Aus: Ausgabe vom 11.07.2017, Seite 12 / Thema

Geschlagen, aber nicht am Ende

Vorabdruck. Erich Honecker schreibt an seine Unterstützer. Briefe aus dem Gefängnis

Von Erich Honecker
Die offizielle Geschichtspolitik in der Bundesrepublik möchte po
Die offizielle Geschichtspolitik in der Bundesrepublik möchte positive Erinnerungen an den zweiten deutschen Staat auslöschen

Am 17. Juli erscheint im Berliner Verlag Edi­tion Ost der Band »›Liebe Eva‹. Erich Ho­neckers Gefängnisbriefe«. Der Band versammelt vor allem Briefe an die westdeutsche Lehrerin Eva Ruppert (geb. 1933), die sich seit 1992 im Solidaritätskomitee für den ehemaligen Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands engagierte und diesen auch mehrmals im Gefängnis besuchte. Die Redaktion präsentiert im folgenden eine Auswahl teilweise gekürzter Briefe. Wir danken Eva Ruppert und dem Verlag Edition Ost für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Erich Honecker  an Vertraute aus dem Saarland

Beelitz¹, den 24. Januar 1991

Liebe Genossen aus der saarländischen Heimat,

dass ich mich über Eure Grüße besonders gefreut habe, könnt Ihr Euch sicher denken. Es ist gut, dass Ihr, wie es sich für uns Kommunisten gehört, Euren Optimismus bewahrt. Niederlagen sind hart, und die zeitweilige Niederlage des Sozialismus in ganz Osteuropa und der Verlust der DDR wiegen besonders schwer. Aber auch ich bin sicher, es werden daraus in Deutschland und in der ganzen internationalen kommunistischen Bewegung neue Kräfte erwachsen.

Nichts war umsonst. 40 Jahre Sozialismus sind nicht aus der Weltgeschichte wegzuwischen, auch wenn es manchen jetzt so scheint. Da bleibt etwas von Erfahrungen. Jetzt, wo die Enteignungen rückgängig gemacht werden, das heißt den Arbeitern und Bauern wieder genommen wird, was sie sich rechtmäßig nahmen von denen, die es unrechtmäßig besessen haben, die die Arbeiter und Bauern ausbeuteten und es jetzt wieder tun werden, und die letztlich, weil sie im Besitz der Großindustrie waren (oder sind), um ihrer Profite willen immer wieder Kriege vom Zaun brechen, werden die Menschen langsam begreifen, dass es keinen anderen Weg gibt als den, den Kapitalismus zu überwinden.

Aber ohne zielklare Partei wird es nicht gehen. Es gibt viele Wege zum Ziel, aber einen »dritten Weg« gibt es nicht. Das ist nun geschichtlich erwiesen.

Ich hoffe sehr, dass sich die Lebensumstände für meine Frau und mich in diesem Jahr verbessern. Von der deutschen Klassenjustiz erwarte ich nichts. Wenn es nach Recht geht, so kann kein Gericht der BRD Recht sprechen über den ehemals als souverän anerkannten deutschen Staat, die DDR, und dessen Staatsoberhaupt. Aber es geht zur Zeit offensichtlich nach dem Motto: Der »Sieger« richtet über den »Besiegten«. Schade, dass ich nicht mehr jung und gesund bin. Aber den Kopf behalten wir oben.

Ich hoffe und wünsche, dass Ihr Erfolg in Eurer Arbeit habt und grüße Euch mit unserem

sozialistischen Gruß

Erich Honecker

Margot Honecker an Eva Ruppert 

Moskau, im Juni 1991

Liebe Genossin Eva Ruppert,

Deinen Brief vom 1. Mai haben wir mit Freude erhalten. (…) Wir haben uns gefreut über Deine Verse und über Deine Schilderungen von Deiner »Kleinarbeit«, den doch so notwendigen Aktivitäten. Je schwerer die Niederlage, umso mehr muss man sich in der Tat aufraffen, etwas zu tun. Nichts bewegt sich von selbst.

