Aus: Ausgabe vom 11.07.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Die Wut der Patienten

Cannabisgesetz: Kassen weigern sich vielfach, für Behandlung zu zahlen. Schwerkranke drängen, die Heilpflanze vollständig ­freizugeben

Von Gitta Düperthal
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»Marihuana in Tablettenform hilft mir nicht«: Frank-Josef Ackerman darf legal Cannabis anbauen

Seit dem 6. März ist Cannabis für Patienten auf Rezept erhältlich, zumindest theoretisch. Doch Ärzte verschreiben die Heilpflanze vielfach nicht, Krankenkassen wollen sie nicht finanzieren. Es sind zwiespältige Erfahrungen, die viele Schwerkranke derzeit machen. Zum Beispiel Ingrid Wunn, Fraktionsvorsitzende der Linken im Ortsbeirat Ginnheim, Eschersheim, Dornbusch in Frankfurt am Main. Das neue Gesetz müsse auf den Müll, sei unpräzise, helfe nichts, empörte sie sich am Dienstag gegenüber junge Welt. Sie muss es wissen. Wunn leidet unter zerebraler Ataxie, einer Krankheit, die Symptome wie bei multipler Sklerose und Parkinson hervorruft. Dabei habe die Pflanze gute Wirkung: »Wenn ich bekifft bin, kann ich 1.000 Meter laufen – nicht nur 200 wie sonst. Ich habe keine Schmerzen mehr, die Wadenmuskulatur entspannt sich.« Viele Leute, die schwerkrank sind und ein Anrecht darauf hätten, die Heilpflanze Cannabis zur Linderung einzunehmen, seien gar nicht in der Lage, sich mit der ganzen Bürokratie auseinanderzusetzen. »Die Patienten sind die Verarschten«, sagt Wunn. »Zuerst gilt es, einen Arzt zu finden, der ein Rezept schreibt, dann, den Ärger mit der Kasse auszufechten. Es sei denn, Du triffst auf einen verständigen Sachbearbeiter.« 2003 hatte sie die Hanf-Initiative Frankfurt am Main gegründet, sich aktiv für die Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel eingesetzt. Geändert habe sich seither nichts. »Meiner Meinung nach grenzt es an unterlassene Hilfeleistung, wenn Kassen die Kosten nicht übernehmen wollen.« Ingrid Wunn hält es mit der praktischen Umsetzung weiterhin so: »Ich kiffe, und es ist auch gut so.«

Er könne sich vorstellen, dass der Gesetzgeber nun nachbessert, meinte Franjo Grotenhermen, Arzt und Vorsitzender der »Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin«, gegenüber jW. Immerhin habe der Bundestag einstimmig für das Gesetz votiert und festgelegt, wann Kassen zahlen müssen und wann nicht. Auf die Expertise und Meinung des Arztes sei Wert gelegt worden. Aber nur etwa 50 Prozent der Kassen hielten sich daran, übernähmen die Kosten. »Ob ein Patient Cannabis verordnet bekommen muss und wie es bei ihm wirkt, kann aber niemand vom Schreibtisch aus beurteilen, wenn er ihn gar nicht gesehen und behandelt hat.« Nun redeten sich die Kassen heraus: Die Datenlage sei schlecht, es gebe nicht genug Studien. Ärzte wollten Cannabis mitunter nicht verschreiben, weil ihnen das nötige medizinische Wissen zum komplexen Sachthema fehle oder sie Angst vor Regressforderungen der Kassen hätten. Durch die »unangemessenen Preissteigerungen für Cannabisprodukte nach Inkrafttreten des Gesetzes« sei das noch verstärkt worden, meint Grotenhermen. Monetäre Gründe seien ausschlaggebend für die Haltung der Kassen. Ein Teufelskreis: Dass eine maßlose Verteuerung nach Verabschiedung wie in den letzten Monaten kommen würde, sei wohl dem Gesetzgeber nicht klar gewesen. Nach Grotenhermen könnte alles einfach sein: »Wer Tomaten züchten kann, kann auch Cannabis anbauen. Wäre die Heilpflanze nicht verboten, wäre sie leicht verfügbar.« Mit welchen Argumenten dürften Regierungen ihren Bürgern verbieten, sich dieses Heilmittels zu bedienen, fragt er.

