Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 16 / Sport

Froome blieb fast stehen

Es menschelt wieder, endlich! Die Tour de France im Wochenrückblick

Von Janusz Berthold
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Auf zur Schlussrampe! Warren Barguil, Chris Froome und Fabio Aru (v. l. n. r.) am 13. Juli

Die Tour de France ist in der vergangenen Woche endlich aus den Pötten gekommen. Was haben wir Radsportenthusiasten für wundervolle und spannende Tage hinter uns! Zunächst sprintete der Thüringer Marcel Kittel (Quick-Step Floors) zu seinen Etappensiegen Nummer vier und fünf bei dieser Tour. Unnachahmlich düpierte er die Konkurrenz, zeigte dabei kontinuierlich die Stärken der althergebrachten ostdeutschen Sprinterschule. Mental jeder Rennsituation gewachsen und schnellkräftig wie kein zweiter, verteidigte er das Grüne Trikot und kam akzeptabel über die Berge. Möglich, dass er noch weitere Triumphe feiern kann. Grün in Paris wäre die Krönung.

Am Donnerstag stand mit der zwölften Etappe nach Peyragudes nahe der spanischen Grenze ein überaus anspruchsvoller Bergkanten auf dem Programm. Horrende 214 Kilometer in den Pyrenäen. In den Hochgebirgspässen dominierte das Team Sky des Gesamtführenden Chris Froome. Bis weit in den letzten Anstieg hinein ließen dessen gewohnt überlegene Helfer mit ihrer Tempohärte das Feld zerreißen, nur eine kleine Farvoritengruppe konnte da mithalten. An der extrem steilen Schlussrampe setzte kurz vor dem Ziel Romain Bardet (Ag2R) zum Bergsprint an, niemand konnte dem französischen Etappensieger folgen. Chris Froome zeigte gar ungeahnte Schwächen, blieb fast stehen und verlor auf 150 Metern 22 Sekunden.

Der Italiener Fabio Aru (Astana) übernahm die Führung mit sechs Sekündchen vor Froome und 25 vor Bardet. Endlich war eingetreten, was ich mir für die Attraktivität der Tour gewünscht hatte. Kein Fahrer ist in der Lage, tagtäglich eine dominante Rolle zu spielen. Es menschelt sozusagen wieder! Der folgende französische Nationalfeiertag hielt für die Gastgeber einen besonders emotionalen Moment bereit. Warren Barguil (Sunweb), aktueller Träger des Bergtrikots, siegte in Foix. Nach zwölf Jahren schaffte es endlich wieder ein heimischer Fahrer, am 14. Juli eine Etappe zu gewinnen. Den radsportverrückten Franzosen bedeutet das viel, und es ist ihnen zu gönnen.

Der Sonnabend sollte das Gesamtklassement dann noch mal durcheinanderwürfeln. Nach einer Etappe, die zuvor als eher unspektakulär eingeschätzt worden war, trennten die führenden vier im Kampf um Gelb nur noch läppische 29 Sekunden, wobei Chris Froome wieder Gelb übernahm. An der Mauer von Rodez, dem 600 Meter langen und im Schnitt zehn Prozent steilen Anstieg zum Tagesziel, verspekulierte sich Aru und rutschte wieder auf den zweiten Platz.

Der Abschnitt ins Zentralmassiv am Sonntag war von Attacken und taktischen Kämpfen der Favoriten geprägt, am Gesamtklassement änderte sich dabei zunächst nichts Wesentliches. Die erlittenen Strapazen werden dem einen oder anderen Sieganwärter aber sicherlich noch zu schaffen machen.

Zum krönenden Abschluss der 104. Frankreichrundfahrt geht es in dieser Woche über mythische Pässe der Hochalpen wie den Col du Galibier (2642 m) am Mittwoch. Auch bei der Bergankunft auf dem Izoard (2360 m) einen Tag später wird es vermutlich deutlichere Zeitabstände geben. Ob dann beim 22-Kilometer-Zeitfahren am Sonnabend noch etwas korrigiert werden kann, bleibt abzuwarten.

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