Es werden mehr und mehr werden, die zu dieser Erkenntnis kommen – nicht gleich, aber es wird sein. Es macht nur traurig, wenn man nicht dabeisein kann.

Erich geht es bedeutend besser als zu Beginn des Klinikaufenthaltes. Wir versuchen, zumindest unsere Gesundheit zu stabilisieren, dann lässt sich anderes leichter wegstecken. Wir machen uns natürlich große Sorgen um alle unsere Genossen und Freunde, um die Entwicklung in Deutschland.

Die ganze fortschrittliche und Arbeiterbewegung muss ob der Niederlage, der Offensive des Weltimperialismus, tief durchatmen, und sie wird neue Kräfte sammeln. Es bleibt nichts, wie es ist. Der Verlauf der Geschichte vollzieht sich weiter nach objektiven Gesetzmäßigkeiten, es wird sich erweisen, dass der alte Marx die Dinge richtig gesehen und interpretiert hat.

Wir wünschen Dir auch weiterhin Mut und Zuversicht.

In sozialistischer Verbundenheit die Honec kers

Margot H.

Erich Honecker an Eva Ruppert

Berlin, den 7. August 1992 

Liebe Genossin Eva,

herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, für Deinen Gruß, Deine ermutigenden Worte. Ich verspüre in ihnen die Empörung über das, was nun doch eingetreten ist, und zugleich den Optimismus, der unseren Weg stets begleitete. Wenn ich Deine Zeilen lese, denke ich immer an Erich Weinert .²

Von Moskau aus hatte ich Dir noch auf Deinen letzten Brief geantwortet. Und jetzt bin ich da, wo mich die Gestapo vor 57 Jahren eingeliefert hat.³ So ist es, Eva. Was ich darüber 1991 dachte, haben die Genossen im Taschenbuchverlag herausgebracht.4

Was ich jetzt denke? Ich glaube, es müsste bei manchen auch der letzte Zweifel, der 1989/90 so viele plagte, verlorengegangen sein. Mir war dies nicht 1985, aber doch schon 1986 klar. Der »große Reformer« hat dies zwar bewusst vernebelt, doch wenn man 1987 durch die Straßen von Moskau ging, hörte man, um mit Goethe zu sprechen, nicht nur die Steine davon reden.

Eva, ich glaube, ich muss meinen Brief jetzt beenden. Ich freue mich schon auf den nächsten Brief von Dir.

No pasarán, venceremos

Erich

Eva Ruppert an Erich Honecker

Bad Homburg, den 27. August 1992 

Lieber Genosse Erich,

(…) Es war eine übergroße Freude, Dich zu sehen und zu sprechen und zugleich die Erschütterung und Anspannung zu erleben. (Ich hoffe, dass Dich unser Besuch und das Gespräch nicht zu sehr angestrengt haben.)5

Die ganze Nacht danach war ich auf dem Alexanderplatz unter dem Fernsehturm mit seinen Funklichtern unterwegs und beneidete die Pfleger und Schwestern, die um Dich sein können. Beim Abschied war mir, als dürfe ich Dich nicht loslassen. Dass ich so ohnmächtig bin, will mir nicht in den Kopf.

In Berlin habe ich Freunde gefunden, großartige Menschen. Es ist wie Heimat für mich. Und die Genossen dort kämpfen. Hans6 erinnerte mehrmals an das Goethe-Wort: »Du musst steigen oder sinken, / Du musst herrschen und gewinnen / Oder dienen und verlieren, / Leiden oder triumphieren, / Amboss oder Hammer sein.«

Ja, Hammer wollen wir sein, nicht Amboss.

Deinen langen Brief aus Moskau erhielt ich erst nach meiner Kuba-Reise, da hatte ich gerade die furchtbare Nachricht7 auf dem Flughafen gelesen. Daher war der Brief eine kleine Ermutigung und ein Trost. Er war lange unterwegs. Ich habe ihn tagelang immer wieder gelesen und lese ihn auch jetzt noch oft, bevor ich einschlafe. Fast kann ich ihn auswendig. (…)

Deine Stellungnahme zu den Moskauer Ereignissen, von der Du während unseres Besuches sprachst,8 ist richtig und wichtig. Und die Kriege in den zerfallenden Republiken sind die Konsequenz des Zusammenbruchs bzw. der Konterrevolution. Was würde Lenin dazu sagen? Er würde vielleicht gar nichts sagen, sondern handeln. (…)

Es fällt nur schwer, unter Kontrolle zu stehen und zu schreiben. Nicht dass ich mich fürchte, aber es stört die Gedanken, und man fühlt sich nicht frei. Was ist Freiheit? Goethe schrieb: »Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.« Das ist sehr wahr. Aber die äußere Unfreiheit schränkt eben auch die innere Freiheit ein. Ich hoffe nur, dass Du genug frische Luft hast und Bewegung.

Es tut mir so leid, dass ich die Plastik »Lesender Arbeiter«, die ich für Dich gemacht habe, Dir nicht geben konnte. Diese sowie zwei Bilder liegen jetzt bei Werner9 in Berlin. Vielleicht kannst Du sie nach und nach über den Richter bzw. den Rechtsverwalter anfordern? So sagte man mir im Gefängnis.

Sicher hast Du die Fernsehsendung am 25. August10 gesehen und hoffentlich Margots Erklärung gehört. Ich will Ihr gleich schreiben und berichten. (…)

Erich Honecker an Eva Ruppert

Berlin, den 5. Oktober 1992

Liebe Eva,

am Freitag  habe ich von Dir zwei Briefe erhalten. Ich wollte Dir sofort antworten, aber dann habe ich es nicht fertiggebracht, obwohl ich wusste, obwohl ich fühlte, dass ein Brieflein von mir von Dir erwartet wurde. Du hast bestimmt auf einen Brief von mir so gewartet wie ich auf einen Brief von Dir. Ja, und dann, schimpfe nicht allzu sehr auf mich, habe ich es doch sein lassen. Ich musste erst Sicherheit haben über mich – nicht über meine Gedanken, über das, was man Gesicht nennt, über meine Gefühle, meine Gesundheit und den Grund meiner Erkrankung.

Heute weiß ich es nach allen Untersuchungen, es kann schnell mit mir zu Ende gehen, aber auch eher langsam. So ist es, liebe Eva, alles kann man mit eisernem Willen doch nicht bezwingen – den Krebs, der in mein Leben eingreift, schon gar nicht. Wenn ich ein Christ wäre, würde ich sagen: Alles andere liegt bei Gott.

Das zu schreiben fiel mir schwer, solange ich noch keine Gewissheit hatte. Ich wollte es Dir schon jetzt mitgeteilt haben, damit Du die Nachricht von mir, aus erster Hand, und nicht entstellt durch die Medien erfährst, die in dieser Frage schon so oft Schlagzeilen gemacht haben, welche nicht stimmten. Aber diesmal wird es stimmen, und die Nachrichten können Dich nun nicht mehr irritieren. Deshalb jetzt auf Papier, was mir und Dir Kummer bereitet. (…)

Deine Briefe, die hier angekommen sind, sammle ich alle in einem Hefter, meine haben ein Datum, und stets habe ich darauf vermerkt, welche ich von Dir wann erhalten habe. Also keiner Deiner Briefe ist verlorengegangen. Deine Briefe bereichern meine Gedanken und Gefühle. Ich möchte gern mehr von Dir und Deinen Schülern erfahren. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Genuss ist. Die Federzeichnung aus Deiner Hand von Saarbrücken – ein schöner Gruß, das Gedicht (…).

Heute sagte mir der Professor, dass nicht die vergangenen Tage wichtig seien, sondern die, die einem noch zur Verfügung stehen. (…)

Erich

Ich hoffe, dass Du meine Schrift lesen kannst, aber ich kann nicht anders.

Erich Honecker an Eva Ruppert

Berlin, den 21. Oktober 1992

Liebe Eva,

Du wirst bestimmt auf einen Gruß von mir warten, einen schriftlichen, denn die anderen sind, wie Du weißt, ja immer zu Dir unterwegs.

