Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 12 / Thema

Wandel inmitten der Weltkrise

Vorabdruck. Während des Ersten Weltkriegs und mit der Oktoberrevolution durchlief er eine Entwicklung vom bürgerlichen Idealismus zum »orthodoxen Marxismus«. Lehr- und Wanderjahre des jungen Georg Lukács

Von Erich Hahn
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Den Eintritt in die kommunistische Partei bzw. die »Entwicklung zum Kommunisten«, bezeichnete Georg Lukács (geboren am 13. April 1885 in Budapest, gestorben am 4. Juni 1971 ebenda) kurz vor seinem Tod als »die größte Wendung« in seinem Leben (Die Aufnahme zeigt Lukács 1919 in seiner Zeit als stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen)

In den kommenden Tagen erscheint im Berliner Aurora-Verlag von Erich Hahn »Lukács und der orthodoxe Marxismus«. Der Band ist ein gründlicher Kommentar der 1923 erschienenen und berühmt gewordenen Aufsatzsammlung »Geschichte und Klassenbewusstsein« aus der Feder des 1885 geborenen ungarischen Philosophen Georg Lukács. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Verlags vorab einen Auszug aus dem Unterkapitel »Zur Vorgeschichte«. (jW)

Lukács hat »Geschichte und Klassenbewusstsein« in einer entscheidenden Phase seines Lebens verfasst. Der Entschluss des dreiunddreißigjährigen Sohnes eines wohlhabenden, einflussreichen und obendrein geadelten ungarischen Finanzmagnaten, Mitte Dezember 1918 in die wenige Wochen zuvor gegründete Kommunistische Partei Ungarns (KPU) einzutreten, war keinesfalls ein absehbares Resultat seiner vorangegangenen Laufbahn als Theatermann, Literaturkritiker, Essayist und erfolgreicher, bekannter und angesehener Wissenschaftler. Seine Frühschriften von der Mitte des ersten bis zur zweiten Hälfte des anschließenden Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts belegen die Gründlichkeit seiner akademischen Ausbildung in Budapest, Berlin und Heidelberg sowie den starken Einfluss, den die Begegnung mit den führenden Repräsentanten der Sozial- und Geisteswissenschaften dieser Zeit auf ihn ausgeübt hat. Seine theoretischen Leidenschaften hatten sich von der Kunst und Ästhetik auf die Ethik verlagert und begannen, sich auf die Politik zu richten. Philosophisch war er Hegelianer geworden. Was keinesfalls die abrupte Verabschiedung der Ideen Kants, Fichtes und Schellings bedeutete. Hegel verdankte er vor allem die Orientierung auf eine »innige Verknüpfung von Kategorie und Geschichte«1.

Seine Wortmeldungen zeugen aber auch von der angestrengten Suche nach einer ihn befriedigenden Lebens- und Weltanschauung angesichts seines seit langem gehegten und sich ständig vertiefenden Unbehagens über die Krise der sich nicht nur in seiner ungarischen Umgebung ausbreitenden kapitalistischen Kultur und Lebensweise. Auf dem evangelischen Gymnasium hatte er die Entrüstung konservativ eingestellter Lehrer hervorgerufen. Seine Reaktion auf den Konservatismus war eine »Verherrlichung des internationalen Modernismus«. Davon war auch noch sein künstlerisches Engagement als Theaterregisseur und Übersetzer bestimmt. Sein Erstlingswerk, die 1906/07 geschriebene »Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas« hingegen enthielt bereits eine deutliche Kritik an der kapitalistischen Moderne.

Annäherungen

Als Gipfel- oder Tiefpunkt dieser Entwicklung muss die existentielle Erschütterung über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges angesehen werden. Der Krieg »enthüllte das Falsche, das Unmenschliche an jener Statik, die damals in mir zum System zu erstarren drohte: […] die Gegenmenschlichkeit als zentrale Bewegungskraft unseres Lebens, die mir in meinen ersten Anfangskonstruktionen der Philosophie unbewusst, erhielt in ihnen eine derart dominierende, alles beherrschende Gestalt, dass man der geistigen Konfrontation unmöglich entgehen konnte. Alle gesellschaftlichen Kräfte, die ich seit frühester Jugend hasste und geistig zu vernichten bestrebt […] war, haben sich vereinigt, um den ersten, universellen und zugleich universell ideenlosen, ideenfeindlichen Krieg hervorzubringen.«2

