor. YPG drohen mit Gegenschlag
  • Die Nachricht von Italiens geplantem Militäreinsatz vor der libyschen Küste ist von Widersprüchen durchsetzt
    Knut Mellenthin
  • In den USA beflügelt Angriff der Republikaner auf Krankenversicherung die Debatte um »Versorgung für alle«
    Stephan Kimmerle, Seattle
  • Die USA haben die Einwanderungsgesetze für Kubaner verschärft, die Abschiebungen häufen sich
    Volker Hermsdorf
  • Linke Kritik an Venezuelas Regierung: Nötig ist keine neue Verfassung, sondern die Entmachtung des Kapitals. Gespräch mit Elias Neri
    Katrin Küfer