Gestern habe ich nun Deinen Brief erhalten. Er liegt jetzt neben mir und will offensichtlich prüfen, ob ich die richtigen Worte auf die Deinen finde. Mir ging es nach Deinem Besuch so wie Dir. Ich hatte Sorge, ob es richtig war, Dich so mit meinen Dingen zu überfallen.¹¹ Aber einmal musste es ja auch sein, und da die Presse gegenwärtig, was das Gutachten betrifft, mehr weiß als ich, ist es gut, dass Du wenigstens weißt, was Dichtung und was Wahrheit ist. Die Wahrheit, die dann bleibt, ist ja auch keine gute. Weißt Du, der Gedanke, dass ich an meiner Verteidigung, an der Verteidigung der DDR durch die Krankheit, das heißt durch Schwäche gehindert werde, das macht mir große Sorge.

Gestern, so nach 22 Uhr, erhielt ich die Nachricht, die Du inzwischen auch kennst. Also nun ist die Hauptverhandlung für den 12.11.1992 angesetzt, um wohl den Wettkampf mit dem Tod zu gewinnen.¹² Das Dumme ist, ich weiß nicht, ob dem so sein wird. Die Experten wissen das wohl auch nicht. (…)

Übrigens, Daniel Ortega¹³ war da. Das war eine große Überraschung und Freude. Dort hat man die DDR nicht vergessen. Es wächst eine Generation von Sandinisten heran, die lesen und schreiben kann. Auf diesem und anderen Gebiet war die DDR eine große Hilfe, wie er sagte. Ich denke, unsere Freunde und Genossen waren auch über Ortegas Besuch erfreut, als sie diese Nachricht hörten. Die Solidarität ist eben eine große Sache. (…)

Es freut mich, das muss ich Dir sagen, dass Du Dir so viele Bücher kaufen konntest. Bin gespannt auf die Diskussion. Auf die Fragen Deines Sohnes und Deiner Schüler auch.

No pasarán!

Erich

Erich Honecker an Eva Ruppert

Berlin, den 22. November 1992

Liebe Eva,

Glück muss man haben. Ich bekam am Freitag gleich zwei Briefe von Dir. Am liebsten hätte ich sofort zurückgeschrieben, um Dir das zu melden. Da ich die Post aber erst morgen abgeben kann, schreibe ich Dir jetzt nach dem Frühstück am Sonntag. (…)

Am 16. November war der zweite Verhandlungstag. Es ist gut, dass Du weißt, wie alles abläuft.

Weißt Du, Verhandlungsunfähigkeit wäre für mich keine reine Freunde, aber wie es jetzt ist, ist es auch keine. Die ganze Sache fängt an, makaber zu werden.

»Die Bilanz der 40jährigen Geschichte der DDR sieht anders aus,
»Die Bilanz der 40jährigen Geschichte der DDR sieht anders aus, als sie von den Politikern und Medien der BRD dargestellt wird. Der wachsende zeitliche Abstand wird das immer deutlicher machen.« – Erich Honecker am 3.12.1992 vor dem Berliner Landgericht

Jetzt wird eine erneute ärztliche Untersuchung stattfinden. Man will das Datum, den Termin wissen, wann ich sterbe. Das hält der stärkste Mann nicht aus, obwohl ich ja schon einiges durchgemacht habe in den letzten drei Jahren. Seit Juli 1989 bin ich von einem Krankenhaus ins andere Krankenhaus gekommen. Nur kurz konnte ich Erholung finden an den Ufern der Moskwa. Und jetzt hier im Gefängniskrankenhaus. Ich muss doch gehegt und gepflegt werden für den Schauprozess, obwohl Schäuble14,  mein früherer Verhandlungspartner, und dessen Büro sagte, es sei keiner. Nun, er muss es wissen. Vom Rechtsstaat keine Spur. Jedenfalls muss die Volksseele kochen, muss am Kochen gehalten werden. (…)

Wir haben der DDR und dem Sozialismus gedient, dem schönsten Abschnitt in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Im übrigen, liebe Eva, sei nicht traurig. Mir hat der Schwächeanfall, der Kreislaufkollaps, auch nicht gefallen, dem Arzt auch nicht. Was soll man machen, es muss weitergehen. Sagen möchte ich Dir, dass es mich sehr freute, als ich Dich im Saal sah. Die Presse hat das ja auch registriert. Aber das macht nichts.