Diese geistige Konfrontation nahm in den folgenden Jahren Gestalt an. Seine literarische Kritik an der kapitalistischen Moderne verschärfte sich, vollzog sich jedoch noch wesentlich im Rahmen der Lebensphilosophie. Sie richtete sich vor allem auf Phänomene der Entfremdung und gipfelte in der Beschwörung einer Erneuerung der Kultur und Moral. Aus den eigenen Darstellungen von Lukács wissen wir, dass er mit dem Studium marxistischer Literatur bereits am Ende seiner Gymnasiastenzeit begonnen hatte. In seinen Schriften zwischen etwa 1907 und 1914 fand dies Ausdruck in einzelnen Äußerungen, die sich aus der Logik des jeweiligen Themas ergaben. So in der Dramenschrift eine theoretisch interessante Bemerkung zu Differenzen zwischen dem Naturalismus und der »marxistischen Betrachtungsweise«. Der Naturalismus sei die Technik der »nahen, der unmittelbar wirkenden Ursachen« – der Marxismus »gerade das Gegenteil davon«.3 Die »vielleicht stärkste Tendenz der marxistischen Geschichts- und Lebensauffassung« sei es, die Geschehnisse auf der Bühne »auf tiefere, objektive Ursachen zurückzuführen, auf Ursachen, die über die mit dem einzelnen Menschen und unmittelbar im einzelnen Menschen geschehenden weit hinausgehen«.4 1912 heißt es in dem Aufsatz »Ästhetische Kultur«, der Sozialismus scheine wohl nicht »jene die ganze Seele erfüllende, religiöse Kraft« zu haben, »die im primitiven Christentum vorhanden war«. Er sei daher für den »aus der Bürgerlichkeit stammenden Ästhetizismus kein wahrer Gegner, wie er sein möchte, wie er seines Wissens nach sein sollte«.5

Überwiegt in derartigen und ähnlichen Äußerungen noch eine gewisse Skepsis gegenüber dem ethischen und ästhetischen Potential sozialistischer Bestrebungen, so ergibt sich mit der Zäsur von 1914 und dann im Kontext der Oktoberrevolution bzw. des Eintritts von Lukács in die Kommunistische Partei eine deutliche Neuorientierung. In den 1914/15 zu Papier gebrachten Dostojewski-Notizen erfolgt eine so häufige und substantielle Bezugnahme auf Marx wie niemals zuvor. Seine Auszüge, Zitate und kommentierenden Entwürfe auf diesen 200 Seiten sind ein Zeugnis seiner deutlichen bewussten und menschlichen Solidarisierung mit oppositionellen bis kämpferischen moralischen Strömungen in der – nicht zuletzt religiösen – Geschichte der Menschheit.

Ein direktes politisches Engagement von Lukács gab es zu dieser Zeit noch nicht. Kontakte hatte er zu dem prominenten syndikalistischen Sozialisten Ervin Szabó. In einer radikalen oder der sozialdemokratischen Partei war er nicht anzutreffen. Einen bedeutenden Platz in seinem Leben nahmen literarische Diskussionskreise oder Zirkel kritischer Intellektueller ein. Eine zentrale Rolle spielte Lukács im Sonntagskreis, einem während des Krieges entstandenen Zusammenschluss von befreundeten Wissenschaftlern und Künstlern, von denen einige später Berühmtheit erlangten – Karl Mannheim, Arnold Hauser oder Béla Fogarasi. In seinen autobiographischen Notizen von 1971 schreibt Lukács, er sei »der einzige« in diesem Kreis gewesen, »der anfing, einen hegelianisch-marxistischen Standpunkt zu vertreten«.6

Zwei Seelen in einer Brust

Als Höhe- und Umschlagspunkt des Ringens von Lukács um die Bestimmung seines politischen und weltanschaulichen Platzes müssen die Jahre 1918/19 angesehen werden: im Oktober/November bürgerliche Revolution und Proklamation der bürgerlichen Republik, Ende November Gründung der KPU; März 1919 Ausrufung der Räterepublik, die Anfang August durch Intervention und Konterrevolution zerschlagen wird.

