Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Armut führt zu Protest

Harvard-Ökonom führt Protest gegen »Globalisierung« auf Prekarisierung zurück

Von Simon Zeise
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Hunderttausende gingen in Berlin bei Protesten gegen das Handelsabkommen TTIP auf die Straße (10. Oktober 2015)

Wohlstand für alle? Das Handelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union TTIP würde zu einer Steigerung des Wirtschaftswachstums in der EU von einem Prozent führen, schätzte die EU-Kommission 2013. Dani Rodrik, Ökonomieprofessor an der Harvard-Universität im US-Bundesstaat Massachusetts, gibt in der Studie »Populism and the Economics of Globalization« zu bedenken, dass eine Liberalisierung der Investitionsmöglichkeiten zu großen volkswirtschaftlichen Ungleichgewichten führt.

Es klingt plausibel, dass Profite transnationaler Konzerne auf dem Rücken von Niedriglöhnern erwirtschaftet werden. Rodrik kalkuliert in einem Rechenmodell, würden Zölle einer Volkswirtschaft um 40 Prozent gesenkt, steige zwar das Realeinkommen des Landes um vier Prozent, die Einkommen »Geringqualifizierter« würden jedoch um 19 Prozent nach unten gedrückt. »Der gesamte Kuchen wächst kaum noch bei einer immer größeren Handelsliberalisierung, dafür rücken politische Verteilungsfragen in den Vordergrund«, kommentierte die Schweizer Zweiwochenzeitschrift Finanz und Wirtschaft am Freitag.

Es verwundere, dass Handelsliberalisierung und Globalisierung so viele Jahrzehnte international so unumstritten geblieben seien. In der ersten Globalisierungswelle Ende des 19. Jahrhunderts seien politische Proteste schneller entfacht worden. »Bereits nach wenigen Jahren brachen die ersten Handelskriege aus. Es wurden Importverbote und Strafzölle verhängt, die am Ende allen schadeten.«

Die Globalisierung habe große Vorteile, so Rodrik. Expansionsmöglichkeiten für Exporteure, multinationale Konzerne, Investoren und internationale Banken sowie einer Klasse von Managern, die von größeren Märkten profitieren konnten. »Es half einigen armen Ländern – vor allem China – auf schnellstem Wege Bauern in Arbeiter in Unternehmen zu transformieren, die für den Export produzierten, da wurde Wachstum befeuert und Armut reduziert«, schreibt Rodrik.

Kritik an der Handelsliberalisierung habe nie die kritische Größe erreicht, um als Plattform für »populistische Protestbewegungen« zu dienen. Die britischen »Brexit«-Befürworter hätten den Freihandel sogar zum politischen Ziel erklären. In der EU sei der Protest gegenüber »Freihandelsabkommen« aufgekommen, weil inzwischen die Sorge gestiegen sei, dass das bisherige Wohlfahrtssystem künftig nicht mehr ausreichend Schutz biete. In den USA hätten Proteste von der Regierung lange aufgefangen werden können. Das Land habe sich erst seit den 90ern für Billigimporte geöffnet und Industrie in Länder verlagert, in denen das Lohnniveau deutlich geringer war. »Hätten die Regierungen Clinton, Bush und Obama die Handelsöffnung konsequent mit sozialpolitischen Maßnahmen begleitet, die die Gewinne aus der Liberalisierung besser verteilt hätten, säße heute vermutlich kein Donald Trump im Weißen Haus«, heißt es in Finanz und Wirtschaft.

kurzlink.de/globalisierung

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