Das Wichtigste ist, dass wir nicht umsonst gelebt haben. Das steht aber schon heute fest, es wird noch in die Zukunft wirken. Ich hoffe, dass mir noch Kraft bleibt, um durchzuhalten. (…)

Nun, meine Liebe, ich muss Schluss machen für heute.

Ich denke an Dich und umarme Dich

Erich

Erich Honecker an Eva Ruppert

Berlin, den 27. November 1992

Liebe Eva,

sei nicht traurig, wenn es mir mal nicht so gut geht wie gestern. Ich habe an Dich gedacht. Du darfst Dir nicht so viele Sorgen machen. Weißt Du, die Krankheit hat mich nun mal in ihrem Griff. Ich muss sehen, dass ich mit ihr fertig werde.

Einige gute Sachen, schöne Sachen, kann ich Dir mitteilen. Deine Musik begleitet mich, sowohl von Antonio Vivaldi als auch von Bach. Wie Du siehst, mache ich Fortschritte.

Gestern hatte ich plötzlich Besuch von Florakis15. Er war mit zwei seiner Freunde hier. Es war für mich ein großes Erlebnis. Ich habe meinen griechischen Freunden viele Grüße aufgetragen und meinen großen Dank für ihre Solidarität mit nach Griechenland gegeben. In den nächsten Tagen kommt Gladys Marín16 zu mir. Grüße wurden mir auch aus Frankreich übermittelt. Siehst Du, Eva, es ist schön, wenn man in der ganzen Welt Freunde hat. Von den 100.000 Teilnehmern der Kundgebung in Moskau17 wurden mir solidarische Grüße übermittelt. Von überall kommen Grüße der Solidarität. Das tut wohl. (…)

Ich versuche, Ruhe zu finden, finde sie aber nicht. Glaube, dass ich hier nicht mehr herauskomme. Solche Gedanken hatte ich 1935–1945 nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Die zehn Jahre gingen vorbei, ich war wieder da – als neuer Mensch. (…)

Ich grüße und umarme Dich

Erich

Margot  und Erich Honecker an Eva Ruppert

Santiago, den 29. Januar 199318

Liebe Eva,

ich stehe in Deiner Schuld, mindestens sechs liebe Briefe von Dir blieben ohne Antwort von mir. Aber Du hast ja alles sehr genau verfolgt. Der Dezember war fürchterlich, dieses Spiel mit der bevorstehenden Freilassung Erichs – ein Beispiel für psychischen Terror – hat viel Kraft gekostet. An eine plötzliche Wendung hat so recht niemand geglaubt. Es ist wirklich ein Sieg der internationalen Solidarität, dem sich die deutschen Politiker beugen mussten. Erichs schlechte Gesundheit war für sie der Ausweg, um eventuell doch ihr angeschlagenes Ansehen als »Rechtsstaat« etwas aufpolieren zu können. Aber man muss sie beim Wort nehmen. Der gegen jedes Recht weitergeführte Prozess gegen Heinz Keßler und Genossen muss eingestellt werden. Dem Faschismus und Rassismus muss Einhalt geboten werden – nicht mit Demagogie und Demonstrationen, die sie veranstalten, um der Welt zu zeigen, dass Großdeutschland eigentlich doch gar keine Gefahr ist.

Wir erfahren nach wie vor große internationale Solidarität. Das gibt viel Kraft, denn Erichs Gesundheitszustand ist, wie zu erwarten war, nicht sehr gut. Aber er ist hier, bei uns, und gemeinsam lässt sich vieles besser tragen. (…)

Wir wünschen Dir weiterhin viel Kraft und Ausdauer in Deinem unermüdlichen Bemühen zu helfen, die Köpfe der Menschen, vor allem der Jugend, in die richtige Richtung zu bringen.