Lukács war 1917/18 an eine Grenze gelangt. Eine wirkliche Alternative zum Gegebenen, eine »neue Welt«7 war nicht mehr nur als Resultat geistiger Anstrengungen und Aufklärung, als Entwurf einer Utopie und individuelles Engagement zu erwarten. Sie bedurfte einer gründlichen praktischen Umwälzung. Um deren reale Möglichkeiten, Bedingungen und Triebkräfte ging es fortan. Und sie bedurfte des gemeinschaftlichen, des organisierten Handelns. Das waren seine Motive, wobei Lukács einräumt, dass seine Positionen in dieser Übergangszeit von Widersprüchen geprägt waren. »Wenn es schon Faust gestattet war, zwei Seelen in seiner Brust zu bergen, warum kann bei einem sonst normalen Menschen, der aber inmitten einer Weltkrise von einer Klasse in die andere hinüberwechselt, nicht das gleichzeitige widerspruchsvolle Funktionieren entgegengesetzter geistiger Tendenzen feststellbar sein?«8 Die zunehmende Aneignung marxistischer Auffassungen kontrastierte mit der nach wie vor wirksamen Verankerung seines Denkens in idealistischen Positionen. Es war ihm damals noch nicht möglich, »den rechten Weg auf andere Weise zu finden als durch eine konsequente Durchführung dieser Tendenzen bis zum Ende«.9

Die Bezugnahme auf Marx und den Sozialismus erfolgt nun jedoch direkt und bestimmt mehr und mehr das Thema der betreffenden Abhandlung. Im Diskussionsbeitrag zu einem Vortrag von Béla Fogarasi in der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft über konservativen und progressiven Idealismus im März 1918 stimmt Lukács der Auffassung zu, dass eine progressive Politik durchaus mit einem ethischen Idealismus verbunden werden könne. Die Setzung von Transzendenz müsse progressives Handeln nicht paralysieren. Im Gegenteil, idealistische Transzendenz könne den Imperativ zur Folge haben, die transzendente Wirklichkeit als zu verwirklichende Aufgabe zu verstehen – Gottes Reich auf die Erde zu holen.10

Im gleichen Sinne ordnet er die Politik der Ethik unter. Ethisches Handeln ziele auf die innere Veränderung des Menschen, Politik auf die Veränderung von Institutionen. Letztere könne also nur die Voraussetzungen für menschliche Veränderungen schaffen. Der ethische Idealismus stelle daher die Autonomie der Politik in Frage. »Der ethische Idealismus ist eine permanente Revolution gegen das Sein als Sein«.11 Einen prinzipiellen Gegensatz zwischen der menschlichen Seele und den »Gebilden«, den gesellschaftlichen Institutionen, proklamiert Lukács in »Béla Balázs: Tödliche Jugend«, der Besprechung eines Dramas des Autors – im selben Jahr. Gegen die konventionelle Welt der westlichen Moderne habe Dostojewski eine Seelenwirklichkeit konstituiert. In ihr herrschen nicht mehr die »Pflichten den Gebilden gegenüber«, die Normen der alten Ethik, sondern die »Imperative der Seele«.12 In dieser metaphysischen Wirklichkeit kommt »der Mensch als Mensch – und nicht als Gesellschaftswesen, aber auch nicht als isolierte und unvergleichliche, reine und darum abstrakte Innerlichkeit« vor.13

Daraus leitet Lukács politische Konsequenzen ab. Die Ideologie des Proletariats sei als ausschließliche Position einer Klasse zu eng für eine stärker in die Gesamtgesellschaft wirkende Ethik. Das Selbstbild eines Menschen außerhalb einer Klasse müsse nicht zu Romantik oder Anarchie führen. Für den »wirklich wahren Menschen« ergebe sich auch noch der Weg, sich »aus jeder sozialen Determiniertheit zu erheben und in die konkrete Wirklichkeit der konkreten Seele zu erheben«.14

»Die größte Wendung«

Eine entschieden klarere Sicht und eine deutlichere Diktion begegnet uns in den nach seinem Eintritt in die kommunistische Partei geschriebenen Beiträgen. Dieser Schritt – der Entschluss dazu soll von Lukács im Laufe einer Woche gefasst worden sein – markierte den Beginn jener »Entwicklung zum Kommunisten«, die Lukács kurz vor seinem Tod als »die größte Wendung« in seinem Leben bezeichnet hat.15 In der Kommunistischen Partei wurde Lukács sofort mit zentralen politischen Funktionen betraut. Zunächst wurde er zum Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift Internationale ernannt. Nach der Verhaftung führender Mitglieder der Partei wurde er Mitglied des Zentralkomitees. In einem kurzen Artikel vom Dezember 1918 ist erstmalig vom Bolschewismus als eigentlichem und einzigem Objekt und Adressaten seiner Überlegungen und Äußerungen die Rede. Er grenzt sich vom Opportunismus der Zweiten Internationale ab. Es geht ihm um einen revolutionären Sozialismus.

