Aus: Ausgabe vom 11.07.2017, Seite 11 / Feuilleton

Ohne Gnade

Die Moskauer Wanderausstellung »Kinder und Krieg« im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst

Von Jana Frielinghaus
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Unter Aufbietung aller Kräfte wurden für Kinder Feste organisiert - wie diese Neujahrsfeier für kleine Verletzte in einem Leningrader Krankenhaus in der Zeit der faschistischen Belagerung

Ein bemerkenswerter Vorgang in Zeiten, in denen die deutsch-russischen Beziehungen zumindest auf politischer Ebene faktisch nicht mehr existent sind – und beschämend zugleich, dass dies als Besonderheit hervorgehoben werden muss: Ein Berliner Museum übernimmt unkommentiert eine in Moskau kuratierte Ausstellung, ihre Texte sind lediglich sorgfältig ins Deutsche übersetzt worden. Getan hat es das das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst – es ist der Ort, an dem Vertreter des Hitlerregimes am 9. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde unterzeichneten, zu sehen ist dort unter dem Titel »Kinder und Krieg«, was Waffengänge im allgemeinen und der barbarische Feldzug gegen die Sowjetunion 1941 bis 1945 für die jüngsten, die verletzlichsten Menschen bedeutet. Erstellt wurde sie vom Moskauer Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges, das ein Partner des Hauses in Karlshorst ist.

Weißhaarige Kinder

Für Millionen Kinder der Sowjetunion brachte der Krieg den Tod. Denn 27 Millionen der insgesamt mehr als 60 Millionen direkten Opfer des Weltkriegs 1939 bis 1945 waren Bürger des Vielvölkerstaates, mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten. Rund 10.000 Dörfer und Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner Hunderter Orte bei lebendigem Leibe in Scheunen oder Kirchen verbrannt. Die wenigen, die solche Massaker überlebten, hatten Eltern, Kinder, Geschwister und andere Verwandte verloren, waren schwerst traumatisiert. Viele Augenzeugen erzählten von Kindern, deren Haar über Nacht schlohweiß geworden war.

Kinder wurden wie Erwachsene in Vernichtungslager wie Auschwitz gebracht. Die Neugeborenen von Zwangsarbeiterinnen wurden nur wenige Tage alt, gestorben »an Lebensschwäche«, wie es auf Karteikarten meist formuliert wurde, von denen einige in Karlshorst zu sehen sind.

Das Hitlerregime wollte so viele Menschen wie möglich umbringen, das war Teil seines »Generalplans Ost«. Es dürfte keinen so bitter und unter so großen Opfern erkämpften Sieg geben wie den weitgehend allein von der Roten Armee und ihren Kombattanten errungenen gegen die faschistische Barbarei.

Insbesondere den letzteren, den Partisanentrupps in den Wäldern, schlossen sich damals zahllose Kinder und Jugendliche an. Der Eintritt in die Armee wurde unter 18jährigen strikt untersagt, etliche schafften es mit allen möglichen Tricks trotzdem, vor Erreichen der Volljährigkeit Soldat oder Soldatin zu werden. Der unglaubliche Kampfgeist der Jugend, der Wille zur Verteidigung des Vaterlands, dürfte einerseits damit zu tun gehabt haben, dass schon früh sehr, sehr viele den Vater verloren hatten und dass sie von verwundeten Angehörigen von den Greueltaten der Faschisten erfahren hatten.

Den Jugendlichen, die, oft bewusst das eigene Leben opfernd, gegen die Invasoren kämpften, ist ein erheblicher Teil der insgesamt kleinen Ausstellung gewidmet. Porträtzeichnungen zeigen Leninpioniere mit ihren roten Halstüchern, die mit höchsten Auszeichnungen geehrt wurden – oft posthum, so wie Sina Portnowa, Aufklärerin und Partisanin, der der Titel »Held der Sowjetunion« verliehen wurde. Die Deutschen, die sie gefangennehmen wollten, und sich selbst sprengte sie mit einer Handgranate in die Luft.