Sei herzlich gegrüßt

von Erich und Deiner Margot

Margot Honecker an Eva Ruppert

Santiago, den 30. April 1993

Liebe Eva,

Deine Briefe waren wieder erfreulich schnell bei uns, schneller als die unsrigen bei Dir. Große Freude haben uns die Fotos von dem »Fähnlein der Aufrechten«, unseren treuen Kampfgefährten, bereitet. (…) Wir hatten hier ein schönes, vom hiesigen Solidaritätskomitee organisiertes Treffen mit ehemaligen chilenischen Exilanten. So gab es die Möglichkeit, den vielen Chilenen für ihre Solidarität zu danken und sie zu bitten, die Solidarität mit Heinz und den anderen deutschen Genossen fortzusetzen.

Ja, Eva, nun hat sich die Lage in Deutschland so entwickelt, wie vorauszusehen war. Das große Deutschland drängt nach vorn in der Welt. Immer schon war der deutsche Imperialismus expansiv, vor allem wenn er in der Krise steckte. Nun werden die Kriegstrommeln wieder gerührt. Sicher wird sich Widerstand regen, Kriege sind unpopulär. Deshalb versucht man, dies alles als »Friedensmission« zu tarnen. So will man den deutschen Michel ein übriges Mal einlullen. Wie rücksichtslos sich die Bourgeoisie aus der Krise winden will, zeigt ihr brutales Vorgehen zur Beschneidung der Rechte der Arbeiterklasse.

Gut, dass sich da etwas in Ost und in West regt. Streiks bewirken immer etwas im Bewusstsein der Menschen. Man muss nur klar sehen, dass die Herrschenden, je mehr sich Widerstand regt, die Daumenschrauben fester ziehen werden. Aber der alte Marx wird recht behalten, die Arbeiterklasse wird, wenn sie sich ihrer Lage bewusst wird, den Kampf um die elementaren Menschenrechte aufnehmen. Man kann, ja man muss mit Optimismus in die Zukunft sehen.

In diesem Sinne grüßen wir Dich sehr herzlich

Margot und Erich

Margot Honecker an Eva Ruppert

Santiago, den 23. Juli 1993

Liebe Eva,

Gedichte, Leserbriefe und Deine beiden an uns gerichteten Briefe sind wohlbehalten in unsere Hände gelangt. (…)

Wir sind über das Geschehen in Großdeutschland gut informiert, es beschäftigt uns sehr. Da gibt es so viel, worüber man mit Gleichgesinnten sprechen möchte. Du kannst uns glauben, Eva, wir würden Dich gern hier sehen. Aber bitte habe Verständnis, wenn wir Dich bitten, nicht jetzt eine solche Reise Deinerseits zu planen. Man kann einfach nicht bis August planen. Wir wissen nicht, wie es mit Erichs Krankheit weitergeht. Wir müssen es an uns herankommen lassen. Die Flügel lassen wir natürlich nicht hängen. Dabei hilft uns sehr der ständige Kontakt mit unseren Genossen und Freunden dort, in Deutschland, so trocknet dieser unser Lebensnerv nicht ein.

Liebe Eva, wir wissen es sehr zu schätzen, dass Du uns nun schon über Jahre die Treue hältst, hab’ Dank und sei von uns beiden herzlich gegrüßt.

Margot

Margot Honecker an Eva Ruppert

Santiago, den 23. Juni 1994

Liebe Eva,

Erich konnte Dir auf Deine letzten Briefe nicht mehr antworten. Uns beiden fehlte in den letzten Monaten und Wochen die Kraft.19 Du warst immer mit ihm solidarisch, besonders in den schweren Monaten der Haft. Er hat das nie vergessen, und ich will Dir dafür noch einmal meinen Dank sagen.

Liebe Eva, Du hast in Deinen Briefen nach so vielen Dingen gefragt, was unbeantwortet geblieben ist. Vielleicht findest Du auf einige Fragen Antwort in Erichs »Moabiter Notizen«.20

Ich grüße Dich ganz herzlich und danke Dir für Deine guten Worte.

