Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

Sein Elend ist das der Insel

Kreolisches Skalpell: Der neue Kriminalroman des Haitianers Gary Victor

Von Georg Hoppe
RTR17V51.jpg
Wie alles begann: UN-Soldaten vor dem Hotel, in dem ihr Oberbefehlshaber Bacellar zu Tode kam (7. Januar 2006 in Port-au-Prince)

Anfang 2006 wurde der brasilianische General Urano Teixeira da Matta Bacellar tot auf dem Balkon seines Hotels in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince gefunden. Als Oberbefehlshaber der »Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen« (Minustah) hatte er dem Druck verschiedener Kreise widerstanden, stärker militärisch einzugreifen. Zunächst wurde sein Tod als »Unfall« bezeichnet, später als »Selbstmord«.

Der historische Fall ist Gegenstand des neuen Kriminalromans von Gary Victor, einem der meistgelesenen haitianischen Autoren. Nach »Schweinezeiten« und »Soro« erschien im Frühjahr »Suff und Sühne« bei Litradukt, einem Verlag für Literatur aus Haiti. Es ermittelt nach wie vor Inspektor Azémar: schwerer Alkoholiker und brutaler Rächer, aber als einziger im Polizeiapparat unkäuflich und verzweifelt an eine Zukunft glauben wollend.

Die Ausgangslage im Roman entspricht so ziemlich dem Fall Bacellar. Der Name des toten Generals der »Friedenstruppen« ist hier Racelba (beinahe ein Anagramm von Bacellar). Azémar hat gleich zu Anfang ein großes Problem. Die Tochter des Toten taucht in seiner Wohnung auf, um ihm Fotos zu überreichen, die keinen Zweifel lassen: Der Inspektor selbst hat den General ermordet.

Zwar kann er irgendwie entkommen. Doch erinnern kann er sich an nichts. Je näher er im Laufe der Ermittlungen der Aufklärung des Mordes kommt, den er begangen haben soll, desto mehr gerät Azémar ins Kreuzfeuer der herrschenden Akteure auf der Insel. Neben einflussreichen Unternehmen sind das die Besatzungstruppen unter dem Zeichen der UNO sowie die politischen Kaste seines Landes, der USA und Brasiliens. Und dann gibt es noch das organisierte Verbrechen und den Polizeiapparat, beides kaum voneinander zu unterscheiden. Ein Kontrahent von Azémar bringt die Interessen beim Showdown auf den Punkt: »Ein wildes Land ist eine Goldgrube.«

Stärker noch als in den vorangegangenen Teilen bringen Azémar moralische Erschütterungen ins Wanken. Der Titel »Suff und Sühne« (im Original »Cures et châtiments«) weist nicht von ungefähr auf Dostojewskis Figur des Sozialbanditen Raskolnikow. Zu allem Überfluss macht Azémar, den der Zuckerrohrschnaps immer ein Quentchen mehr am Leben gehalten als langsam zerfressen hat, gerade einen Alkoholentzug durch. Hatte man gedacht, sein Elend sei nicht mehr steigerbar, wird man hier eines Besseren belehrt.

Der Begriff »hard-boiled« ist für Victors Krimis nicht hart genug. Das Tempo ist deutlich höher als bei den Klassikern des Genres. Dazu kommt die Brutalität, mit der Azémar foltert und hinrichtet. Sein Elend ist das der Insel. Er liegt in seinem Bett, »skelettmager«, zerrissen von Wahnvorstellungen durch den Entzug, kaum atmen könnend in seiner stinkenden Wohnung, ohnmächtig angesichts einer »großen, haarigen Ratte, die an einer eingetrockneten Pfütze aus Erbrochenem leckt«, um wie er »allen zum Trotz zu existieren«.

Man kann Victors Krimis in mancher Hinsicht kritisieren. Seine Frauenfiguren sind stets wunderschön, Opfer, Prostituierte, Sehnsuchtsobjekte. Abgeschmackt! Azémars Tötungen werden durch biologistische Säuberungsvorstellungen motiviert. Man sucht vergeblich nach irgendeinem Hoffnungsschimmer.

Victor benutzt Wahnsinn, Zombies und Riesentaranteln, um die Realität seines Landes zu beschreiben. Er macht sich damit nicht nur Freunde. Der Tiroler Tageszeitung sagte er im Rahmen seiner jüngsten Lesereise durch Deutschland und Österreich: »Die Haitianer wissen, dass in unserem Land viel falsch läuft. Natürlich gibt es zahlreiche, auch einflussreiche Personen, die sich an meinen Büchern stören, aber sie wagen es nicht, mich öffentlich anzugreifen, weil ihnen bewusst ist, dass das nur beweisen würde, wie richtig meine Beschreibung der Verhältnisse ist.«

Dem Deutschlandfunk erklärte er seinen methodischen Ansatz: »Mit der Figur des Inspektor Dieuswalwe Azémar habe ich angefangen, Krimis zu schreiben. Ich wollte ein Skalpell nehmen und nachschauen, was sich im Inneren des kranken Körpers befindet.« Victors Stärke ist nicht, die Innereien präzise zu entnehmen, zu wiegen, zu ordnen. Aber das, was nach dem Schnitt offenbar wird, in die Augen spritzt und übel in die Nase steigt, in Worte zu fassen, gelingt ihm in »Suff und Sühne« einmal mehr wie keinem zweiten.

Gary Victor: Suff und Sühne. ­Litradukt-Verlag, Trier 2017, 160 S., 11,90 Euro

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton