Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 1 / Titel

Bomben auf Zivilisten

Seit der Machtübernahme von Donald Trump vervierfachte sich die Zahl der Opfer von US-Luftangriffen in Syrien und Irak

Von Knut Mellenthin
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Zerstörte Stadt: Auch mit Hilfe der US-Luftwaffe wurde das irakische Mossul in Schutt und Asche gelegt (10.7.2017)

Seit Donald Trump im Januar die Herrschaft im Weißen Haus übernahm, hat sich die Zahl der Zivilpersonen, die bei Bombenangriffen der USA in Syrien und Irak getötet werden, mehr als vervierfacht. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die von der Journalisten-Arbeitsgemeinschaft »Airwars« im Auftrag des linksliberalen Internet-Portals The Daily Beast durchgeführt wurde. Eine umfangreiche Analyse der Ergebnisse wurde dort am Montag www.thedailybeast.com/president-trumps-air-war-kills-12-civilians-per-day">veröffentlicht. Die Untersuchung von »Airwars« stützt sich auf örtliche Zeitungen und Internetseiten sowie die Erkenntnisse internationaler Menschenrechtsorganisationen.

Die Gruppe schätzt, dass während der Amtszeit von Präsident Barack Obama mindestens 2.300 irakische und syrische Zivilisten durch US-amerikanische Luftangriffe ums Leben kamen. Das entspricht einem monatlichen Durchschnitt von 80 Toten. Unter seinem Nachfolger wurden von den US-Streitkräften bis zum 13. Juli bereits fast ebenso viele nicht am Krieg beteiligte Menschen getötet: 2.200. Das sind 360 Tote im Monat und zwölf am Tag.

Das US-Verteidigungsministerium, das höchstens die offensichtlichen, nicht zu vertuschenden Fehlangriffe eingesteht, gibt die Zahl der getöteten syrischen und irakischen Zivilisten allerdings »nur« mit 603 an. Die USA bestreiten unter anderem die Feststellung einer UN-Kommission, dass am 21. März mehr als 30 Zivilisten, die in einer Schule im syrischen Rakka Schutz gesucht hatten, durch einen Angriff ihrer Luftwaffe getötet wurden.

Der bisher vermutlich schwerste Schlag der US-Luftwaffe fand am 17. März im Irak statt: Ein Kampfflugzeug warf eine 227 Kilogramm schwere Superbombe auf ein Gebäude in der Stadt Mossul ab, in dem viele Zivilisten Zuflucht vor dem Kriegsgeschehen gesucht hatten. Nach einer eigenen Untersuchung der US-Streitkräfte wurden durch die Explosion mindestens 105 Menschen getötet. Auslöser des Angriffs war, dass angeblich zwei Kämpfer des »Islamischen Staats« auf dem Dach gestanden hatten.

Der starke Anstieg der getöteten Zivilisten in diesem Jahr hat nach Einschätzung von »Airwars« und The Daily Beast zum Teil damit zu tun, dass der Kampf um bisherige Hochburgen des »Islamischen Staats« wie Mossul im Irak und Rakka in Syrien in sein entscheidendes Stadium gekommen ist. Eine wesentliche Voraussetzung ist aber auch das von Trump vorgegebene Ziel, möglichst schnell vorzeigbare »Siege« zu erreichen und dabei die Rücksicht auf nicht am Krieg Beteiligte zu reduzieren.

Verglichen mit Obama, der sich sogar das Abzeichnen von Todeslisten für gezielte Drohnenangriffe vorbehielt, hat Trump der militärischen Führung weitgehende Freiheit für die Gestaltung der Kriegführung gegeben. Zwar bestreiten die US-Generäle, soweit sie sich bisher überhaupt zu diesem Thema geäußert haben, dass nach Trumps Amtsübernahme die unter Obama geltenden Einsatzregeln geändert worden seien. »Airwars« geht jedoch von der Annahme aus, dass die dramatisch gewachsene Zahl ziviler Todesopfer die Schlussfolgerung nahelegt, dass deutlich weniger Rücksichten auf mögliche »Kollateralschäden« genommen werden als früher.

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