Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 5 / Inland

Malochen bis zum Tod

Frauen bekommen im Schnitt nicht einmal halb soviel Rente wie Männer. Immer mehr Menschen schuften bis ins hohe Alter

Von Susan Bonath
Demonstration_Reiche_39796507.jpg
Inzwischen wird sie nicht nur von Demonstranten, sondern auch von wirtschaftsnahen Instituten wie der Bertelsmann-Stiftung wahrgenommen: die Millionen künftiger Rentner drohende Altersarmut

Altersarmut trifft vor allem Frauen. Im Schnitt erhalten sie mit 47 Prozent nicht einmal halb soviel Rente wie Männer. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, über die Spiegel online am Sonnabend berichtete. Dies, obwohl in der Rechnung nicht nur die gesetzliche Rente, sondern auch betriebliche wie private Altersvorsorge und die Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes berücksichtigt ist. Grund für den enormen Unterschied sei, dass Frauen wegen Kindererziehung und Pflege von Angehörigen weit häufiger in Teilzeit oder in Minijobs arbeiten, hieß es. Doch selbst, wenn sie im gleichen Umfang erwerbstätig sind wie Männer, verdienen sie meist weniger.

Die Autoren einer Ende Juni veröffentlichen Studie der Bertelsmann-Stiftung kamen auf ähnliche Ergebnisse (siehe jW vom 27. Juni). Nur knapp 25 Prozent aller 44- bis 66jährigen Frauen seien aktuell vollzeitbeschäftigt, aber mehr als die Hälfte der Männer in dieser Altersgruppe. Für die gleiche Anzahl geleisteter Arbeitsstunden bekämen Frauen noch immer 22 Prozent weniger Lohn und später rund 30 Prozent geringere Renten. Unverheiratete Frauen tragen demnach das größte Risiko, im Alter zu verarmen. Ihnen fehlt die zusätzliche Rente eines Ehemannes. »Fast jede dritte alleinstehende Rentnerin könnte 2036 auf Grundsicherung angewiesen sein«, heißt es in der Studie.

Schon jetzt steigt die Zahl der Grundsicherungsbezieher kontinuierlich an. Laut Statistischem Bundesamt beantragten vor zwei Jahren 512.000 Rentner staatliche Leistungen, weil ihre Alterseinkünfte unter Hartz-IV-Niveau lagen. Im März 2017 waren es bereits 531.000 Ältere. Experten gehen davon aus, dass vermutlich noch einmal so viele Anspruch auf Zahlungen hätten, diese aber nicht in Anspruch nehmen. Ebenso rutschen immer mehr Erwerbsunfähige, also Kranke und Behinderte, in die Sozialhilfe. Die Zahl der Bedürftigen kletterte in den vergangenen zwei Jahren von 483.000 auf 507.000.

Die Regularien für die Anrechnung von Einkommen und Vermögen sind für Sozialhilfebezieher noch rigider als für Hartz-IV-Betroffene. Sie müssen jedes Vermögen über einem Wert von 2.600 Euro verwerten, um überhaupt Anspruch auf Grundsicherung zu haben. Das gilt auch für das eigene Haus, ein Auto oder Wertgegenstände. Auch Altersbezüge rechnen die Sozialämter vollständig an. Einen Freibetrag von 30 Prozent gewähren sie Betroffenen nur auf zusätzliches Erwerbseinkommen.

Inzwischen bessern immer Menschen in der Bundesrepublik ihre Rente mit einem Nebenjob auf. Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ging 2016 jeder neunte der 65- bis 74jährigen mindestens eine Stunde pro Woche einer Erwerbsarbeit nach (siehe jW vom 13. Juli). Das waren insgesamt 942.000 Männer und Frauen aus dieser Altersgruppe, mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Mehr als ein Drittel der Betroffenen lebte demnach hauptsächlich von diesen Einkünften.

Politik und Wirtschaft begründeten dies vergangene Woche mit einer vermeintlich höheren Mobilität, Agilität und Leistungsbereitschaft der Älteren. Matthias Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, hält die Behauptung für »zweifelhaft«. Er kann sich »nicht vorstellen, dass sich dies binnen zehn Jahren verdoppelt haben soll«. »Hier sehen wir vielmehr die Folgen des sinkenden Rentenniveaus«, kommentierte er die Statistik. Und: »Es ist in erster Linie die Politik der Bundesregierung, die immer mehr Menschen dazu treibt, selbst im Rentenalter noch an der Werkbank oder hinter der Ladentheke zu stehen.«

Die Forscher der Bertelsmann-Stiftung gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2036 sieben Prozent aller Neurentner so geringe Altersbezüge haben werden, dass sie auf Grundsicherung angewiesen sein werden, wenn sie nicht nebenbei arbeiten. Schon jetzt sind mehr als fünf Prozent aller Ruheständler davon betroffen. Weiter schätzen die Autoren der erwähnten Studie, dass schon in 15 Jahren ein Fünftel aller 67jährigen »von Armut bedroht« sein wird. In diese Kategorie fallen derzeit alle, deren Einkünfte unter 958 Euro monatlich liegen.

Den Vorschlag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die Absenkung des Rentenniveaus auf 46 Prozent zu begrenzen und dafür den Beitragssatz auf 25 Prozent des Bruttolohns anzuheben, halten die Forscher für einen Tropfen auf den heißen Stein. Auch für die von der SPD vorgeschlagene »Solidarrente« knapp über Sozialhilfeniveau wären mindestens 35 Erwerbsjahre nötig, sie habe »den Effekt von praktisch null«.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland