Aus: Ausgabe vom 31.07.2017, Seite 4 / Inland

Themar wehrt sich gegen Nazis

Bevölkerung der Kleinstadt beteiligte sich rege an Protesten gegen Rechtsrockfestival. Künstleraufruf zum »Sommer der Solidarität«

Von Markus Bernhardt
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Protest gegen das Nazikonzert in Themar am 29. Juli

Innerhalb von nur zwei Wochen hat im südthüringischen Themar zum zweiten Mal ein Festival von Neonazis stattgefunden. Anwohner zeigten diesen deutlich ihre Ablehnung. Unter dem Motto »Rock für Identität« hatten sich am Samstag in der nur knapp 3.000 Einwohner zählenden Kleinstadt nach Polizeiangaben 1.050 Neofaschisten versammelt. Darunter mehrere einschlägig bekannte und teils vorbestrafte extreme Rechte. Die Polizei, die mit knapp 500 Beamten im Einsatz war, stellte insgesamt 36 von Rechten begangene Straftaten fest. Dabei handelte es sich mehrheitlich um »Propagandadelikte«, in zwei Fällen aber auch um Körperverletzung und in einem Fall um Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Außerdem seien elf Verstöße gegen das Versammlungsgesetz festgestellt worden.

500 Menschen hätten am Samstag gegen das Neonazifestival protestiert, hieß es im Polizeibericht. Der Mitteldeutsche Rundfunk sprach jedoch von 1.000 Gegendemonstranten. Auch Themars Bürgermeister Hubert Böse (parteilos) beteiligte sich an den Aktionen gegen rechts. Wie bereits bei dem von über 6.000 Faschisten besuchten Festival vor zwei Wochen hatte das »Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit« auch am Samstag zu antifaschistischen Protesten in der Kleinstadt aufgerufen. Darüber hinaus setzten die Kirchen mit einem Friedensgebet und Protestspaziergängen ein Zeichen. Antifaschistische Initiativen hatten zu einer Demonstration mobilisiert.

Der Liedermacher Florian Kirner alias Prinz Chaos, der sich einmal mehr an den Protesten beteiligt hatte, berichtete am Sonntag vom vielfältigen Engagement der Bevölkerung. Auf einem Marktfest städtischer Vereine hätten die Frauen hinter dem Kuchenstand Aufkleber mit der Aufschrift »Wir sind alle Antifa« getragen, Bürger hätten deren Demonstration mit Beifall empfangen, die Stadtkirche sei beim Friedensgebet voll besetzt gewesen, so Prinz Chaos auf seiner Facebook-Seite. Rund um »die schwierige Situation in Themar« sei »etwas passiert, das eine Wendung zum Positiven ermöglicht«. Ab sofort gehe es daran, den »Sommer der Solidarität 2018« zu organisieren. Denn im kommenden Jahr dürften der Kleinstadt weitere Neonazifestivals ins Haus stehen. Unterstützung erhält Kirner in seinem antifaschistischen Engagement auch von seinem Liedermacherkollegen und Freund Konstantin Wecker. Auf dessen Internetseite »Weckers Welt« rief der Sänger dazu auf, »die tapferen Leute von Themar« zu unterstützen. »Dass in Deutschland Veranstaltungen, die den Faschismus verherrlichen, einfach so erlaubt und offensichtlich geradezu begünstigt werden, hinterlässt mich fassungslos«, kritisiert Wecker dort. Er sei »einmal mehr entsetzt darüber, wie wenig man sich im Jahr 2017 auf unseren Rechtsstaat verlassen kann, wenn es gegen Nazis geht«, erklärte er.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) bezeichnete die Veranstaltung der Rechten am Samstag auf Twitter als »Konzert des Grauens«.

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