Deine Margot

Anmerkungen:

1 Margot und Erich Honecker befanden sich seit April 1990 im sowjetischen Militärhospital in Beelitz. Die Honeckers blieben dort ein knappes Jahr, bis sie am 13. März 1991 mit einer russischen Militärmaschine nach Moskau ausgeflogen wurden. Am 30. November 1990 war vom Amtsgericht Tiergarten Haftbefehl gegen Honecker wegen des Verdachts erhoben worden, er sei der Urheber eines Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze.

2 Erich Weinert (1890–1953), deutscher Schriftsteller und Lyriker, im sowjetischen Exil 1943 Mitbegründer des »Nationalkomitees Freies Deutschland«

3 Am 10. Dezember 1991 war den Honeckers die Aufforderung der russischen Regierung übergeben worden, das Land bis zum 13. Dezember 1991 zu verlassen. Daraufhin gewährte die chilenische Botschaft dem Ehepaar Asyl. Ab März 1992 versuchten chilenische Diplomaten – im Vertrauen auf ein »rechtsstaatliches Verfahren« in Berlin –, die Honeckers zum Verlassen der Vertretung zu bewegen. Honecker wurde schließlich am 29. Juli nach Berlin ausgeflogen und in die Justizvollzugsanstalt Moabit gebracht. Margot Honecker reiste weiter nach Chile.

4 Erich Honecker: Erich Honecker zu dramatischen Ereignissen. Runge-Verlag, Hamburg 1992

5 Eva Ruppert hatte am 25. August mit den Mitgliedern des Solidaritätskomitees für Erich Honecker, Werner Cieslak und Heinz Junge sowie dem Verleger Wolfgang Runge, den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden zu dessen 80. Geburtstag in der JVA besucht.

6 Hans Wauer, 1990 Mitbegründer der KPD in der DDR

7 Im August war bekannt worden, dass Honeckers Leberkrebs in absehbarer Zeit zum Tod führen würde. Ärzte schätzten seine Lebenserwartung auf drei bis sechs Monate.

8 Siehe Anm. 4

9 Werner Engst, langjähriger Vertrauter und Freund Margot und Erich Honeckers

10 Zu Honeckers 80. Geburtstag am 25. August brachten diverse Sender und Zeitungen Beiträge.

11 Eva Ruppert hatte Honecker am 9. Oktober besucht. Dabei informierte er sie über die aktuellen ärztlichen Befunde zu seiner Krebserkrankung.

12 Am 23. Oktober 1992 eröffnete die 27. Strafkammer des Berliner Landgerichts das Verfahren gegen Honecker.

13 Daniel Ortega führte die sandinistische Befreiungsbewegung FSNL in Nicaragua, die 1979 das Somoza-Regime stürzte. Er stand bis 1985 an der Spitze einer Militärregierung, von 1985 bis 1990 war er gewählter Staatspräsident. Bei den Präsidentschafswahlen 2006 gewann er erneut die Wahlen, ebenso 2011 und 2016.

14 Wolfgang Schäuble war in seiner Tätigkeit als Chef des Bundeskanzleramts (1984–1989) wiederholt politischer Gesprächspartner von Honecker.

15 Charilaos Florakis (1914–2005), griechischer Antifaschist, Partisan und Kommunist, von 1972 bis 1989 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands

16 Gladys Marín (1941–2005), Generalsekretärin der Kommunistischen Partei Chiles

17 Gemeint ist vermutlich die Kundgebung zum Jahrestag der Oktoberrevolution

18 Am 13. Januar 1993 war der Haftbefehl gegen Honecker aufgehoben worden. Er reiste umgehend nach Chile aus.

19 Erich Honecker war am 29. Mai 1994 verstorben.

20 Erich Honecker: Moabiter Notizen. Letztes schriftliches Zeugnis und Gesprächsprotokolle vom BRD-Besuch 1987 aus dem persönlichen Besitz Erich Honeckers. Edition Ost, Berlin 1994

»Liebe Eva«. Erich Honeckers Gefängnisbriefe, hg. von Eva Ruppert. Edition Ost, Berlin 2017, 176 Seiten, 9,99 Euro

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