Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

Rasenpflege

Von Helmut Höge
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»So etwas wie eine ›Fertigdistanz‹«: Rasenpflege in der Kasseler Karlsaue

Für Jean Paul Sartre war Rasen nur eine äußerliche Erweiterung des Teppichs. Die Baumärkte bieten so etwas inzwischen an. Sie nennen es »Outdoorteppich«, »Kunst­rasen«, »Fertigrasen«, »Auslegerasen« oder »Rollrasen«. Laut Empfehlung der Deutschen Rasengesellschaft bietet allein die Verwendung von »Regel-Saatgut-Mischungen« Gewähr für gute Qualität. Gartenakademien offerieren Listen »unerwünschter Gräser im Rasen«. An der Universität Göttingen wird »Graslandwissenschaft« betrieben und »Grünlandmanagement« gelehrt.

Auf Golfplätzen muss der um die Löcher herum angelegte Rasen (eine besondere Sorte aus England) frühmorgens gefegt werden, weil die Tautropfen ihn in der Sonne sonst verbrennen ließen. Beim Golfrasen spricht man von »Green«, ein »Head-Greenkeeper« sorgt für die tägliche Kürzung auf drei Millimeter. »Ab 2,8 Millimeter ist aber Schluss, dann ist der Rasen kaputt,« meint der vom Golfplatz Bochum-Stiepel, Jürgen Haarmann. Er muss den Rasen außerdem »vertikutieren« und »aerifizieren« lassen, um ihm anschließend ein »Topdressing« zu verpassen.

Der US-Soziologe Thorstein Veblen meinte, mit dem Rasenmäher sei der »unfeine« Einsatz von Arbeitstieren abgeschafft worden, die zuvor den Mähbalken über den Rasen zogen. Angesichts ihrer besonders großen Rasenflächen schaffen sich Ostfriesen gerne »Rasentraktoren« an: »Damit macht meinen Kindern das Rasenmähen endlich wieder Spaß,« meinte ein Bauer zu mir.

Marx erwähnt in »Das Kapital« den griechischen Dichter Antipatros, »der die Erfindung der Wassermühle zum Mahlen des Getreides, diese Elementarform aller produktiven Maschinerie, als Befreierin der Sklavinnen« begrüßte. »Die Heiden, ja die Heiden!« kommentiert Marx. Sie hätten »nichts von politischer Ökonomie und Christentum« begriffen, »u.a. nicht, dass die Maschine das probateste Mittel zur Verlängerung des Arbeitstags ist«. (»Sklaverei der Massen predigen, um einige rohe oder halbgebildete Parvenüs zu ›eminent spinners‹, ›extensive sausage makers‹ und ›influential shoe black dealers‹ zu machen, dazu fehlte ihnen das spezifisch christliche Organ«.)

In den USA gibt es inzwischen Hunderte Bürgerinitiativen, die ein Verbot lauter Laubbläser fordern. Dagegen haben sich aber mindestens ebenso viele Initiativen von Philippinos gegründet, die im Falle eines Laubbläser-Verbots ihre Jobs verlieren würden. In den Bezirken der Armen werden vergleichsweise winzige Rasenflächen begrünt, gelegentlich illegal. In Kleingartenkolonien müssen laut Satzung auf 80 Prozent der Parzellen Nutzpflanzen angebaut werden. Das wird aber mehr und mehr ignoriert. Es gibt hier immer größere Rasenflächen mit Hollywoodschaukel, Planschbecken oder Trampolin.

Der Rasen der Dachgärten vieler Firmen muss seit dem Rauchverbot kaum noch gemäht werden, weil die Raucher ihn kurz halten. Auf der Internationalen Gartenausstellung in Marzahn-Hellersdorf halten Mähroboter die riesigen Rasenflächen kurz, indem sie den ganzen Tag hin und her fahren.

»Deutschland ist ein Land, in dem es keine Revolution geben kann, weil man dazu den Rasen betreten müsste,« meinte Josef Stalin. Mindestens bis in die 80er Jahre standen an öffentlichen Rasenflächen in Westdeutschland überall Schilder mit der Aufschrift »Rasen betreten verboten«. In Westberlin übertraten die Türken als erstes dieses Verbot: »Wir Deutschen haben es ihnen dann einfach nachgemacht,« erinnert sich eine Kreuzberger Sozialarbeiterin.

Der US-Literaturwissenschaftler Timothy Morton schreibt in seinem Buch »Ökologie ohne Natur – Eine neue Sicht auf die Umwelt« (2016): »Rasenflächen sind Räume eliminierter Gewalt, ausradierter Seiten, die leer und geräumig wirken sollen. Sie stellen nichts anderes dar als eine horizontale, zum Massenartikel umgeformte Version jener Wildnis, die die Menschen aufsuchen, um Frieden und Ruhe zu finden und ein abstraktes Naturgefühl zu erleben. Rasenflächen sind so etwas wie eine ›Fertigdistanz‹.«

Vor einigen Jahren ging ein Freund von mir auf einem LSD-Trip im Tiergarten über die weitläufigen Rasenflächen; plötzlich bemerkte er, dass er bei jedem Schritt Dutzende Pflanzen und Tiere zertrat. Er blieb stehen und rührte sich nicht – so lange, bis der Trip nachließ und er wieder in sein normales, gedankenloses Bewusstsein zurückfand.

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