Bislang hätten nur zwei Patienten in der ganzen Republik eine Sondergenehmigung zum Anbau. Daneben gebe es einige, die vom Vorwurf des illegalen Cannabisgebrauchs durch Gerichte freigesprochen wurden; »weil sie es aus Notstandsgründen machen müssen, wegen ihrer Gesundheit«. Einer seiner Patienten habe es per Selbstanzeige geregelt: Er baue selber Cannabis an, ob es sich denn in seinem Fall um einen Strafverstoß handele? Der Prozess habe sich jahrelang hingezogen und mit einem Freispruch geendet.

Frank-Josef Ackerman aus Nieder-Rodenbach durfte nach jahrelangem Kampf um die Ausnahmegenehmigung zum Eigenverbrauch Cannabis anbauen. Er leidet unter einer schmerzhaften Polyarthrose und einem posttraumatischen Belastungssyndrom, weil er bis 2008 für das US-Militär fast 20 Jahre lang in Irak, Afghanistan und Somalia war. Der 47jährige Schmerzpatient hatte Beschwerde eingereicht – erst vor dem Amtsgericht in Darmstadt, dann vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Karlsruher Richter gaben ihm Anfang 2015 recht: Aufgrund seiner schweren Krankheit und seiner Mittellosigkeit sei der Eigenanbau in seinem Fall zu rechtfertigen, so ihr Urteil. Seit Beginn des Jahres 2017 züchtete Ackerman mit offizieller Anbaugenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte Cannabis. Vor wenigen Tagen, am 30. Juni, wurde seine Genehmigung nicht verlängert. Er klagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) an: »Hatte er keine Kinderstube und gelernt, dass man Schwachen und Kranken hilft – sie nicht schikaniert und von der Polizei verfolgen lässt?« empörte er sich am Dienstag vergangener Woche gegenüber jW. Schämen solle sich der Minister. »Marihuana in Tablettenform oder das Rezepturarzneimittel Dronabinol helfen mir nicht«, sagt er. Er brauche die ganze Pflanze. Abgesehen davon, sei er in den vergangenen Monaten bei vielen Ärzten gewesen, keiner habe ihm die Substanz verschreiben wollen. Mit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse klappe es auch nicht. »Ich gehe wieder bis zum Bundesverfassungsgericht«, schimpft Ackerman.

Hintergrund: Cannabis, die Breitbandmedizin

Cannabis wirkt durch ein breites pharmakologisches Potential wie keine andere Pflanze auf der Welt, so der Arzt Franjo Grotenhermen. Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), so heißt der Wirkstoff, der in der Pflanze enthalten ist, habe ein breites Spektrum von etwa 50 Indikationen: »Es gibt keine andere Substanz auf der Welt, die zugleich Schmerzen lindert, Muskeln entspannt, Appetitlosigkeit und Übelkeit hemmt, gegen das Tourette-Syndrom und Depressionen wirkt, etc.«. Einige valide Studien hierfür gibt es: Hanf kann unter anderem zur Therapie von Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust bei AIDS angewendet werden, zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie in der Krebsbehandlung, bei neuropathischen Schmerzen bei multipler Sklerose. Da Cannabis für so viele Indikationen gut ist, würde es Jahrzehnte dauern, bis für jede ausreichend Daten vorhanden sind. Jetzt will man mit dem Gesetz zeigen, dass man die Heilwirkung zumindest als Ausnahme anerkennt. Bislang galt es, die Bevölkerung vor dem Schaden von Betäubungsmitteln zu schützen. Doch wenn es sich um Schwerkranke handelt, kann das nur pervertiert werden. Cannabisblüten helfen nicht nur wie Opiate gegen Schmerzen, sondern auch bei anderen Krankheitssymptomen. (düp)

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