Der Titel »Der Bolschewismus als moralisches Problem«16 vom Dezember 1918 ist wichtig. Lukács interessiert sich in dem Beitrag weder für das Problem der praktischen Durchführbarkeit einer sozialistischen Machtergreifung noch für deren Folgen. Wichtig ist ihm die außerordentliche Bedeutung, die Unverzichtbarkeit einer bewussten Entscheidung für diese Perspektive sowie deren moralischen Aspekt. Das »Wollen ist ein so wichtiges Element der sozialistischen Weltanschauung, dass man es nicht entfernen kann, ohne den ganzen Bau in Gefahr zu bringen«. Dafür sprechen theoretische und praktische Probleme. Zum einen müsse die Marxsche Geschichtsphilosophie von seiner Soziologie getrennt werden. Der Klassenkampf sei eine soziologische Tatsache. Der Sozialismus hingegen müsse als das utopische Postulat der Geschichtsphilosophie angesehen werden. Das Wollen der neuen Weltordnung sei notwendig, es gehe über die soziologischen Gesetzmäßigkeiten hinaus und sei »aus diesen nicht ableitbar«.

Es ist nicht uninteressant, dass Lukács dies mit einer Kritik an Hegel und einem Plädoyer für Kant verbindet. Seine Befangenheit im Neukantianismus wird noch einmal deutlich. Der Hegelianismus habe dazu beigetragen, dass eben der genannte Unterschied zwischen Soziologie und Geschichtsphilosophie nicht wahrgenommen worden sei. Und wenn dieses Wollen das Proletariat zum sozialistischen Erlöser der Menschheit und zum »Erben der klassischen deutschen Philosophie« gemacht habe, so, weil im Proletariat der – »alle irdischen Abhängigkeiten vernichtende – ethische Idealismus zur Wirklichkeit geworden« sei, »mit dem Kant und Fichte die alte Welt – metaphysisch von Grund auf ändern wollten«. Zum anderen sei die bewusste moralische und weltanschauliche Entscheidung des Menschen unerlässlich, weil eine derartige weltgeschichtliche Wertveränderung sich nicht ohne Wertvernichtung vollziehen könne. Dies werde Bedauern auslösen, müsse an der Zielsetzung jedoch nichts ändern.

Und nicht nur das, Lukács stellt sich auch dem bei der praktischen Realisierung der sozialistischen Ideale sich einstellenden Problem, ob man »das Gute mit schlechten Mitteln, die Freiheit mit Unterdrückung erkämpfen« dürfe. Der moralische Charakter der Entscheidung ergebe sich daraus, dass es in diesem Klassenkampf nicht nur um die Interessen der Arbeiterklasse, sondern um die »Befreiung der ganzen Welt«, um die Aufhebung aller Klassenunterdrückung gehe. Die unmittelbare Verwirklichung dieses Ziels ist mit einem vielschichtigen Dilemma verbunden. Entweder, die Möglichkeit dazu wird sofort ergriffen, dann tritt die Herrschaft des Proletariats, die »letzte, skrupelloseste, unverhüllteste Klassenherrschaft« zutage. Dann muss man sich an »die Seite des Terrors und der Klassenunterdrückung stellen«. Kann man aber eine neue Weltordnung mit den verhassten Mitteln der alten Ordnung aufbauen? Oder entscheidet man sich für die neuen Methoden der »wahren Demokratie«? Dann müsse man damit rechnen, dass die »Mehrheit der Menschen diese Welt noch nicht will«. Dann müsse man so lange warten, »bis die Menschheit von sich aus das zustande bringt, was wir schon immer erstrebt und als die einzig mögliche Lösung erkannt haben«. Eine Verlangsamung des Tempos aber könne verheerende Wirkungen für den Verlauf der Revolution mit sich bringen. Ziele können sich verselbständigen und aus den Augen geraten, das Pathos des Wollens kann zurückgehen.

