Aus: Ausgabe vom 19.07.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Industrienation Bolivien

Sozialistischer Präsident Evo Morales will verstärkt Lithium fördern lassen. Weiterverarbeitung soll im Land geschehen

Von Volker Hermsdorf
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Ein Arbeiter baut Salz im Salar de Uyuni ab (7. November 2012)

Bolivien, einst das ärmste Land Südamerikas, könnte sich bald zur wirtschaftlichen Lokomotive des Kontinents entwickeln. Wie Präsident Evo Morales gegenüber dpa erklärte, will seine Regierung in den nächsten Jahren 800 Millionen Dollar (rund 697 Millionen Euro) in den industriellen Abbau von Lithium investieren. Die Andenrepublik verfügt über die weltgrößten Vorkommen des Leichtmetalls, das der wichtigste Bestandteil zur Herstellung aufladbarer Batterien ist.

Durch die steigende Produktion von Elektroautos explodieren Nachfrage und Weltmarktpreis. Kostete eine Tonne Lithiumkarbonat 2005 noch rund 2.500 Dollar (2.179 Euro), waren es zehn Jahre später schon knapp 6.400 Dollar (5.578 Euro). Heute kostet eine Tonne des Rohstoffes, der auch als »weißes Gold« bezeichnet wird, bereits bis zu 13.000 Dollar (11.331 Euro) – und die Preise steigen weiter. »Lithium wird für Bolivien das neue Erdgas«, sagte Evo Morales. Dabei spielte er auf die gesunkenen Einnahmen durch den Export von Erdgas, das bisher einen großen Teil der Ausfuhrerlöse erbrachte, an.

Bislang beherrschten Chile und Argentinien den Lithiummarkt, Bolivien hat jedoch mit geschätzten neun Millionen Tonnen die größten Reserven. Die liegen vor allem unter dem Salar de Uyuni, dem mit 10.582 Quadratkilometern größten Salzsee der Erde auf knapp 3.700 Metern Höhe. Die Lage ist einer der Gründe dafür, dass die Schätze bisher nahezu unberührt im Boden blieben. Uyunis Salzwüste liegt in einer staubigen Gegend und so abgelegen, dass der Abtransport schwierig und kostenintensiv ist. Der nächste Hafen ist zudem Hunderte von Kilometern entfernt in Chile. Etwa 50.000 Menschen leben in der kargen Region unter anderem vom Tourismus. Bolivien-Besucher fasziniert der Kontrast von blauem Himmel und weißen Salzwaben, die sich bis zum Horizont erstrecken. Mittendrin liegen ein aus Salzblöcken gebautes Hotel, eine unwirklich anmutende Kakteeninsel, heiße Quellen sowie grüne und rosafarbene Lagunen, deren Ränder Flamingos und schneebedeckte Vulkane säumen. Präsident Morales versichert, dass die einmalige Natur erhalten bleiben soll. Die Förderung beträfe nur knapp 40 Quadratkilometer, also weniger als ein halbes Prozent der Fläche.

Der linke Staats- und Regierungschef besteht außerdem darauf, dass der Rohstoff das Land nicht unverarbeitet verlässt. Morales hatte Lithium schon vor Jahren als strategische Ressource benannt. Er will, dass sämtliche Produktionsstufen komplett in Bolivien ablaufen und nicht im Ausland. Bolivien verfolgt das ehrgeizige Ziel, selbst moderne Akkus für den Weltmarkt zu produzieren. »Wir werden eine große Lithium-Industrie aufbauen«, sagte Morales im dpa-Interview. Damit reagierte er auch auf ein altes Trauma der Bolivianer. Vor allem die indigene Bevölkerung will »kein zweites Potosí«. Reiche Silber- und Zinnvorkommen hatten diesen Ort im 17. Jahrhundert zu einer der größten Städte der Welt gemacht. Die spanischen Kolonialherren wurden durch das Silber reich, während die indigenen Ureinwohner zu Hunderttausenden in den Minen starben. Man werde das Geschäft nicht ausländischen Konzernen überlassen, sie dürften sich aber beteiligen, betonte Morales deshalb. Vor zwei Jahren begann eine chinesische Firma mit dem Bau eines Komplexes zum Abbau von Lithium und Kaliumchlorid, das für den Düngemitteleinsatz verwendet wird. Im August 2015 erhielt das Unternehmen »K-Utec AG Salt Technologies« aus Thüringen, die private Nachfolgegesellschaft des früheren DDR-Kali-Forschungsinstituts, den Zuschlag für die Planung der ersten industriellen Lithiumaufbereitungsanlage in Bolivien. Vorgesehen ist, dass diese Anlage 2020 in Betrieb geht.

Sollte damit tatsächlich der erste Schritt zur Industrienation vollzogen werden, wäre das einer der größten Erfolge des ersten indigenen Präsidenten seit seinem Amtsantritt im Januar 2006. Früher eines der reichsten Gebiete des spanischen Kolonialreiches, zählte Bolivien bis vor gut zehn Jahren zu den ärmsten Ländern der Region. Militärputsche und Staatsstreiche, eine mit Gewalt und Terror herrschende Oligarchie, die sich mit US-amerikanischen Konzernen arrangierte, und deren neoliberale Wirtschaftspolitik hatten das Land ruiniert. Zur Jahrtausendwende lebten zwei Drittel der Bevölkerung in Armut, 40 Prozent waren sogar dazu verdammt, in extremer Armut zu vegetieren. Die Kindersterblichkeit lag mit 110 pro tausend Lebendgeburten noch über der von Haiti, die durchschnittliche Lebenserwartung betrug gerade einmal 53 Jahre. Evo Morales und die Regierungspartei »Movi­miento al Socialismo« (Bewegung zum Sozialismus, MAS) haben durch die konsequente Veränderung der politischen Verhältnisse aus Bolivien ein anderes Land gemacht. Durch die Vergesellschaftung der Erdgasindustrie wurden die Staatseinnahmen erheblich gesteigert. Außerdem gibt es keinen Zugriff ausländischer Konzerne auf die Bodenschätze mehr, was sich für das Land auszahlt: Von 2006 bis 2013 konnten die Exporte nahezu verzehnfacht werden. Mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 4,5 Prozent im Jahr 2015 und um 4,2 Prozent im Jahr 2016 steht Bolivien jetzt an der Spitze des Wachstumsranking in Südamerika.

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»Neugründung« Kräftemessen um Boliviens Zukunft

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