• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 08.07.2017, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Herrschaftsfreie Gesellschaften werden nicht mehr geleugnet«

Ein Gespräch mit Hermann Amborn. Über einen Irrtum von Jürgen Habermas, Fehler sozialistischer Modernisierung in Südäthiopien und die Rückkehr anarchistischer Traditionen

Interview: Thomas Wagner
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Frauen und Mädchen der Burji schöpfen nahe Marsabit in Kenia Wasser (16. September 2014)

In Ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch »Das Recht als Hort der Anarchie« behaupten Sie: »Anarchie ist nicht ein Projekt oder eine Utopie, sondern wird praktiziert.« Das ist eine steile These.

Aber sie stimmt. Als Ethnologe habe ich herrschaftsfreie Gesellschaften am Horn von Afrika kennengelernt, im Zuge längerer Feldforschungen im südlichen Äthiopien und im nördlichen Kenia. Auch durch Erlebnisse mit meinen Kontaktpersonen bin ich auf die Spur des Anarchismus gebracht worden. In Äthiopien gibt es eine große Anzahl von egalitären Ethnien. Man kann diesbezüglich eine Grenze zwischen dem Norden und dem erst um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert vom Kaiserreich eroberten Süden ziehen. Im Süden gibt es die große Gruppe der Oromo. Von nahezu 100 Millionen Einwohnern Äthiopiens gehören zwischen 40 und 45 Millionen den Oromo und den ihnen verwandten Gruppen an, zu denen ich die von mir untersuchte Burji-Konso-Gruppe zähle. Das ist ein mehr als 300.000 Menschen umfassendes Konglomerat von 15 Ethnien in Südwestäthiopien.

Welche Form der Wirtschaft betreiben diese Gruppen?

Die größte Oromo-Untergruppe in Südäthiopien sind die Borana. Sie betreiben Viehwirtschaft mit einem Einschlag von Hirtennomadismus. Sie bewohnen ein Gebiet, das bis runter an den Äquator reicht, nach Kenia und nach Somalia hinein. Sie gehören sicher zu den am stärksten herrschaftsfrei organisierten Gruppen. Die Burji-Konso hingegen sind eine Bevölkerung von sesshaften Bergbauern.

Man kann sagen, dass diejenigen Bevölkerungsteile, die der kuschitischen Sprachfamilie angehören, weitgehend egalitär organisiert sind. Diese Gesellschaften haben eine akephale oder, wie ich lieber sage, eine polykephale Grundstruktur.

Die Ausdrücke »akephal« und »polykephal« müssen Sie erklären.

»Akephal« ist ein Begriff, der sich in der Ethnologie für herrschaftslose Gesellschaften weitgehend durchgesetzt hat. Ich verwende ihn nicht so gerne. »Akephal« bedeutet soviel wie kopflos. In diesen Gesellschaften können jedoch viele Köpfe entscheiden. Deshalb bezeichne ich sie als polykephal. Beide Begriffe bedeuten jedoch im Grunde dasselbe: eine herrschaftslose Gesellschaft. Auch der etwas aggressivere Begriff der Anarchie trifft das, was gemeint ist.

Die meisten Sozialwissenschaftler glauben, dass es so etwas wie eine herrschaftsfreie Gesellschaft nicht geben könne. Ist das in der Ethnologie genauso?

In der heutigen Ethnologie ist es umgekehrt. Die Existenz herrschaftsfreier Gesellschaften wird nicht mehr geleugnet. Der Ethnologe David Graeber meint, es sei unser »kleines, schmutziges Geheimnis«, dass es tatsächlich anarchistische Gesellschaften gibt. Allerdings treten immer wieder einzelne Ethnologen auf, die beispielsweise geringfügige Unterschiede in der Verteilung des Reichtums zum Anlass nehmen, von Herrschaftsstrukturen zu sprechen.

Oft heißt es, bestenfalls ganz kleine Gruppen könnten sich organisieren, ohne Herrschaftstrukturen herauszubilden.