Die moralische Seite dieses Dilemmas ergibt sich daraus, dass in »beiden Entscheidungen furchtbare Sünden und die Möglichkeit maßloser Verirrungen verborgen sind, die man mit vollem Bewusstsein verantworten und auf sich nehmen muss«. Die »Wahl zwischen den beiden Stellungnahmen ist« daher für Lukács »eine Frage des Glaubens«. Man muss an das gute Gelingen der Möglichkeit, für die man sich entscheidet, glauben. Lukács sieht in der ersten – der bolschewistischen – Entscheidung ein »unlösbares moralisches Problem«. Sie basiere auf der metaphysischen Annahme, dass aus dem Schlechten Gutes stammen kann. Die Entscheidung für die Demokratie hingegen verlange zwar »außerordentlichen Verzicht und Selbstlosigkeit«. Dies sei jedoch keine unlösbare Aufgabe.

Endgültiger Bruch

Erwähnt sei ein weiterer, ebenfalls 1919 geschriebener Artikel, der einen selten klaren Blick auf Kernprobleme von »Geschichte und Klassenbewusstsein« eröffnet, auf die höchst umstrittene Frage des proletarischen Klassenbewusstseins und auf das Verhältnis zu Hegel. Er trägt die lange Überschrift: »Das Problem geistiger Führung und die ›geistigen Arbeiter‹«17, umfasst aber nur neun Seiten. Geistige Führung, so Lukács, könne nichts anderes sein als »Bewusstmachung der Entwicklung der Gesellschaft«, d. h. die klare Erkenntnis, dass die völlige Unabhängigkeit dieser Entwicklung vom menschlichen Bewusstsein ein bloßer Schein sei. Der allerdings könne nur solange bestehen, »bis diese blinden Kräfte durch diese Erkenntnis zum Bewusstsein erwacht sind«. An dieser Stelle fügt Lukács eine Fußnote ein, die für alle weitere Darstellung von Bedeutung ist. Zum ersten Mal erwähnt er in dem hier interessierenden Zusammenhang ein Begriffspaar, dem wir noch oft begegnen werden. Es heißt dort, der Begriff des Bewusstseins sei in der klassischen deutschen Philosophie aufgetaucht. »Bewusstsein bedeutet jenes besondere Stadium der Erkenntnis, in dem Subjekt und das erkannte Objekt in ihrer Substanz homogen sind.« Die Tatsache der Erkenntnis rufe in dem erkannten Objekt eine wesentliche Änderung hervor: Die in ihm schon früher vorhandene Tendenz wird »sicherer und kraftvoller«. Mit dem Unterschied zwischen Objekt und Subjekt verschwinde so auch der zwischen Theorie und Praxis. Die Theorie wird zur Aktion.

Die epochale Bedeutung der Theorie von Marx sei, dass ihr zufolge das Bewusstwerden der Gesellschaft in ihr selbst, »in ihr und einzig und allein in ihr verwirklicht worden ist«. Die Scheidung, der Dualismus zwischen Wirklichkeit und großen, utopischen Theorien habe in dieser Theorie keinen Platz. An diesem Punkt nun ist der Sprung der Gedankenentwicklung von Lukács zu Hegel bemerkenswert. Marx habe »das größte Erbe der Hegelschen Philosophie: den Gedanken der Entwicklung in dem Sinne, dass sich der Geist aus völliger Bewusstlosigkeit bis zum klaren Sich-Bewusstwerden einheitlich« entfalte, übernommen. Im Prozess der »einheitlichen Entwicklung der Gesellschaft« habe er »das sich selbst suchende und sich endlich findende Bewusstsein« erkannt. Auf diese Weise habe Marx die wirkliche bewegende Kraft der Weltentwicklung, den Klassenkampf, ins Bewusstsein gehoben. Das »durch die Lehre von Marx herausgebildete Klassenbewusstsein des Proletariats« sei der Beweis dafür, dass sich die wirklichen Bewegungsfaktoren der Geschichte »nicht wie Bestandteile einer Maschine ohne Bewusstsein (oder nach eingebildeten Motiven […]) betätigen«. »Der Geist, ja der Sinn der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit trat in dem durch den Marxismus geschaffenen Klassenbewusstsein aus dem Zustand der Bewusstlosigkeit heraus.«