Kinderarbeit für die Rüstung

Die Kindheit war mit Kriegsbeginn auch für diejenigen zu Ende, die im »Hinterland« hungerten und harte Arbeit leisteten, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und das Überleben zu sichern. Viele Kinder schufteten in Fabriken, nicht zuletzt in der Rüstungsindustrie, andere kümmerten sich um verwundete Soldaten. Wiktor Gecht, ein Waise, der als Zwölfjähriger sozusagen von der Roten Armee adoptiert worden war und zunächst als Hilfspfleger im Feldlazarett, später als Melder und Bote tätig war, schrieb später: »Ich versichere allen, dass es im Krieg keine Kinder gibt. Die, die den Krieg überstanden hatten, verabschiedeten sich für immer von ihrer Kindheit und kehrten auch nicht zu ihr zurück.«

Es gab auch eine kleine Gruppe ausländischer Mädchen und Jungen in der Sowjetunion. Ihre Eltern waren zum Beispiel europäische Kommunisten, Sozialisten, Antifaschisten und als solche inhaftiert oder ermordet worden, unter ihnen auch Deutsche. Ihnen ist ebenfalls ein Teil der Ausstellung gewidmet. Für solche Kinder war bereits 1933 in Iwanowo, einer Industriestadt 250 Kilometer nordöstlich von Moskau, auf Initiative der Internationalen Arbeiterhilfe ein Heim gegründet worden. 1942/43 wurden dort 285 Kinder betreut. Etwa 30 ehemalige Zöglinge der Einrichtung waren zur Ausstellungseröffnung am 22. Juni, dem 76. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, gekommen. Die 80jährige Inge Glesel ist eine der jüngsten von ihnen, und sie schilderte an diesem Abend, wie diese Kinder im Krieg arbeiteten, hungerten und weiterlernten, im Lazarett aushalfen – und begierig auf Nachrichten von der Front warteten. Der Jubel sei unbeschreiblich gewesen, als der Krieg endlich vorbei war, sagte Glesel.

Tod im Klassenzimmer

In den Kriegswintern habe es permanent an Lebensmitteln und Brennstoff gemangelt. »Wir haben immer gefroren.« Auf Ackerland, das von einer Kolchose bereitgestellt worden war, hätten die Kinder für die Eigenversorgung Kartoffeln und Gemüse angebaut. Sie arbeiteten außerdem in zu Lazaretten umfunktionierten Schulen als Sanitäter, die Kleinsten übten Gedichte und Lieder ein, um die Verletzten mit kleinen Aufführungen zu erfreuen. Viele Jungen und Mädchen hätten sich freiwillig an die Front gemeldet, seien aber nicht genommen worden, solange sie nicht volljährig waren. Und doch wurden viele Soldat: »18 haben ihr Leben gegeben.«

Ein Kapitel der Ausstellung erinnert an die rund 400.000 Kinder, die sich in Leningrad befanden, als die Nazis im September 1941 den Blockadering um die Stadt schlossen. Viele starben in den folgenden fast zweieinhalb Jahren der Belagerung, deren Ziel das Aushungern der Bevölkerung war, sowohl an den Folgen der Unterernährung als auch durch Bombardements und Beschuss mit Granaten. Viel ist über das Leid der Menschen dieser Stadt geschrieben worden, und doch macht es stets von Neuem fassungslos, wird man daran erinnert. Unter größten Anstrengungen versuchten die Leningrader dennoch, so etwas wie einen geregelten Alltag mit Feiern und Schulunterricht aufrechtzuerhalten, auch hier mussten die Kinder wie Erwachsene arbeiten. Sie »starben nicht nur zu Hause und auf dem Weg zur Schule, sondern auch direkt in den Klassenzimmern«, ist auf einer der Tafeln zu lesen. Unter diesen Bedingungen zu lernen sei »eine Heldentat« gewesen.

Der erklärte Wunsch der Austellungsmacher, dem sich Museumsdirektor Jörg Morré bei der Vernissage anschloss: deutlich zu machen, dass sich solche Tragödien niemals wiederholen dürfen – und dass dafür alles Menschenmögliche getan werden muss. Es bleibt zu hoffen, dass dies gehört wird in einer Welt, in der längst wieder Hunderttausende Kinder unter Krieg und Gewalt oder ihren Folgen leiden.

Kinder und Krieg. Eine Ausstellung des Moskauer Zentralmuseums des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945 . Bis zum 31. August im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, Zwieseler Str. 4, geöffnet Di.–So. 10–18 Uhr

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