Man bezieht sich dann auf sogenannte Jäger- und Sammlergesellschaften. Hier ist das Fehlen von Herrschaft selbst für Skeptiker nicht zu übersehen. Das bedeutet aber nicht, dass größere Gesellschaften nicht in der Lage wären, sich ohne Herrschaft zu organisieren. Bei den Oromo sind es momentan noch etwa zwölf Millionen Menschen, auf die ich die Bezeichnung polykephal anwenden würde. Die Somali haben in Somaliland und Puntland zwei stabile Gemeinwesen gegründet, in denen traditionale polykephale Strukturen zum Tragen kommen. Das sind Großgesellschaften, die sich vor Jahrzehnten von dem vom Krieg zerstörten Somalia abgespalten haben, aber von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt werden. Bereits in den 1940er Jahren hatten britische Ethnologen, Vertreter der Social Anthropology, im Auftrag der Kolonialverwaltung eine Reihe von Studien über herrschaftsfreie Gesellschaften angefertigt, die mehrere hunderttausend Menschen umfassten. Man wollte die Funktionsweise dieser Gesellschaften verstehen, um sie besser kontrollieren zu können. Dabei ist man aber zu wichtigen Erkenntnissen über herrschaftsfreie Strukturen gelangt.

Seit dem 18. Jahrhundert wird gesagt, dass egalitäre Stammesgesellschaften im Verschwinden begriffen seien. Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie solche Strukturen, die in Südäthiopien bereits abgeschafft worden waren, in jüngerer Zeit wieder zurückkehrten.

Im äthiopischen Kaiserreich wurden die Angehörigen herrschaftsloser Völker unterdrückt, man kann sogar sagen versklavt. Nach der Eroberung der freien Völker des Südens, die etwa um 1900 abgeschlossen war, wurden jedem Soldaten 20 Personen als Arbeitskräfte zugeteilt. Man hat dann Herrschaftsstrukturen von oben eingeführt, indem man Inhaber religiöser Ämter mit politischen Machtbefugnissen ausstattete. Das waren also von der Regierung eingesetzte »Häuptlinge«, die es zuvor nicht gab. Sie waren der Verwaltung gegenüber verantwortlich. Während das Gros der Bevölkerung in Knechtschaft leben musste, hat man diese Häuptlinge mit bestimmten Privilegien ausgestattet. Dieser Zustand wurde 1974 durch die Revolution beendet.

Wie ist die marxistische Regierung mit diesen Gesellschaften im Süden umgegangen?

Sie hat versucht, eine sozialistische Sozialordnung einzuführen, ohne zu wissen und zu berücksichtigen, dass sie es mit Gesellschaften zu tun hatte, in denen noch basisdemokratische Verhältnisse vorhanden waren. Es wurden Kampagnen durchgeführt, bei denen Studenten und Schüler aus der Hauptstadt Addis Abeba auf das Land geschickt wurden, um die neue Ideologie bekannt zu machen und sie durchzusetzen. Dabei sind sie auf der einen Seite gegen die vom vorherigen Regime eingesetzten Häuptlinge vorgegangen. Auf der anderen Seite haben sie die traditionelle Religion sehr stark bekämpft, die eng mit dem verbunden war, was an herrschaftsfreien Strukturen noch vorhanden war. Die Bevölkerung hat dann versucht, die Anordnungen der neuen Regierung zu unterlaufen. Nachdem die sozialistische Regierung 1991 abgelöst und ein föderales System eingeführt worden war, traten die traditionellen Strukturen wieder mehr zu Tage. Sie waren von der staatlichen Verwaltung kaum beachtet worden. Mit Ausnahme von Schwerkriminalität liegt die Gerichtsbarkeit heute bei den einzelnen Kommunen auf dem Land.

Oft wird gesagt, dass es da, wo es keine Aufklärung gegeben hat, auch eine freie und demokratische Gesellschaft nicht geben könne.

Das ist ein Argument, das beispielsweise von dem Philosophen Jürgen Habermas vorgebracht wird, der eine Theorie des herrschaftsfreien Diskurses entwickelt hat. Aber ich halte das für unsinnig.

Die Leute, die ich kennenlernen durfte, praktizieren eine solche Kommunikation ohne Hierarchien. Auf sie trifft die Bezeichnung eines »Zoon politikon« zu (»politisches Tier«, Aristoteles’ Definition des Menschen; jW). Es handelt sich um wirklich politische Menschen. Sie sind in Kommunikationsstrukturen hineingewachsen, die sie an Streit und Diskussionen gewöhnt haben. Sie müssen sich intellektuell mit komplizierten Problemen befassen, die auftauchen, wenn eine Vielzahl von Institutionen, Interessen und Meinungen aufeinandertrifft. Die Strukturen sind sehr flexibel und werden lebendig gehalten. Die Borana berufen beispielsweise alle acht Jahre ein großes Treffen ein, bei dem 3.000 Abgeordnete dieses Volkes für mehrere Monate zusammenkommen, um die vorhandenen gesellschaftlichen Spielregeln und Richtlinien zu überprüfen. Gegebenenfalls werden sie modifiziert, oder neue Regelungen werden vereinbart. Dabei spielt die Mündlichkeit eine große Rolle. Die Vereinbarungen prägen sich so besser ein, und es besteht die Möglichkeit der Variation und Weiterentwicklung.