Nicht ohne Pathos schließt Lukács den Artikel mit dem Satz: »Wir Marxisten glauben also nicht nur daran, dass die Entwicklung der Gesellschaft von dem so oft abgewerteten Geist geleitet wird, sondern wir wissen auch, dass es allein die Lehre von Marx ist, in der dieser Geist zum Bewusstsein wurde.« László Sziklai, einer seiner bis zuletzt engsten Mitstreiter, schrieb 1986: »Lukács’ theoretische Identifizierung mit der Bewegung war eine Entdeckungsreise. Ein langes qualvolles Auffinden. Das Auffinden der in der Geschichte der Philosophie nach Marx entstandenen, qualitativ neu entstandenen, qualitativ neuen Alternative.« Der »über die weitere Zukunft entscheidende Beitritt zur Partei« war »ein tief erlebter und durchdachter subjektiver Gestus«.18

Die Entscheidung zum persönlichen Handeln bedurfte aber auch einer gründlichen Selbstverständigung. Einer seiner Schüler, István Hermann, schrieb 1985: »Er ist vielleicht der einzige, jedenfalls der bedeutendste Denker, der aus der totalen Bankrotterklärung der bürgerlichen Welt die Folgerung zieht, dass es nicht genügte, nach einem theoretischen Ausweg aus der Krise zu forschen, man müsse auch nach einem praktischen Ausweg suchen.«19 Nicht wenige seiner Lehrer und bisherigen Mitstreiter, die durchaus eine ähnlich kritische Sicht auf diese Zeit hatten, waren von seinem Eintritt in die kommunistische Partei überrascht, schockiert. Freundschaften zerbrachen. Lukács hatte sich von der bürgerlichen Existenz losgerissen.

Anmerkungen

1 Georg Lukács: Theorie des Romans, München 2000, S. 10

2 Georg Lukács: Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog, Frankfurt am Main 1981, S. 254

3 Georg Lukács: Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas, in: Werke, Band 15, hrsg. v. Frank Benseler, Darmstadt, Neuwied 1981, S. 357

4 ebd., S. 362

5 Georg Lukács: Ästhetische Kultur, in: Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft, hrsg. v. Frank Benseler, Werner Jung, Bern 1996, S. 18

6 Gelebtes Denken, a. a. O., S. 80

7 Theorie des Romans, a. a. O., S. 137

8 Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein, in: Werke, Band 2, Frühschriften II, Neuwied/Berlin 1968, S. 12

9 Georg Lukács: Sein Leben in Bildern, Selbstzeugnissen und Dokumenten, zusammengest. v. Éva Fekete und Éva Karádi, Stuttgart 1981, S. 78

10 Éva Karádi, Erzsébet Vezér (Hrsg.): Georg Lukács, Karl Mannheim und der Sonntagskreis, Frankfurt am Main 1985, S. 249

11 ebd., S. 253

12 Georg Lukács: Briefwechsel 1902–1917, Stuttgart/Budapest 1982, S. 352

13 Theorie des Romans, a. a. O., S. 136 f.

14 Georg Lukács, Karl Mannheim und der Sonntagskreis, a. a. O., S. 158

15 Gelebtes Denken, a. a. O., S. 262

16 Georg Lukács: Der Bolschewismus als moralisches Problem, in: ders.: Taktik und Ethik, Politische Aufsätze I 1918–1920, Hrsg. v. Jörg Kammler; Frank Benseler, Darmstadt/Neuwied 1975, S. 29 f.

17 Geschichte und Klassenbewusstsein, a. a. O., S. 57

18 László Sziklai: Georg Lukács und seine Zeit, Budapest 1985, S. 176/173

19 István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und Wirken, Köln, Wien 1986, S. 80/78 f.

Erich Hahn: Lukács und der orthodoxe Marxismus. Eine Studie zu »Geschichte und Klassenbewusstsein«, Aurora Verlag, Berlin 2017, 191 Seiten, 15 Euro

Der Autor stellt sein Buch am heutigen Dienstag in der Ladengalerie von junge Welt (Torstraße 6, 10119 Berlin) vor. Moderation: Arnold Schölzel. Beginn: 19.00 Uhr. Um Anmeldung unter mm@jungewelt.de oder 0 30/53 63 55 56 wird gebeten.

Erich Hahn war von 1966 bis 1989 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED tätig und leitete das dortige Institut für marxistisch-leninistische Philosophie.

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