Wenn Regeln nicht schwarz auf weiß nachgelesen werden können, ist es doch leichter, Leute hinters Licht zu führen. Schafft die mündliche Überlieferung nicht vor allem Möglichkeiten der Manipulation?

Nein, denn wenn jeder das gleiche Recht hat und niemand daran gehindert wird, seine Meinung zu äußern, bleibt für Manipulation nur wenig Spielraum. Es wird immer darauf geachtet, dass sich niemand über den anderen erhebt. Das trifft in besonderem Maße für die durchaus vorhandenen Würdenträger zu. Das schlimmste Vergehen ist der Amtsmissbrauch. Damit ist nicht wie etwa bei uns Korruption gemeint, sondern Machtanmaßung. Wenn solche Autoritäten den ihnen gesetzten Spielraum überschreiten, wird das schwer geahndet. Im schlimmsten Fall schließt man sie aus der Gesellschaft aus.

Wie ist es um das Verhältnis von Männern und Frauen bestellt?

Es gibt Gremien, in denen Männer und Frauen gemeinsam sitzen. Es gibt welche, die nur aus Männern zusammengesetzt sind, und es bestehen außerdem reine Frauengremien. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich 1974 bei der Burji-Konso-Gruppe in eine solche Versammlung hineingeraten bin, bei der es um Clanangelegenheiten ging. Ich wohnte damals bei einer Familie in ihrem Gehöft. Die Versammlungen fanden reihum in den Gehöften statt. An diesem Tag also bei meinen Gastgebern. Damals beherrschte ich die Sprache noch nicht. Ich dachte zunächst, ich bin in einer Frauenversammlung. Denn die Frauen hatten die ganze Zeit das Sagen. Die Männer haben nur ab und zu ablehnend oder zustimmend genickt oder gebrummt.

Ich habe zunächst zufällig, später auch gezielt, Versammlungen beigewohnt, in denen Probleme politischer und rechtlicher Natur behandelt wurden. Dabei konnte ich beobachten, wie die Leute miteinander umgegangen sind. Es wurde eine breite Öffentlichkeit hergestellt, in der Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und ungeachtet ihrer sonstigen sozialen Unterschiede frei miteinander kommunizieren konnten.

Gewöhnlich fragen Sozialwissenschaftler danach, warum es diese Gesellschaften nicht schaffen, einen Staat herauszubilden.

Ich habe genau die umgekehrte Frage gestellt, und die lautet: »Wie gelingt es ihnen, sich gegen den Staat zu wehren?« Bei den Gesellschaften, die ich kennengelernt habe, handelt es sich um eine ganz bewusste Ablehnung von Herrschaftsverhältnissen. Man achtet beispielsweise darauf, dass die geringfügig vorhandene ökonomische Ungleichheit nicht zu groß wird. Auch bei uns wird gesagt: Reichtum verpflichtet. Aber dort werden Reiche wirklich in die Pflicht genommen. Geiz wird geahndet. Wenn jemand des Geizes bezichtigt wird, kann es vorkommen, dass junge Männer in sein Haus eindringen, ihn an den Hauspfosten binden, eine seiner Ziegen schlachten und alles verzehren, was sie finden können. So eine Aktion wird dann nicht etwa als Regelverstoß geahndet, sondern als durchaus gerechtfertigt gewertet. Derjenige, dem so etwas geschieht, wird ausgelacht. Er wird sich hinterher auch nicht beklagen.

Die polykephalen Gesellschaften sind umgeben von hierarchisch verfassten Gesellschaften. Sie leben mittlerweile innerhalb der Grenzen eines modernen Staates, der einen mehr oder weniger großen Einfluss hat. Doch schon zuvor hatten sie in Nachbarschaft zu autochthonen Staatsgebilden gelebt. Was Südäthiopien betrifft, ist da vor allem das nordäthiopische Kaiserreich zu nennen. Hinzu kommt das nahgelegene Königreich Kaffa, das ziemlich bedeutend gewesen ist. Gegen diese Staaten haben sie sich zur Wehr gesetzt.

Auf welche Weise taten sie das?

Sie haben sich nach außen abgegrenzt und zudem darauf geachtet, intern keine Machtgefälle entstehen zu lassen. Ich habe selbst erlebt, wie Angehörige der Burji-Konso-Gruppe von den Gebräuchen ihrer Nachbarn aus dem ehemaligen Königreich Kaffa erzählten und diese ins Lächerliche zogen. Sie machten sich darüber lustig, dass man dort vor Würdenträgern auf die Knie fällt oder sie inständig um etwas bittet. So ein unterwürfiges Verhalten wurde gerne karikiert. Meine Gesprächspartner betonten, dass sie sich nicht von irgendwelchen Leuten sagen ließen, was sie zu tun oder zu lassen hätten.

Herrschaftsfreie Gesellschaften sind doch ein Phänomen, das nicht nur auf Afrika beschränkt ist, oder?

Keineswegs. Es handelt sich um ein weltweites Phänomen. Auch auf Bali, wo ich mich ebenfalls zu Forschungszwecken aufhielt, habe ich eine solche Gesellschaft kennengelernt. Man kann die Philippinen hinzufügen und Madagaskar. Es gibt das auch bei Anarchisten beliebte und von Karl Marx und Friedrich Engels schon im 19. Jahrhundert beschriebene Beispiel des Irokesenbundes in Nordamerika. In Lateinamerika gibt es viele Beispiele für derartige Gruppen. Die Zapatisten in Chiapas bauen zum Teil auf traditionellen egalitären Strukturen auf. Der Wunsch nach Gemeinsamkeit ohne Hierarchie scheint im Menschen angelegt zu sein.

Der Agrarwissenschaftler James C. Scott sagt, viele Bergvölker in Südostasien hätten sich gebildet, indem Menschen in den vergangenen 2.000 Jahren vor den sich in den Tälern ausbreitenden Staaten geflüchtet sind. Ihre egalitäre Struktur resultiere aus dieser Staatsfeindschaft, argumentiert er in seinem vielbeachteten Buch »The Art of Not Being Governed. An Anarchist History of Upland Southeast Asia« aus dem Jahr 2009. Die gebirgige Region, die er Zomia nennt, umfasst Teile des heutigen Südchinas, Myanmar, Laos und Vietnam. Dort leben ungefähr 100 Millionen Menschen.

Ich finde es faszinierend, was er über Zomia schreibt, und kann seinen Thesen weitgehend folgen. Ich denke, es handelt sich aber nicht nur um eher zufällige Gründungen von Kleingruppen, die dem Staat ausgewichen sind, sondern wenigstens zum Teil um eine ganz bewusste, auch ideologisch begründete Abkehr. Ganze Armeen sind in die Berge geflüchtet. Zum Teil mögen auch ideologische oder religiöse Strömungen wie der Taoismus eine Rolle gespielt haben.

Kann eine sozialistische Bewegung etwas von solchen Gesellschaften lernen?

Die Ethnologie kann keine Handlungsanweisungen geben. Sie kann zum Nachdenken anregen. Es ist wichtig zu wissen, dass es andere Möglichkeiten des Zusammenlebens gibt. Man kann das nicht einfach nachbauen. Wir sollten uns aber, verdammt noch mal, überlegen, wie wir selbst eine herrschaftsfreie Gesellschaft entwickeln können.

Das Gespräch führte Thomas Wagner

Hermann Amborn geboren 1933 in Braubach, ist emeritierter Professor für Ethnologie. Er machte eine Ausbildung als technischer Zeichner und wurde zunächst Ingenieur. Nach einer längeren Reise kam er zur Ethnologie und lehrte als Professor in München. Forschungsaufenthalte führten ihn bis in die jüngste Zeit immer wieder nach Südäthiopien Materialien zu seinem Buch »Das Recht als Hort der Anarchie« können online auf dem Open-Access-Server der Ludwig-Maximilians-Universität eingesehen werden: kurzlink.de/Amborn_Material

Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie. Berlin 2016, Matthes und Seitz, 285 Seiten, 18 Euro

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